08.09.2004 · Wenn das Kind nicht zum guten Buch findet, muß das Buch eben zum Kind finden. Und wo sind die Kinder heute? Bei McDonald's. Dorthin gingen nun Oliver Bierhoff und Doris Schröder-Köpf mit einer Mission.
Von Klaus UngererDeutschland liest vor. Ronald McDonald begrüßt schon mal die anwesenden Gäste, er hat stark verklebtes, rotes Haar, wir mußten schon immer an Stephen King denken, wenn wir ihn sahen: wie er die Kinder freundlich zu sich einlädt, lachend, immer lachend, nicht viel Böseres ist ihm zuzutrauen, als daß er jedes einzelne von ihnen nett garniert mit einem grünen Blättchen aus der Produktion von McDonald's, dem berühmten Salatspezialisten, und dann, na, lassen wir das.
Wenn man die Kinder und die Bücher zusammenbringen will, sagt die Schirmherrin, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man tut es dort, wo die Bücher sind, in Stadtteilbibliotheken etwa, oder man tut es dort, wo die Kinder sind. Pfiffig! Als Schirmherrin des Vereins freut sie sich sehr, daß mit McDonald's ein starker Partner gefunden worden ist, der sich gemeinsam mit "Deutschland liest vor" für Kinder und Jugendliche engagiert und ein Vorlesen in McDonald's-Restaurants ermöglicht. Gewitzt gewählt scheint das, kaum ein besserer Partner hätte sich wohl finden lassen, um ein Vorlesen in McDonald's-Filialen zu ermöglichen, erst in Berlin, bald überall im Land, neunzehn Filialen sind dabei, machen Heißhunger aufs Buch.
Bierhoff als Wickert-Nachfolger
Es wird Wasser gereicht, auch Gummibärchen in Tüten, aber ganz kleine, wo nur ganz bißchen Zucker reinpaßt, und lesen kann man letztlich auch ohne Zähne, das ist ja das Gute am Lesen. Oli Bierhoff ist auch schon wieder da, macht Fußball, Vorlesungen, Lesungen, als nächstes steht wohl die Wickert-Nachfolge an. Er kümmert sich als erstes ein bißchen um die Kinder, sagt eine Stimme aus den Lautsprechern, das ist auch super wichtig.
Hohe Gäste, sagt die Stimme (wir sehen nicht, was da vorne vor sich geht, im Blitzlichtgewitter, alles ist gerammelt voll, wir sitzen in einer Ecke und spielen die wichtigsten Szenen mit Gummibärchen nach, ganz kleinen, aus winzigen Tüten, so winzige Pfötchen haben die, haps, und weg), hohe Gäste also sind jetzt hier vorhanden, sagt die Stimme und freut sich, aber die höchsten sind doch unsere Kinder.
Brücke der Herzen
Die Kinder gehören ausgewählten Vorlesegruppen an, oder Schulvorlesegruppen oder Projekten, die "Brücke der Herzen" heißen und die Kinder von hier mit Kindern aus ganz anderen Ländern vereinen, und jetzt kommt Adriaan mit seinen drei a, ein großes und zwei kleine, und das ehemalige Kind erzählt: Sein Favorit war erst die Raupe Nimmersatt, daran erinnert er sich noch ganz genau, aber später ist er mehr zu Karl May übergegangen, Adriaan findet, daß Bücher die Phantasie beflügeln und uns geradezu in fremde Welten entführen, viel fremder als zum Beispiel dieser "ganz neue" McDonald's in der Tauentzienstraße, der wirklich ungeheuer schick ist und der sogar ein Kino hat, das also "begeistert" angenommen worden ist, der also im ganzen eigentlich so wunderbar ist wie die wunderbare neue Partnerschaft, für die die heutige Veranstaltung der Auftakt ist: McDonald's und der Verein "Deutschland liest vor" sorgen gemeinsam dafür, daß wieder mehr vorgelesen wird, und Adriaan ist hier also so eine Art Managing Director für McDonald's in Deutschland, und Doris Schröder-Köpf ist die Schirmherrin, und sie findet, daß Lesen ganz wichtig ist.
Lesen ist ihr allerliebstes Hobby, schon als Kind in einem kleinen bayerischen Bauerndorf und ohne Fernsehen rund um die Uhr hat sie sich mit spannenden Geschichten in eine andere Welt "hereingelesen", in Gedanken woanders sein zu können, findet sie bis heute wunderschön. Sie hofft, sagt sie den Lesegruppenkindern, daß viele von ihnen jetzt auf den Geschmack kommen und auch lesen werden, aber vielleicht hat sie ja auch nur die Journalisten gemeint, die lesen nämlich gar nicht, obwohl man eigens Pressemappen vorgehalten hat, die machen nur Quatsch: treten sich auf die Füße, halten Mikrofone an Lautsprecher, knistern mit den Bärchentütchen.
Spöttische Augen brennen im Gesicht
Die Anja und der Valerio gehören zu "Brücke der Herzen", dem Projekt, das viele Kinder aus der ganzen Welt miteinander verbindet, die alle Geschichten vorlesen oder sogar welche schreiben! Der Valerio liest eine Geschichte von der Cindy aus Pennsylvania vor, die jeden Tag im Meer baden gehen kann, und Anja liest auch etwas Schönes vor, aber da ist der Berichterstatter wieder so abgelenkt, daß er nichts mitbekommt, und dann liest der Oli vor, natürlich aus einer Fußballgeschichte aus der großen Empfehlungskiste des Vereins "Deutschland liest vor", und in der Fußballgeschichte aus der Empfehlungskiste des Vereins "Deutschland liest vor" gibt es Sätze wie "Ich spürte diese spöttischen Augen. Sie brannten wie Feuer in meinem Gesicht", aber was soll's, ist ja nur ausgedacht.
Als der Oli ins Spiel kommt, stehen die Guten kurz vor dem Verlieren, so wie Deutschland mit dem Rücken zur Wand steht - Pisa-Studie! Trainerfindungskommission! Labberbrezeln in Berliner Biergärten! -, aber dann lernen sie plötzlich, sich auf Werte zu besinnen, an sich selbst zu glauben, dann hält ganz kurz vor Schluß das Mädchen den Strafstoß, der aber fliegt ganz weit zurück ins Spielgeschehen, landet bei . . . wie hieß denn jetzt noch der, egal, Tor. Hurra!
Der Oli hat früher am liebsten gelesen: "Fünf Freunde". Jemand, dem gerade eine Pointe eingefallen ist, sagt: Dabei müßten es doch elf sein. Hihi! Und hoho. Jetzt gibt es noch Gelegenheit, im Restaurant etwas zu essen. Im was? Wie? Ach so, ja, im Restaurant.