16.03.2011 · Serbische Literatur ist in Deutschland kaum bekannt. Höchste Zeit, dass sich das ändert. Der Buchmesseschwerpunkt in Leipzig könnte helfen, denn Autoren von Weltformat brauchen ein Publikum.
Von Michael Martens, BelgradAuf Selbstmörder übt Brankov Most, die Brücke, die von der Belgrader Altstadt über die Save führt, eine eigenartige Faszination aus. Obwohl es höhere Brücken gibt in dieser Millionenstadt, springen viele von hier aus in den Tod. Laut „Politika“ sind es jedes Jahr etwa vierzig. Statistisch gesehen, sind das mehr als 2100 Suizide seit der Einweihung der Brücke im Jahr 1957. Der berühmteste Brankov-Most-Selbstmörder ist der Schriftsteller Branko Copic, der am 26. März 1984 im Alter von 69 Jahren in die Tiefe sprang und damit der Brücke seinen Namen gab.
Eigentlich ist die Brücke zwar nach einem anderen Branko benannt, dem schon 1853 gestorbenen serbischen Schriftsteller Branko Radicevic, aber wer heute fragt, woher Belgrads Seufzerbrücke ihren Namen habe, wird die traurige Anekdote von Copics Ende zu hören bekommen. Und vielleicht auch die Geschichte von der Bürgerinitiative, die etwas gegen die hohe Selbstmordrate auf der Brankobrücke unternehmen wollte, zumindest bei Nacht. Dann wurden nämlich mit Laserstrahlen die Worte „Niste sami“ (“Sie sind nicht allein“) auf die Wasseroberfläche projiziert, nebst der gebührenfreien Nummer einer Telefonberatung.
Ein literarisches Denkmal gesetzt
Wie Brankos Brücke zu ihrem Namen kam, weiß in Serbien fast jeder, außerhalb des Landes nahezu niemand. Vor vielen Jahren hat sich Ivo Andric, in dessen berühmtestem Werk eine Brücke die Hauptrolle spielt, grundsätzliche Gedanken über das west-östliche Kenntnisgefälle gemacht. Für einen jugoslawischen Intellektuellen, so der Literaturnobelpreisträger von 1961, sei es selbstverständlich, stets über die intellektuellen Debatten informiert zu sein, die London, Paris oder New York beschäftigen. „Aber was weiß man dort von dem, was uns bewegt?“, fragte Andric. Die Antwort: fast nichts.
Auch die zeitgenössische serbische Literatur ist bei uns unbekannt. Man kennt Ivo Andric, der in der Bundesrepublik von Friedrich Sieburg in dieser Zeitung früh gerühmt wurde. Aber ist Andric, ein bosnischer Kroate, dessen wichtigste Werke in Bosnien spielen und der sich selbst einen jugoslawischen Schriftsteller nannte, überhaupt ein serbischer Autor? Und wie steht es um die wenigen anderen serbischen Dichter, die man im Ausland kennt? Um Danilo Kis, Sohn einer Montenegrinerin und eines ungarischen Juden, geboren in der Vojvodina? Um Aleksandar Tisma, Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin, ebenfalls aus der Vojvodina stammend, deren Hauptstadt Novi Sad er ein literarisches Denkmal setzte?
In Serbien eine unverrückbare Größe
Kennt jemand David Albahari, den nach Kanada emigrierten Sprössling einer sephardischen Familie, deren europäische Wanderung über Sarajevo und das Kosovo zuletzt in den habsburgisch geprägten Belgrader Vorort Zemun führte? Oder Bora Cosic, in Zagreb geboren, der nun in Berlin im Exil lebt? Natürlich sind das serbische Autoren, denn die serbische Sprache ist ihr Handwerkszeug. Aber ihr kultureller Hintergrund ist weiter gefasst als das Land, das Serbien heute ist. Jüngere Autoren, die in Serbien erst in der Zeit nach Milosevic in Erscheinung traten, kennt man ohnehin kaum. Daran, so hoffen viele Schriftsteller, werde der Serbien-Schwerpunkt der diesjährigen Leipziger Messe etwas ändern, auch wenn die Hoffnungen durchaus bescheiden sind.
