04.10.2011 · Nicht die Abwertung als solche hat Kraft, sondern ihre Bedeutung zählt: Der französische Psychiater Boris Cyrulnik hat eine wohltuend klischeefreie Phänomenologie des Schamgefühls verfasst.
Von Petra GehringIst das Psychologie? Oder doch eher meditative Poesie? In seinem Buch „Mourir de dire la honte“ - die deutsche Übersetzung trägt den vergleichsweise groben Titel „Scham. Im Bann des Schweigens“ - greift der bekannte französische Psychiater Boris Cyrulnik ein weitreichendes Thema auf. Außerdem erfindet er eine besondere Sprache. Sie ist eigenartig langsam, auf leise Art ausdrucksvoll und vor allem: Sie vermeidet psychologisierende Klischees.
Cyrulnik ist Traumaforscher. Die seelische „Verletzung“, die man sich allzu leicht wie einen körperlichen Defekt vorstellt, fasst er jedoch von seiner sozialen Seite her auf: als Prozess der Beschämung und als eine Art innere Gefangenschaft. Eine unausgesprochene, weil unaussprechliche, die anderen zurückprallenlassende Erfahrung gräbt sich ein. Dies zu verbergen errichtet eine Schwelle. Das Unausgesprochene quält so zweifach: weil man es nicht teilen kann, aber auch, weil die Scham zu Verheimlichungen zwingt. Die Kommunikation gerät in die Nähe der Lüge. Das Unausgesprochene wird „Einfluss auf unsere Beziehung haben, da ich die Worte, die ungesagt bleiben ... in meinem tiefsten Inneren unablässig wiederhole“. Ich sehe, wie die anderen mich sehen würden, würde ich reden. Und ich sehe, wie ich ihnen gegenüber erbärmlich manövrieren muss, um den Blick, den ich fürchte, zu meiden. Der Beschämte hasst sich dafür.
Mit seiner Theorie der Scham schlägt sich Cyrulnik auf die Seite der Sozialphilosophie und weist Modelle einer „Natur“ der Scham wie auch alle Kausaltheorien zurück. „Die Scham ist nicht durch eine Tatsache selbst begründet, sondern entsteht durch einen inneren Diskurs, der diese Tatsache beurteilt.“ Es geht also um ein kulturelles Gefühl, nicht um etwas, das aus Körper, Seele oder Hormonen käme. Wut oder Euphorie lassen sich durch Substanzen auslösen. Einen Stoff, der Scham zur Folge hat, gibt es hingegen nicht.
Das Gefühl bedarf der persönlichen Vorstellung, und es ist nicht nur von gesellschaftlichen Bewertungen abhängig, sondern auch von meinem ganz eigenen Erfahrungsleben: „In meinem eigenen unsichtbaren Theater inszeniere ich das, was ich nicht zu sagen vermag, weil ich große Angst habe, es könnte ausgesprochen werden.“ Wie bei Sartre ist es auch bei Cyrulnik der Blick des anderen - aber eben: der imaginierte Blick, das, was ich mir vorstelle, das der andere sieht - die Urszene der Scham. Hinzu kommt dann aber der Ruin der Sprache. Jemand höhlt sich aus, richtet ein imaginäres Gericht in sich ein, verschließt seine Scham „in einer Krypta von Ausdruckslosigkeit“.
Scham hat keine eigentliche Funktion. Auch das unterscheidet sie von anderen Gefühlen. Und sie ist steigerbar, denn sie ist auf sich selbst anwendbar: Scham ist gekoppelt mit der Enttäuschung von Erwartungen, die ich mit den anderen teile, aber nicht erfüllen kann, weshalb es naheliegt, dass ich mich nicht nur für etwas schäme, sondern auch für meine Scham. Und dann dafür, dass ich auch dies sehe, aber, ohne die Schwelle zu übertreten, wiederum nichts ändern kann und so fort.
Mit anderen Worten: Die Enttäuschung über sich selbst ist Grund für Scham - und kann sich dann durch die Scham für die Scham verstärken. Vereinsamung wird die Folge sein. Denn wer Scham empfindet, bringt Bitterkeit in eine Beziehung mit. Freilich sind die unterschiedlichsten Wendungen denkbar. Man kann die (eigene) Scham lieben, wenn sie der Rache dient, und man kann sie nutzen, um sich vom schlechten Gewissen zu befreien: Der Sohn reicher Eltern schämt sich der Eigentumswohnung, die sein Vater zum Studium ihm kaufte, während sein armer Mitstudent auf sein kleines Zimmer stolz sein kann, sich aber des Loches zwischen den Beinen seiner Hose schämt.
Scham und Schuld wiederum können zusammenkommen, aber sie lassen sich unterscheiden: Da der Schuldige sich etwas Greifbares vorwirft, leidet er an etwas Benennbarem und der Gedanke der Strafe schließt ein Gegenüber und Verständigung mit ein. Nur der Beschämte gleitet in die diffuse Bitterkeit bodenloser Selbstabwertung und in den Habitus des Ausweichens hinein. Wie viel Spielraum aber stets bleibt, zeigt sich daran, dass keinesfalls jeder, sondern nur jemand, den ich anerkenne, mich beschämen kann. Nicht die Abwertung als solche hat Kraft, sondern ihre Bedeutung zählt - wie auch nicht in den Schmerzen das Zerstörerische der Folter liegt, sondern in den Techniken der Beschämung, die sie mit dem Schmerz verknüpft. Für die Wirkungen sexualisierter Gewalt gilt das ebenso. Sexueller Missbrauch ist immer schlimm, aber wie nachhaltig er seine Opfer beschädigt, hängt von filigranen Bedingungen ab.
