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Buchhändler : Aussortiert in Ketten

Die Zeit persönlicher Empfehlungen ist vorbei: Stapel in einer Hugendubel-Filiale in Frankfurt Bild: picture-alliance/ dpa

Der deutsche Buchhändler ist vom Aussterben bedroht. Aus kundigen Beratern sind Auspacker und Bücherstapler geworden. Ausgerechnet Unternehmen wie Hugendubel werfen über Bord, was ihr Image einst begründet hat: buchhändlerische Kompetenz.

          Es war einmal ein Beruf, der hatte ursächlich etwas mit Büchern zu tun. Und zwar mit Büchern, die der Buchhändler gelesen hatte und sie deswegen guten Gewissens seinen Kunden empfehlen konnte. So richtig zum Reichwerden geeignet war der Beruf nie; auch heute geht ohne Selbstausbeutung oft gar nichts. Das schien über die fünf Jahrhunderte seit Gutenberg so recht keinen Buchhändler abschrecken zu können: eben weil sie ihren Beruf als Berufung verstanden - den Umgang mit Büchern als Handel mit Inhalten.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Dann geschah zweierlei: Findige Händler gründeten Filialen, die sich zu Ketten auswuchsen. Und sie steigerten nicht nur die Zahl der einheitlich auftretenden Läden, sondern auch deren Größe zu Buchkaufhäusern, die zwar viel größer waren als die kleinen Buchhandlungen, aber dafür oft viel weniger Bücher führten. Mit Rolltreppen, Cafés, Leseinseln und Lebensstilabteilungen, die sogenannte Non-Books anbieten: jede Woche eine neue Welt. Zuletzt konnte man deshalb zusehen, wie sich der selbständige Buchhändler, der als Nahversorger oftmals auch Schreibwaren verkaufte, zum Auslaufmodell wurde. Man geht heute zu McPaper einerseits (weil es häufig nichts anderes mehr gibt), und man bestellt seine Bücher bei Online-Versendern, in beiden Fällen auf wirklich kundige Beratung verzichtend.

          Ein Rundumsorglospaket ersetzt den Buchhändler

          Viele mittelständische Betriebe führen einen Überlebenskampf; von den derzeit existierenden viertausend Läden im Bundesgebiet könnte nach Einschätzung von Experten in den kommenden Jahren nur noch die Hälfte übrigbleiben. Der Rest ist Kette, ganz vorne derzeit Thalia und die DBH, der Zusammenschluss von Hugendubel, Weltbild, Buch Habel und anderen. Die beiden Großen betreiben den Umbau der Branche am radikalsten, und in deren Weltbild scheint der klassische Buchhändler nicht mehr hineinzupassen.

          Das Buch als Stapelware: hier in einer Thalia-Filiale in Münster

          Der Befund hat sich abgezeichnet. Schon 1991 diagnostizierte Reinhard Wittmann in seiner „Geschichte des deutschen Buchhandels“ die „schwindende Eigenkompetenz“ des Sortiments, dessen Zeitmangel, „Beraterfunktion“ auszuüben. Aber wo es damals noch einen hölzernen Karteikasten mit Pappkärtchen für Kundenkartei und Bestellverkehr gab, regeln heute Warenwirtschaftssysteme den Absatz des Gängigen. Längst kann man sich als Buchhändler vom Zwischenhandel ein Rundumsorglospaket schnüren lassen, eine maßgeschneiderte Produktplatte mit eingebauter Verkaufsgarantie.

          „Früher hieß es noch: Ihr seid keine Verkäufer“

          Zeit ist Geld, Beratungszeit ist Geldverschwendung? Die Entwicklung hat nun, angefeuert durch das Elefantenrennen der Ketten, nicht nur die Verlage unter Preisdruck gebracht. Noch gibt es offiziell die Buchpreisbindung, aber die Möglichkeiten, sie zu umgehen, sind vielfältig - und werden rege ausgetestet.

          Buchhändler, das war einmal ein annähernd ganzheitlicher Beruf. Bislang waren auch angestellte Buchhändler in ihrer Abteilung dafür verantwortlich, welches Sortiment dem geneigten Kunden angeboten wurde. Diese Verantwortung wird derzeit abgebaut und auf wenige, auserwählte Einkäufer verteilt. „Früher hieß es bei der Ausbildung zum Buchhändler: Ihr seid keine Verkäufer, ihr seid Buchhändler“, erzählt einer, der sich jetzt zusammen mit einigen Kollegen ermannt hat, die Entwicklung öffentlich zu machen. Bernhard Rieger, bei Hugendubel in München beschäftigt, ist einer der Mitbegründer der „ Initiative ProBuch“, die an diesem Dienstag in der Münchner Seidlvilla mit einer Podiumsdiskussion an die Öffentlichkeit geht.

          Je höher und prominenter und kassennäher plaziert, desto Kerkeling

          Vorbei die Zeiten, als Buchhändler über dem Einzelhandelsdurchschnitt bezahlt wurden. Die Verdienstmöglichkeiten sind heruntergeschraubt worden; Berufseinsteiger, berichtet Rieger, liegen derzeit bei rund 1500 Euro Monatsgehalt, den Sprung über die 2000-Euro-Marke schafften die wenigsten. Gefragt sind flexible Arbeitskräfte, die für wenig Geld das ausüben, was man nun einen „Medienverkäufer“ nennt - auspacken und einsortieren, was andere bestellt haben. Beratung ersetzt man durch Turmbauten: je höher und prominenter und kassennäher plaziert ein Bücherstapel, desto Kerkeling.

          Man muss keine Kulturkrise ausrufen, weil sich ein Berufsbild ändert. Aber es bleibt im Fall der Ware Buch ein unauflösbarer Zweifel, wie denn gehaltvolle Beratung - Sortiment kommt von sortieren - zu organisieren sei, wenn man auf Personal setzt, das nicht weiß, wie man Balzac schreibt oder wo man Bücher bestellt, die nicht beim Grossisten auf Lager sind. In der schönen neuen Einkaufswelt geht es mehr denn je darum, das Buch als erlebnisbegleitendes Mehrzweckprodukt zu makeln: Lesen muss es offenbar niemand mehr. Wer redet von Tradition? Merkwürdigerweise werfen ausgerechnet Unternehmen wie Hugendubel über Bord, was ihr Image einst begründet hat - buchhändlerische Kompetenz.

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