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Buchmarkt : Ein Stern geht auf für die Philosophie

In Büchern kann man Erkenntnis finden Bild: picture-alliance/ dpa

In Zeiten der Krise werden die Menschen auf sich selbst zurück geworfen: Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist wieder in Mode und so kehrt die Philosophie auf den Buchmarkt zurück. Doch nicht alles in den Regalen wird dem großen Potential der Philosophie gerecht.

          Hört man sich ein wenig in den Lektoraten von Sachbuchverlagen um, so stößt man dort gerade auf eine Verwunderung. Die Verlage merken, dass philosophische Titel seit ein paar Wochen vermehrten Absatz finden. Was eben noch als „schwierig“, „abgehoben“ und „spekulativ“ galt, ist jetzt gut verkäuflich. Der Leser, so wird man belehrt, sei die Ex-und-hopp-Bücher leid, die schnellen Brüter, die nach dem Motto gebaut sind: ein Gedanke - ein Buch. Statt dessen sei ein anderer Typ Buch gefragt, ein Typ Buch, der sagt, wer wir sind und wie wir leben wollen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Bücher, die Erkenntnis liefern

          Nein, nicht ums nächste Exemplar im seichten Genre Lebenskunst gehe es. Nicht um Bücher, die „orientieren“ (ein Wort, das einen schütteln läßt: Wer steigt in der Ratgeberbranche nicht alles auf die Apfelsinenkiste und „orientiert“), sondern um Bücher, die Erkenntnis liefern. Gefragt seien Bücher, die - humanistisch in der Ausrichtung und geistesgeschichtlich im Material - dem Menschen zutrauen, durch Nachdenken Einfluss auf die Dinge auszuüben, statt selbst nur Ort zu sein, an dem sich die Dinge zutragen.

          Nachdenken ist wieder gefragt

          Wenn es jetzt so aussieht, als wollten Firmen und Institutionen sich ihrer Mitarbeiter entledigen, scheint der Mitarbeiter genauer wissen zu wollen, was er an seinem eigenen Kopf hat - und wird zum Käufer von philosophischer Literatur. Im Augenblick spürt man es ja an jeder Ecke, dass der psychische Entlastungseffekt von Institutionen, über den ein Arnold Gehlen in der frühen Bundesrepublik noch dicke Bücher schrieb - dass dieser Entlastungseffekt schmilzt wie Butter in der Sonne.

          Die Finanzkrise bringt selbst eherne Einrichtungen ins Wanken - egal ob als bloß vorgeschobener Grund für Stellenabbau oder als bare fiskalische Ursache desselben. Auch der gutmütigste Büroschläfer entdeckt plötzlich, dass das Leben eine unsichere Angelegenheit ist und fühlt sich auf sich selbst, auf seinen eigenen Kopf verwiesen.

          Der Bluthund der Philosophie

          Dieser Kopf will wissen, wie er sich wappnet, wenn es eng wird. Soll es etwa nichts zu bedeuten haben, dass mit dem Titel „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ seit Wochen ein philosophisches Traktat an der Spitze der Bestsellerliste steht? Es ist die Ironie dieses Erfolgs, dass es sich hier noch nicht einmal um ein besonders gutes Philosophiebuch handelt.

          Eher um ein schlechtes, jedenfalls insoweit, als der Autor Richard David Precht wenig Gefühl für die Materie zu haben scheint, mit der er umgeht. Er verscheuert die Geistesblitze der Philosophiegeschichte wie Produktideen und macht so aus der Philosophie einen Zweig der Ingenieurwissenschaft, womit er die Philosophie, die er feiert, auf die denkbar nachhaltigste Weise depotenziert. Aber egal, einer muss den Bluthund machen, und als Bluthund schlägt Precht auf der Bestsellerliste der Philosophie eine eindrucksvolle Bresche. In diese Bresche müssen nun schleunigst andere springen, um das Potential der Philosophie zu retten.

          Nietzsche wird wieder zum Verkaufsschlager

          Warum nicht Terry Eagleton, dem mit seinem klugen und verständlichen Buch über den „Sinn des Lebens“ auf hundertfünfzig Seiten soeben ein Geniestreich gelungen ist. Mit hellem Witz und einer Intelligenz, die kein Vorurteil duldet und keine Phrase, legt der britische Professor für Englische Literatur ein philosophisches Glanzstück vor. Eingegrenzter im Gegenstand, aber nicht weniger urteils- und stilsicher auf die conditio humana zielend, ist vergangene Woche ein fulminantes Buch von Friederike Felicitas Günther erschienen.

          Hergestellt im akademischen Stall Gert Mattenklotts, entwirft dieses Buch eine regelrechte Anthropologie des Rhythmus (wie in der Krise seine Sensibilitäten so ordnen, dass sie einen nicht lahmlegen, sondern Energie spenden?). Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dieser originellen Aktualisierung Nietzsches, die aller vordergründigen Psychologisierung enträt, einen ordentlichen Verkaufserfolg zu prophezeien.

          Die Philosophie gewinnt in der Krise

          Die Linie der zugkräftigen Philosophietitel ließe sich bis auf das Feld der Reader und Sammelbände verlängern, etwa wenn man an den von Axel Honneth und Beate Rössler herausgegeben Band „Von Person zu Person“ denkt.

          Auch hier steht die Frage im Vordergrund, wie sich in institutionell schwachen Zeiten das Individuum denken lässt. Dabei werden die Person und ihre sozialen Bezüge in Freundschaft und Familie als gehaltvolle Alternative zu dem methodologischen Individualismus stark gemacht, der das Modelldenken der politischen Ökonomie beherrscht. Jeder, der das Buch in die Hand nimmt, begreift sofort, dass „Von Person zu Person“ den Nerv der Zeit trifft und wird in einem Buch zu schmökern beginnen, das er vor einem Jahr vielleicht noch links liegen gelassen hätte. Der Band über „Weisheit“ von Gert Scobel, dem Fernsehmoderator, zielt in dieselbe Richtung, ist nur leider so akademisch überfrachtet, dass ihm die großen Vereinfacher wie Richard David Precht mühelos die Show stehlen werden.

          Im Buchhandel geht ein kleiner, feiner Stern auf. Freuen wir uns auf ein Weihnachtsgeschäft, das so krisenbewusst, wie es nun mal sein wird, der Philosophie die Ehre gibt.

          Quelle: F.A.Z.

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