An diesem Punkt ist Cyrulniks Phänomenologie der Scham mit Forschungen zur sogenannten „Resilienz“, zum Widerstand gegen Traumatisierung, verbunden. Erinnerung verlöscht nicht, insofern ist Scham nicht heilbar, aber man kann sie hinter sich lassen, und „Resilienzfaktoren“ sind Bedingungen, die hierfür Kraft und Rückhalt geben. Was also versetzt Menschen in die Lage, ein Trauma zu bewältigen, aus der Scham herauszutreten wie aus einem Erdloch? Cyrulnik unterscheidet Bedingungen, die ein Kind oder Erwachsener mitbringt, Bedingungen, die in der Form des beschämenden Erlebnisses liegen, und Bedingungen der sozialen Unterstützung danach. Zur Gruppe der zuerst genannten Bedingungen können körperliche Eigenschaften gehören, aber auch genetische „Tendenzen“, von denen in der Traumaforschung der letzten Jahre viel die Rede war, erhalten allenfalls im Zusammenspiel ein gewisses Gewicht. Verletzungen sind Teil einer Geschichte. Cyrulnik nennt das „systemische Perspektive“: Wer schon vor einem Übergriff mit Ängsten und Bindungsproblemen kämpfen muss, wird härter getroffen werden als jemand, der Geborgenheit kennt. Emotionale Entblößung vor dem Täter, das Gefühl, aus Panik auf ihn eingegangen zu sein, bis hin zum Gefühl der Mitschuld reduziert die Resilienz - das macht den Schaden des Missbrauchs durch Eltern oder Lehrer so groß: Das Opfer empfindet sich als Verräter am Täter und als schuldig am Ruin der Beziehung, wenn es sein Schweigen bricht.
Hier drohen Teufelskreise, denn Opfer, die sich schuldig fühlen, ziehen neue Taten und neue Täter auf sich. In der sozialen Reaktion der Umgebung liegt die naheliegende große Chance, warten aber auch gesonderte Gefahren. Fehlt Unterstützung oder droht gar Stigmatisierung - gelten vergewaltigte Mädchen als ,beschmutzt’, gelten eingeschüchterte Männer als ehrlos - so reduziert das die Kraft, aus den Abgründen der schweigenden Beschämung herauszufinden.
Abschließend widmet sich Cyrulnik der Verzahnung von Scham und Stolz sowie kulturvergleichenden Überlegungen, die hier naheliegen: Die Herrschaft der Scham macht Gemeinschaften unfrei. Das wissen Frauen, deren Überleben vom Erweisen der Treue und Jungfräulichkeit abhängt, aber auch Männer, die in einen martialischen Ehrenkodex eingebunden sind. Insofern ist die Beschämung (die einen im Zweifel lieber den Tod als die Schande wählen lässt) ein sicheres Kennzeichen dafür, dass eine Kultur auf Hierarchien beruht.
Aber auch vollständige Schamlosigkeit führt in eine Pathologie. Wer sich gar nicht schämen kann, dem fehlt die Frage, wie die anderen mich sehen, völlig - und damit eine wichtige Außenperspektive, die das Individuum um der anderen willen Grenzen lehrt. Cyrulnik lässt hier eine Kulturkritik durchblicken, deren politische Stoßrichtung zu vage bleibt, um sie zu verstehen. In den „sozialen Isolaten“ des Westens fehlen Alternativen zur Familie, es droht eine Vernachlässigung der Kinder - so lautet eine Botschaft. In ärmeren Weltregionen wiederum produzieren Millionenstädte brutale Gewalt durch Clanwesen und Anomie, denn wer keine Chance hat, weiß das sehr wohl, und Gewalt ist ein Weg, Beschämung zu lindern. Auch hier sind die Kinder in Gefahr. Das Weitergeben von Werten würde ein „äußerst wichtiger Resilienzfaktor“ sein.
Cyrulnik legt seine Hoffnungen auf die Erziehung in der Schule. Als Kind russischer Juden hat er selbst die Deportation seiner Eltern nur knapp überlebt und wurde gerettet, weil seine französische Lehrerin ihn im Internat vor den NS-Besatzern versteckte. In Scham erwähnt er das, vermeidet es jedoch, zum eigenen Leben explizite Parallelen zu ziehen. Gleichwohl strahlt das Vertrauen, das sein Text in die Macht der Sprache hineinlegt, auch dort noch etwas Ermutigendes aus, wo seine freundlichen, langsamen Erwägungen im Endeffekt dann doch eher ungenau bleiben.
„Wenn die Erzählungen sich verändern, wechselt die Scham das Lager“, heißt es an einer Stelle. Gemeint ist, dass der Beschämte, der für das Erinnern Worte hat, die sich aussprechen lassen, unter Umständen die anderen, seine Zuhörer, beschämt. Vielleicht gibt es also an der Schwelle des Schweigens eine Grenze der Präzision - welche Cyrulniks mäandernde, wiederholungsreiche Sprache nicht überschreiten möchte. Unverzeihlich sind allerdings gerade bei einem so fragilen Ineinander von Form und Inhalt die Schludrigkeiten, die der Verlag sich beim Lektorat und in der Übersetzung geleistet hat.