Eine Woche ist sie her, die Frankfurter Buchmesse. Begonnen hatte sie fulminant, besonders für die in Deutschland eher kleine E-Book-Gemeinde. Seit Jahren prophezeite sie den Siegeszug des eBooks, nicht morgen, sondern jetzt, auf der Stelle. Ohne Erfolg. Doch endlich gab es eine gute Nachricht. Zu Beginn der Buchmesse machte wie bestellt die Neuigkeit die Runde, das Lesen auf Tablet-PCs biete gegenüber dem klassischen Printprodukt eklatante Vorteile. Digitale Texte seien für das Gehirn leichter aufzunehmen, hieß es.
Erleichterung machte sich breit, unter Internetbuchhändlern, E-Book-Lobbyisten und denen, die es schon immer gewusst hatten. In Windeseile wurde berichtet, das Nachtmagazin widmete der Meldung einen Videobeitrag. Die Branche war begeistert. Kein Wunder, war sie doch mit der bisherigen Entwicklung des E-Books mehr als unzufrieden. Laut Börsenverein des deutschen Buchhandels lag der Umsatzanteil des eBooks 2010 bei lediglich 0,5 Prozent, Schul- und Fachbücher ausgeschlossen. Dabei hatte man sich solche Mühe gegeben. Mehr als 40 Prozent der neu erschienenen Bücher waren 2010 als E-Book erhältlich. Beste Voraussetzungen also für eine kleine Leserevolution.
Eine zurückhaltende Forschergemeinde
Doch die Leser gebärdeten sich bisher wenig revolutionär. Sie greifen weiterhin zum gedruckten Wort, ob aus Nostalgie, Angst oder Gewohnheit. Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm? Die Verlage bringt der vermeintliche Umbruch in eine schizophrene Notlage. Die Befürchtung, den Aufsprung auf den digitalen Zug zu verpassen, kollidiert mit der Furcht vor der eigenen Schwindsucht, die eine zunehmende Digitalisierung des Buchmarktes zur Folge hätte. Die Sensationsmeldung um die Vorteile des eBooks machte die Orientierung jedenfalls nicht leichter. Zeit also, den Trubel der Buchmessentage im Rücken, einen kritischen Blick auf die Studie zu werfen, die den eBook-Optimismus geschürt und den Befürworten schlagkräftige Argumente verschafft hat.
Den ökonomischen und existentiellen Abwägungen rund um die Lesedigitalisierung liegen prinzipiell doch sehr basale Fragen zugrunde. Birgt das elektronische Buch objektive Vorteile beim Lesen? Macht es uns das Lesen einfacher, vereinfacht es sogar den Erkenntnisgewinn? Ein gefundenes Fressen für findige Wissenschaftler, zumal Forschungsthemen mit Anwendungsbezug auf die breite Masse eher selten sind. Doch die Forschergemeinde hielt sich bisher bedeckt. Nur wenige Studien sind zu diesem Thema verfügbar, hauptsächlich privat finanziert von Beraterfirmen der Medien- und Werbebranche.
Ein französisches Beratungsunternehmen, auf Benutzerfreundlichkeit spezialisiert, will bewiesen haben, dass man beim Lesen auf Papier konzentrierter ist als auf einem Tablet-PC. Man konnte zeigen, dass das Auge auf gedrucktem Papier länger auf einzelnen Punkten verweilt. Außerdem hätten sich die Probanden an den Inhalt der Papierseite besser erinnert, so die Autoren. Ein dänischer Webdesignberater hingegen berichtet, er habe in einer Studie mit 24 Teilnehmern keine signifikanten Unterschiede der Lesegeschwindigkeit auf einem eReader, Tablet-PC oder einer Papierseite feststellen können. Besonders aussagekräftig sind diese vagen, marktwirtschaftlich motivierten Untersuchungen nicht. Wissenschaftlich fundierte, seriöse Erkenntnisse unabhängiger Forschungsinstitute zur Lesequalität elektronischer Medien fehlten bisher.
Pünktlich zur Messe: Neue Funde?
Am 12.Oktober, zeitlich und räumlich mit dem Auftakt der Frankfurter Buchmesse bestens abgestimmt, ließ Professor Dr.Stephan Füssel, Leiter des Instituts für Buchwissenschaft und Sprecher des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, die Bombe platzen. Er stellte eine von der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH, einer Wirtschaftstocher des Börsenverein des deutschen Buchhandels, mitfinanzierte Studie vor, die im Kern zeigt, dass Tablet-PCs „nicht bewusst wahrnehmbare, aber messbare Vorteile bei der Verarbeitung neuer Informationen“ gegenüber Papierseiten haben. Außerdem, so der Forscher, könnten gerade Senioren auf einem Tablet-PC bei gleicher Informationsaufnahme deutlich schneller lesen. Der Tablet-PC sei also dem gedruckten Buch ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen.
Da war sie also, die wissenschaftliche und überzeugende Absolution des E-Books, gut plaziert und medienwirksam verkündet. Die Medien berichteten kritiklos, scheinbar ohne Einsicht in entsprechendes Studienpapier. Ein erster Blick auf ebendieses Papier macht stutzig, denn eine abgeschlossene Studie im akademischen Sinne gibt es nicht. Es entpuppt sich lediglich als ausführliche Pressemitteilung, mit einigen Balkendiagrammen gespickt. Trotz positiven Medienechos hält diese einer kritischen Bewertung wenig stand. Die Gruppe um Professor Stephan Füssel verwendete in ihrer Studie hauptsächlich zwei Methoden, das eyetracking und die Messung von Hirnströmen, auch Elektroenzephalographie genannt.
