14.10.2008 · Der Favorit Uwe Tellkamp hat den Deutschen Buchpreis erhalten. Sportmetaphern sind im Bereich der Belletristik unangebracht. Auf Sportsgeist allerdings können jene neunzehn Schriftsteller, die nominiert wurden und am Ende leer ausgingen, nicht verzichten.
Von Hubert SpiegelEin Schriftsteller erhält einen Literaturpreis und bedankt sich für die Fußtritte, die er erhalten hat. Was geht da vor? Zumindest einen Moment lang hätte man glauben können, Uwe Tellkamp sei aufs Podium im Kaisersaal des Frankfurter Römer gestiegen, um sich der Kritik anzuschließen, die einige seiner Kollegen wie Julia Franck, Michael Lentz oder Daniel Kehlmann in den letzten Wochen am Deutschen Buchpreis geübt hatten. Tellkamp war nach Bekanntgabe der sechs Titel der Shortlist als Favorit ins Rennen gegangen und schien nun zu den wenigen im Saal zu gehören, die überrascht waren, dass er die Auszeichnung am Ende tatsächlich bekommen hat.
Man könnte von einem klaren Start-Ziel-Sieg sprechen, hätte nicht Gottfried Honnefelder sich zuvor Sportmetaphern energisch verbeten. Aber auch der Vorsteher des Börsenvereins wird nicht leugnen wollen, dass zumindest jene achtzehn Schriftsteller, die sich über die Nominierung zum Buchpreis gefreut haben und am Ende leer ausgegangen sind, auf Sportsgeist nicht verzichten können. Denn im Moment der Niederlage, wenn ein anderer aufsteht, um die Urkunde entgegenzunehmen, ist die Aufmerksamkeit, die der Preis ja möglichst vielen Titeln verschaffen soll, vergessen und zählt nichts mehr. Honnefelders Rede zeigte deutlich, dass die Verantwortlichen sehr genau hinhören, wenn Kritik am Preis laut wird, zumal dann, wenn diese Kritik aus den Reihen der Schriftsteller kommt.
Einer für alle
Im vierten Jahr seines Bestehens ist der Buchpreis als solcher heftiger diskutiert worden als die nominierten Bücher. Aber auch diese Debatte, so offen und lebhaft, wie sie geführt wird, gehört zweifellos zur Erfolgsgeschichte dieses Preises, der sich in verblüffend kurzer Zeit etabliert hat - unter notwendiger Umgehung von Robert Gernhardts elftem Gebot: Du sollst nicht lärmen. Gert Scobel, der Moderator des Abends, verwies listig auf Hegels Wort von der „würdigen Popularität“, um die sich der Preis bisher bemüht habe und weiter bemühen werde. Und würdig war dann in der Tat, wie Uwe Tellkamp mit den Worten „Es ist mir peinlich, hier allein zu stehen“ seine Kollegen zu sich auf die Bühne holte.
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Zuvor hatte er im Moment des Triumphes auch für die charakterstärkenden Fußtritte gedankt, die ihm das Leben ab und an versetzt hat, und an jene „Überzeugungstäter“ erinnert, die sich nicht dem populären Genre des Romans, sondern der auflagenschwachen Poesie verschrieben haben: „Romane vergehen, es ist die Lyrik, die bleibt.“ Zumindest alle deutschen Lyriker dürften jetzt fürs Erste versöhnt sein mit dem Deutschen Buchpreis, und die Romanciers sind aufgerufen, den diesjährigen Preisträger zu widerlegen.
Merkwürdig
Calpo Salmrohr (calpo_salmrohr)
- 14.10.2008, 15:30 Uhr