Home
http://www.faz.net/-gr0-nxdk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Buchmarkt China Laßt hundert Verlage blühen: Der Kampf des Ye Juelin

07.08.2003 ·  Er entdeckt die Autorin von „Schanghai Baby“. Aber Verleger Ye, für die Behörden in Schanghai ein „Kulturterrorist“, kämpft in seinem Ein-Mann-Boot immer noch gegen die Gefahr des Kenterns an.

Von Zhou Derong
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Von Schanghai, der kommunistischen Vorzeigestadt, schwärmen sie alle: Clinton, Blair und Schröder. Nur zwei bleiben von der häßlich-nachgeholten Moderne unbeeindruckt. Der eine ist George W. Bush, er hat viele und darunter wohl auch aufregendere Metropolen gesehen. Als er er vor anderthalb Jahren Schanghai besuchte, ließ er die chinesische Show über sich ergehen, ohne eine Miene zu verziehen. Der andere heißt Ye Juelin. Den gebürtigen Schanghaier zeichnet nicht die Distanz zu Bush aus - dafür sitzt seine Zunge zu locker und ist sein Temperament eine Spur zu südländisch -, sondern das Querulantentum. Der Behörde gilt er als der Inbegriff eines Ruhestörers, gar als "Kulturterrorist".

Ihm wiederum erscheint die Schanghaier Kulturlandschaft verödet zu sein: eine einzige Wüste. Aber Ye ist kein Anhänger der verbotenen buddhistischen Sekte "Falun Gong" noch ein politischer Dissident. Der Vierundfünfzigjährige ist von Beruf Projektmanager. Daß er im Gründungsjahr der Volksrepublik das Licht der Welt erblickte, bedeutete allerdings kein gutes Omen. Statt, wie er gehofft hatte, Literatur studieren zu können, mußte er, gemäß den Lehren Maos, aufs Land gehen, um sich von den Bauern umerziehen zu lassen. Danach schlug er sich in verschiedenen Berufen durch, war Journalist, bevor er Verleger wurde, oder vielmehr "Projektmanager", denn noch darf ein Privatmann in China nicht Verleger sein: Verlage und Druckereien gehören dem Staat.

Leben von der „eisernen Schale“

Für jedes Buch, das in China erscheint, muß man eine Buchnummer beantragen. So funktioniert die Zensur. Inzwischen aber arbeiten auch die Kommunisten kapitalistisch, und aus der Nummernvergabe ist so ein reges, für die Verlage profitables Geschäft geworden. So wimmelt es heute in den chinesischen Großstädten nur so von "Projektmanagern". Ihr Erkennungszeichen ist eine Papier- oder Plastikmappe unterm Arm. Bei Ye steckt in der Mappe immer etwas Giftiges. Er war es, der die erste Kurzgeschichten-Sammlung von Wei Hui herausbrachte, der Autorin des verbotenen Buches "Schanghai Baby". Sie wurde inzwischen sehr erfolgreich, während Ye in seinem Ein-Mann-Boot immer noch gegen die Gefahr des Kenterns ankämpft.

Bezähmt wurde er nicht. Im Gegenteil: Kürzlich brachte er erstmals in China ein Buch über die Bestseller heraus, in dem alle bisherigen offiziellen Kriterien mit einem Schlag über Bord geworfen wurden. Der Erfolg der Schriftsteller sei allein nach der Verkaufszahl ihrer Werke zu beurteilen, verkündete er im Vorwort und griff dann frontal den heiligen Schanghaier Schriftstellerverband an: Von den eintausend Mitgliedern hätten achthundert Prozent kaum etwas veröffentlicht und lediglich zwei Prozent die wichtige Gewinnmarke von dreißigtausend verkauften Exemplaren überschritten. Das mag für westliche Ohren vulgärmaterialistisch klingen - in China kommt es einer Bombe gleich. Denn im Klartext heißt es: Die überwiegende Mehrheit der Dichter lebt von staatlicher Hilfe, der "eisernen Schale".

Kultursonderzone Schanghai?

Helle Aufregungen unter Schanghais Dichtern war die Folge. Doch sind Dichter nicht das eigentliche Ziel. Kurz nach seinem Angriff auf den Schriftstellerverband hat Ye in einem Thesenpapier mit dem schillernden Titel "Der Dritte Weg" den gesamten Kulturbetrieb ins Visier genommen. Seine These: Das System stecke in der Krise. Er demonstriert sie am Beispiel des Verlagswesens. Dreiundvierzig Verlage haben in Schanghai ihren Sitz. Auf den ersten Blick boomt das Geschäft. In Wirklichkeit aber sind seit Jahren keine interessanten Titel mehr erschienen, von Bestsellern ganz zu schweigen. Literarischer Nachwuchs hat in Schanghai kaum eine Chance. Entdeckt wird er in der Regel woanders, dann erst beteiligt man sich in Schanghai an dem Abenteuer, das längst keins mehr ist. Dagegen begeht man mit großem Tamtam den Geburtstag der Partei oder der Volksarmee und liefert dazu passende propagandistische Titel, die niemand privat kaufen würde. Gäbe es nicht die planwirtschaftliche Abnahme durch den Staat, dann wären viele Verlage längst bankrott.

Den Grund für diese Misere sieht Ye in der Vorsicht der Verlage, penibel auf die politische Korrektheit zu achten und keinen noch so kleinen Schritt auf einem fremden, fragwürdigen Terrain zu wagen. Er fordert daher, mehr Marktwirtschaft zu wagen. Das hört sich paradox an. Ist Schanghai denn nicht das wirtschaftliche Vorbild für das ganze Land? Doch gerade wegen dieser Vorbildfunktion hat die Partei die Stadt so fest im Griff, daß in Schanghai nichts unternommen werden darf, was nicht aus Peking abgenickt wurde.

Aber Ye ist ein Mann von echtem Humor. Um die Stadt im allgemeinen und den Kulturbetrieb im besonderen aus der ideologischen Umklammerung zu befreien, bietet er im Geist von Deng Xiaopings Reformen eine originelle Lösung an: Laßt uns eine Kultursonderzone in Schanghai errichten und einen oder zwei Verlage ein etwas anderes Programm verfolgen. Tanzen tun die Vögel ja immer noch im Käfig.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2003, Nr. 181 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel