18.10.2004 · Eine phantastische Entdeckung: In Frankreich sind achtzig unveröffentlichte Geschichten des weltbesten Kinderbuchs „Der kleine Nick“ von Sempé und Goscinny aufgetaucht. Das ist ein Glück nicht nur für die Jüngsten.
Von Volker WeidermannWas für ein merkwürdiger Karton, dachte sich Anne Goscinny, als sie bei ihrem Umzug vor vier Jahren in einer Ecke ihrer Wohnung auf diese große Schachtel stieß, die aus dem Nachlaß ihres Vaters, des großen Geschichtenerfinders René Goscinny, stammen mußte. Sie öffnete sie, und darin waren - auf dünnem Papier - Durchschläge der Geschichten vom kleinen Nick. Dem schönsten Kinderbuch der Welt, das ihr Vater, zusammen mit dem genialen Zeichner Jean-Jacques Sempé, Anfang der sechziger Jahre begonnen hatte und das sich weltweit mehr als acht Millionen Mal verkauft hat.
Anne Goscinny sah diese alten Durchschläge und begann zu lesen. Sie wollte sich erinnern. An ihre Kindheit. An ihren Vater. Und lachen, lachen, lachen. Sie las und las und erinnerte sich - an nichts. Es waren neue Geschichten. Die sie nicht kannte. Neue Geschichten aus einer alten Welt.
Alle waren wieder da. Adalbert, der dreckige Ranschmeißer und Liebling von unserer Lehrerin, dem man nicht so oft eine reinhauen darf, denn er trägt eine Brille, Max mit den langen Beinen und schmutzigen Knien, der starke Franz, der sehr stark ist und seinen Freunden ständig eins mit der Faust auf die Nase hauen muß, und Hühnerbrüh, der Hilfslehrer, der immer zu uns sagt: "Seht mir in die Augen", und in der Hühnerbrühe sind doch Augen, und Otto, das ist mein Freund, der immer essen muß, und Chlodwig, der Klassenletzte, der immer in der Ecke stehen muß und in den Pausen immer nicht raus darf, wenn er davor wieder mal an die Tafel mußte und wie immer nichts wußte, und unsere Lehrerin, die haben wir sehr gern, und Marie-Hedwig, die immer so toll mit den Wimpern klimpert, und Onkel Eugen und Papa und Mama und - der große kleine Nick.
Petsch!
Anne Goscinny las das alles und wunderte sich, fand heraus, daß all diese Geschichten Anfang der sechziger Jahre in der Regionalzeitung "Sud-Ouest Dimanche" in Bordeaux erschienen waren. Achtzig davon hatten Sempé und Goscinny danach in fünf Bänden herausgegeben. Und sich dann - so sind sie, die Genies -, ohne das abzuschließen, neuen Projekten zugewandt. 1977 starb René Goscinny, der Mann, dem die Welt auch Asterix und Obelix und Lucky Luke verdankt, aufgrund eines ärztlichen Kunstfehlers.
Achtzig Nick-Geschichten waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Buchform erschienen. Und vergessen. Auch von Sempé. Der zum großen Glück auch der Versuchung widerstand, nach Goscinnys Tod den kleinen Nick einfach mit selbstgeschriebenen Geschichten weiterleben zu lassen, wie das sein Kollege Uderzo mit Asterix machte und durch diese läppischen Geschichten die Glorie des gallischen Kriegers in den Schmutz zog.
650 frische Seiten
Nein, die Geschichten, die jetzt auf 650 frischen Seiten vor uns liegen, sind echte Goscinnys und echte Sempés. Es ist der echte kleine Nick. Und daß das beste Weltkinderbuchwerk, vierzig Jahre nachdem in Frankreich der letzte Nick-Band erschienen ist, mit einem Schlag verdoppelt wird, das ist eine Sensation und ein Glück. In Frankreich, wo Anne Goscinny eigens für dieses Buch einen Verlag gründete, wurden in den Tagen nach dem Erscheinen vor gut einer Woche 150.000 Bücher verkauft. Tageszeitungen erscheinen mit Sonderbeilagen. Die Menschen stürmen in die Buchhandlungen. Frankreich feiert den wiedergefundenen Sohn. Ihren Petit Nicolas. Unseren Nick.
Wie soll man dem Nichtkenner das Phänomen Nick erklären? Unter Kennern ist es ja leicht. Man sagt: "Kappe, der hat 'ne Meise", schon liegt man sich in den Armen. Oder: "Ich spiele mit Adalbert". Harharhar. Oder: "Rex, der Hund" oder "Die Horumer Spitze" oder "Ich geh weg von zu Hause", wo es dieses ganz und gar unvergeßliche Bild gibt von dem sehr, sehr kleinen Nick mit dem kleinen Bündel auf der Schulter in der großen Stadt mit den riesigen Autos und er also so davonzieht und sein Spielzeugauto verkaufen möchte und eine alte Lokomotive, weil er nämlich Chlodwig sein Fahrrad abkaufen möchte, damit er etwas schneller fortkommt von hier, und der Verkäufer im Spielzeugladen erklärt ihm nun also, daß er Spielsachen verkauft und nicht kauft, zumindest nicht von Nick und nicht so alte.
Immer dasselbe!
"Und er hat gehustet und dann hat er gesagt, er erklärt es mir später, wenn ich groß bin und es verstehen kann. Er hat natürlich nicht gewußt, daß ich später, wenn ich groß bin, kein Geld mehr nötig habe, sondern ich bin sehr reich und habe ein Auto und ein Flugzeug. Ich habe angefangen zu weinen." Aber es ging dann natürlich doch noch sehr gut aus, und der freundliche Herr hat ihm ein neues Auto geschenkt und gesagt, jetzt müsse er aber mal sehr schnell nach Hause, es sei schon spät. Und Nick sagt: "Es war wirklich schon spät und es fing schon an dunkel zu werden und auf der Straße waren keine Leute mehr und da bin ich aber gerannt. Wie ich zu Hause angekommen bin, hat Mama geschimpft, weil ich so spät zum Abendessen komme - immer dasselbe!" Aber morgen geht er natürlich dann also wirklich weg von zu Hause, und dann werden sie es aber noch bereuen, Papa und Mama, und werden sich Sorgen machen und staunen, wenn er dann also zurückkommt, viel später mit einem Flugzeug und einem großen Auto.
Und natürlich wird er nicht weggehen. Wie sich auch sonst nichts verändern darf in dieser paradiesischen Jungswelt auf dem Schulhof und zu Hause. In diesem Kosmos des Immergleichen. In dem die spätromantische Leitmotivtechnik zu einer penetranten Meisterschaft getrieben wird, die Richard Wagner und Thomas Mann hätte erbleichen lassen. In jeder Unterrichtsstunde schlägt die Lehrerin mit dem Lineal auf das Pult, und in der Pause "hauen wir uns und es ist klasse".
Pöh!
Wenn wir eins mit der Faust auf die Nase kriegen, macht es "Petsch!", wenn wir auf etwas neidisch sind und aber so tun wollen, als ob wir es gar nicht so toll finden, heißt es "Pöh!", und immer wenn Papa nach Hause kommt, sitzt er im Sessel, liest die Zeitung, möchte sein Ruhe, und was auch immer Nick ihm vorträgt, er hat es früher wesentlich besser gemacht, hat genau in diesem Bereich zahlreiche Pokale gewonnen, die beim Umzug leider verlorengegangen sind, und wenn er nicht geheiratet hätte, könnte er noch heute Meisterschaften gewinnen. Mama hat an schlechten Tagen (das heißt: wenn sie weinen muß. Aber das darf niemals ausgesprochen werden) immer etwas im Auge und muß mal eben in die Küche. Und an den guten, den sehr, sehr guten Tagen darf Nick sich zweimal Nachtisch nehmen.