„Es wurden jetzt an die dreißig serbische Autoren erstmals auf Deutsch übersetzt. Wenn auch nur zwei oder drei dauerhaft eine Leserschaft im deutschsprachigen Raum finden, ist das schon ein Erfolg“, sagt Sreten Ugricic, Direktor der Serbischen Nationalbibliothek und Schriftsteller. Einen Erfolg wünscht Ugricic, dessen Roman „An den unbekannten Helden“ anlässlich des Leipziger Schwerpunkts erstmals auf Deutsch erscheint, vor allem einem unbekannten Großen der serbischen Literatur: Milos Crnjanski, dem „modernen Klassiker des alten Jugoslawien“, wie ihn die „Neue Zürcher Zeitung“ einmal nannte.
Crnjanski ist ein weiteres Beispiel für den von Andric konstatierten west-östlichen Wissensunterschied. „Ich zähle ihn zu den ganz großen europäischen Dichtern, vom Rang eines Marcel Proust. Leider ist er in Europa nahezu unbekannt“, sagt Ugricic. In Serbien ist er hingegen eine unverrückbare Größe. Wen man auch fragt unter serbischen Intellektuellen, zuverlässig fällt Crnjanskis Name, wenn es um die Höhepunkte serbischer Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts geht.
Falsche kulturelle Botschafter
Anlässlich der Buchmesse bietet sich die Chance, ihn endlich zu entdecken. Bei Suhrkamp erscheinen das „Tagebuch über Carnojevic“ mit seinen erschütternden Reflexionen über den Ersten Weltkrieg sowie das biographische „Ithaka und Kommentare“. Ein kleiner Leipziger Verlag bietet zudem in hervorragender Übersetzung „Iris Berlina“, Crnjanskis faszinierende Aufzeichnungen aus der auf ihre Katastrophe zustrebenden deutschen Hauptstadt, wo er ab 1928 als Kulturattaché an der Botschaft des Königreiches Jugoslawien diente.
Dass Crnjanski ein Schriftsteller ist, der in Europa gelesen zu werden verdient, bestätigen auch Sasa Ciric und Sasa Ilic, die Herausgeber der Belgrader Literaturzeitschrift „Beton“. Sie wollen in Leipzig noch ein anderes Ziel erreichen: eine Korrektur des Serbienbilds. Ähnliches, nämlich eine Berichtigung von Serbiens Sicht auf sich selbst, versuchen sie seit Jahren im eigenen Land durchzusetzen. „Beton“ - der Titel beruft sich auf Thomas Bernhards gleichnamiges Buch - nimmt eine kritische Haltung zur fragwürdigen Rolle serbischer Intellektueller in den achtziger und neunziger Jahren ein. „Es geht uns darum, die Frage nach der Verantwortung der serbischen Intellektuellen für den Zerfall Jugoslawiens sowie den Krieg zu stellen“, sagt Sasa Ilic. Eine kritische Auseinandersetzung, wie Thomas Bernhard sie mit Österreichs Vergangenheit führte, finde in Serbien noch viel zu selten statt. Und im Ausland lasse sich das Land oft durch die falschen kulturellen Botschafter vertreten.
Mit Laserstrahlen gegen Selbstmörder
Als besonders übles Beispiel nennen Ilic und Ciric die Knallbonbonfilme des nationalistischen serbischen Regisseurs und Karadzic-Verehrers Emir Kusturica. „Sein Serbien besteht aus Chaos, Mord und lustigen Zigeunern“, spottet Sasa Ilic. Ciric erinnert sich an eine „Balkannacht“ in Halle vor einigen Jahren, deren Organisatoren es originell fanden, Serbien mit Kusturica-Filmen zu feiern. „Ich habe die Leute gefragt, warum sie sich so einen Müll ansehen, der nichts mit Serbiens kultureller und politischer Wirklichkeit zu tun hat“, sagt Ciric. So bleibt Serbien im Ausland „ein unerzähltes Land“, ein Land voller unerhörter Geschichten wie der von Brankos Brücke in Belgrad.
Der Versuch, die Selbstmörder mit Hilfe von Laserstrahlen von ihrem Vorhaben abzubringen, ist übrigens gescheitert. Schon in den ersten vierundzwanzig Stunden nach dem Beginn der Aktion sprangen zwei Männer in die Save, ein junger und ein alter. Der Leichnam des Alten konnte nicht gefunden werden. Der junge Mann wurde von der Wasserschutzpolizei aus dem Fluss gezogen, er überlebte. Die Laserstrahl-Aktion wurde eingestellt.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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