Beim eyetracking wird computergestützt die Bewegung der Augen registriert. Die Wissenschaftler addierten die Zeitintervalle, in denen das Auge auf einen Punkt des Textes fixiert war, und schlossen so auf die Gesamtzeit der Informationsaufnahme. Je kürzer diese war, so die Annahme, desto einfacher fiel den Probanden die Informationsverarbeitung. Bei der jüngeren Probandengruppe war kein Unterschied festzustellen. Bei den Senioren jedoch betrug der Zeitraum der Informationsaufnahme auf der Papierseite im Schnitt 4 Sekunden mehr als auf einem Tablet-PC, nämlich 26 Sekunden. Die Erinnerungsleistung an das Gelesene war dabei unabhängig vom genutzten Medium. Die Forscher schlussfolgerten, „dass der Vorteil der Informationsverarbeitung auf einem Tablet-PC mit zunehmendem Alter immer größer wird“. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, dass gerade einmal zwei Altersgruppen miteinander verglichen wurden. Besonders heikel: Die Gruppe der Senioren bestand aus nicht mehr als zehn Personen, aus statistischer Sicht wenig überzeugend, zumal die Autoren die Streuung der Einzelzeiten um den angegeben Mittelwert unterschlagen. Die macht eine Bewertung der vorgestellten Daten unmöglich.
Was messbar ist und was nicht
Noch kruder mutet der zweite Teil der präsentierten, wieder nicht statistisch verifizierten Ergebnisse an. Mittels Elektroenzephalographie (EEG) wurde die Aktivierung des Thetabandes, eines speziellen Spannungsunterschiedes auf der Kopfoberfläche, während des Lesens gemessen. Eine gesteigerte Aktivität des Thetabandes spiegele einen erhöhten „Aufwand für die Verarbeitung neuer Information“ wider, so die Forscher. Sie maßen eine niedrigere Aktivierung des Thetabandes beim Lesen auf einem Tablet-PC, verglichen mit einer Papierseite, bei identischem Erinnerungsvermögen.
Die Mainzer Wissenschaftler folgerten, dass das Lesen auf einem Tablet-PC einen geringeren kognitiven Aufwand erfordert. EEG-Spezialisten wie der Tübinger Psychologe und Neurobiologe Niels Birbaumer halten diese Schlussfolgerungen für schlichtweg falsch. Die Aktivierung des Thetabandes bezieht sich ganz generell auf Gedächtnisleistungen. Eine Beurteilung, ob das Lesen auf eBooks oder Papier für das Gehirn einfacher ist, lasse sich mit der Elektroenzephalografie nicht bestimmen, sagt Birbaumer. Auch Thomas Kammer von der Universität Ulm, Sektion Neurostimulation, bezweifelt „die Interpretation, dass das Thetaband Rückschlüsse auf den kognitiven Aufwand zulassen würde“.
Ein äußerst fragwürdiger Triumph
Die unzureichende Darstellung der zweifelhaften Ergebnisse und deren mehr als wagemutige Interpretation hinterlässt Unglaube. Die Originalpublikation der Untersuchung soll Aufklärung bringen. Doch die ist auf einschlägigen Internetseiten nicht zu finden. Der Versuch, bei den Autoren der Studie nähere Informationen zu bekommen, scheitert. Auf Nachfrage erfährt man, die wissenschaftlichen Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen. Erst Ende des Jahres könne eine wissenschaftliche Publikation bei einem Fachjournal eingereicht werden, mit dem Erscheinen sei frühestens im zweiten Quartal 2012 zu rechnen. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse können also getrost vergessen werden. Denn erst mit Erscheinen der Publikation werde eine „qualifizierte Einschätzung der Studie“ möglich, so Thomas Kammer.
Augenscheinlich haben die Mainzer Forscher mit der gängigen akademischen Praxis gebrochen. Ergebnisse wurden in reißerischer Form frühzeitig veröffentlicht, ohne der notwendigen Begutachtung durch Experten standhalten zu müssen. Diese Verifizierung ist bei der vorliegenden Sachlage ohnehin schwer vorzustellen. Das entsprechende Studienpapier verkommt zum PR-Gag, einer Wichtigmacherei, die den Anschein von Unentbehrlichkeit erweckt. Die Medien machen mit, blauäugig und unkritisch. Die Meldung ist im Rahmen der aktuellen Diskussion zu brisant, um genau geprüft zu werden. Die eBook-Lobby reibt sich derweil die Hände, ihr spielt die Absolution des digitalen Lesens in dieselbigen. Ein mehr als fragwürdiger Triumph.
Quellenangabe
Albert Weinstein (aweinstein)
- 22.10.2011, 15:35 Uhr
Erwähnenswert
Günter Peperkorn (piperigranum)
- 22.10.2011, 13:58 Uhr
E-Book Lobby?
Peter Müller (teufelstein)
- 22.10.2011, 13:58 Uhr
Pfeifen im Walde der Verlage
R W (DocSnider)
- 22.10.2011, 13:33 Uhr
E-Book? Ich kann sehr gut ohne.
fred meier (Sikasuu)
- 22.10.2011, 12:10 Uhr