Und die Sprache ist kindlich, phantastisch, atemlos staunend, aufgebracht berichtend, in der deutschen Übersetzung ein "und dann" an das nächste hängend, weiter, immer weiter quatschend, als ginge es ums Leben, und es geht ja auch ums Leben, und es muß nur sehr, sehr schnell erzählt werden, weil gleich müssen wir wieder raus hinaus auf die Straße, auf den Hof. Das wird prima. Das wird prima. Petsch! Und Pöh! Und auf die Nase. Und das ist ganz ungerecht. Und hinaus und hinein und wieder zurück.
Das ist schon alles.
Das ist das Ganze.
Jetzt also neue Geschichten, und wie soll das gehen. Es darf, es muß sich alles ereignen. Und es darf sich nichts Neues ereignen. Der Nick-Kreisel soll sich weiterdrehen. Vierzig Jahre nach dem letzten Buch auf französisch, über dreißig Jahre nach dem letzten Buch, das auf deutsch erschien. Und es funktioniert. Es geschehen so viele neue Dinge, die sich am Ende jeder Geschichte wieder in nichts aufgelöst haben.
Ein neuer Fernseher
Nicks Familie bekommt einen Fernseher. Das geht natürlich überhaupt nicht, weil ja nur Chlodwigs Familie einen Fernseher haben darf, zu dem sie dann immer mal zu Besuch kommen und einen Cowboy- oder Kriminalfilm schauen. Außerdem darf nur Chlodwig einen Fernseher haben, denn der ist ja Klassenletzter, und da scheint es irgendeinen Zusammenhang zu geben. Na, jedenfalls wird der Fernseher in Nicks Familie am Ende der Geschichte natürlich wieder abgeschafft.
Und in einer anderen Geschichte ist es doch wirklich so, daß die Lehrerin für längere Zeit wegfahren muß, und alle haben einen dicken Kloß im Hals, denn sie haben sie sehr gern, die Lehrerin, und die Vertretung wird nicht Hühnerbrüh übernehmen, sondern eine neue Lehrerin, und da darf plötzlich Chlodwig die Landkarte holen, und der dreckige Ranschmeißer Adalbert bekommt Strafarbeiten, und die Welt steht also auf dem Kopf. Aber auch dies nur für eine Episode.
Ein Stück vom Hörnchen
Und Otto gibt zum ersten Mal in seinem Leben Nick ein Stück von seinem Croissant (früher immer "Hörnchen" in der deutschen Übersetzung. Toll!) ab, weil Nick zum ersten Mal in der Schulkantine essen muß mit Franz, und es wird aber natürlich herrlich, und man darf zweimal Nachtisch nehmen.
Leider gibt es sie noch nicht im Original. Das ist jetzt natürlich ein Witz. Denn natürlich ist das Original französisch und stammt wie gesagt von Goscinny. Aber dem frühen Erstleser will es doch scheinen, als sei das einzig wahre und wirkliche Original die deutsche Übersetzung. Der kongeniale Wurf des erstaunlichen Hans-Georg Lenzen. Und die gibt es natürlich noch nicht. Als wir den 81jährigen, der heute in der Nähe von Grevenbroich wohnt, anrufen, hält er das Ganze für einen schlechten Scherz und glaubt, daß wir ihm in Wirklichkeit ein Zeitungsabonnement verkaufen möchten.
Da er schon genau achtzig Geschichten übersetzt hat, hält er es dann für einen Fehler und glaubt, man habe nicht genau gelesen. Mit Mühen ist er davon zu überzeugen, daß es also wirklich achtzig ganz und gar unbekannte Geschichten gibt. Und er erklärt, wie er das damals gemacht hat, diese phantastische Übersetzung, wie er sie erst von Hand aufschrieb und dann einer Sekretärin diktierte, und während des Diktierens sei der eigentliche Ton, der schnelle, tolle deutsche Nick-Ton erst entstanden. Von Diogenes, dem deutschen Nick-Verlag, hört man, die französische Ausgabe liege schon auf dem Tisch des Verlegers. Sie solle bald erscheinen. Lenzen sagt: "Da muß ich wohl noch mal ran."
Wir sagen: allerdings! Sonst: Petsch!
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge