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Bucherfolg : „Ich wollte schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker“

  • Aktualisiert am

„Schwer, sich unbeliebt zu machen” - Daniel Kehlmann Bild: F.A.Z. - Foto Helmut Fricke

Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist einer der größten Bucherfolge der deutschen Literatur. Ein Gespräch mit Daniel Kehlmann über den Erfolg und die geheimen Hauptthemen des Buches: die Deutschen und das Alter.

          Mit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ ist Daniel Kehlmann einer der größten Bucherfolge der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte gelungen: Das jüngste Werk des Einunddreißigjährigen wurde in mehr als vierhunderttausend Exemplaren verkauft und soll bislang in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt werden. Im Gespräch äußert sich Kehlmann über die Absichten, die er beim Schreiben verfolgte, über den für ihn rätselhaften Erfolg und die geheimen Hauptthemen des Buches: die Deutschen und das Alter.

          Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Roman ausgerechnet über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß zu schreiben? Und wer war zuerst da, Humboldt oder Gauß?

          Gauß war mir seit Schultagen präsent, hauptsächlich in Anekdoten, auf die ich im Buch zum Teil anspiele. Jahre später ist er mir wiederbegegnet in einem - übrigens nie ins Deutsche übersetzten - Buch von Leonard Mlodinow, „Euclid's Window“, über die Geschichte der Geometrie.

          Und wie kam Humboldt dazu?

          Mit Humboldt war es ganz anders. Ich habe vor einigen Jahren begonnen, mich intensiv mit südamerikanischer Literatur zu beschäftigen, und war dank eines Stipendiums zwei Monate in Mexiko City. Im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Land habe ich Humboldt entdeckt, der dort sehr präsent ist. Ich habe in ihm dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Mißverständnissen strotzt.

          Zum Beispiel?

          Allein die Uniform, die er immer wieder anlegt, oder wenn er bei der Überfahrt neben dem spanischen Kapitän steht und diesen beim Navigieren korrigiert, oder wenn er Indianerleichen ausgräbt und überhaupt nicht versteht, warum er es von da an schwer hat, einen Führer zu finden. Diese ungewollte Komik ist aber keineswegs die Komik eines Kauzes. Es geht darum, daß solche Begebenheiten sehr viel darüber aussagen, was es heißt, deutsch zu sein. Wir haben es hier zu tun mit einem Weimarer Klassiker, der das ganz andere der Weimarer Klassik vertreten hat, der einzige Weimarer Klassiker, der wirklich ausgesandt wurde, die Weimarer Klassik hinauszutragen, und der mit diesem Weltbild Macondo bereist hat. Ich war zudem sehr beeindruckt von der südamerikanischen Literatur, und hatte gleichzeitig das Gefühl, daß mir als deutschem Autor vieles von dem, was diese Autoren an emotionalen und künstlerischen Möglichkeiten haben, nicht zu Gebote steht. Ich kann nicht wie Garcia Marquez eine schöne Frau beim Wäscheaufhängen davonfliegen lassen.

          Das würden aber sicher viele gerne von Ihnen lesen.

          Man merkt dann doch, daß man aus einer anderen Kultur kommt, daß einem zwar die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Dingen zu spielen, aber auf andere Art. Und da hatte ich plötzlich das Gefühl, Humboldt ist mein Schlüssel, denn er hat diese Welt betreten, aber er hat sie als Deutscher betreten. Das ist etwas, was ich erzählen kann, womit ich künstlerisch etwas anfangen kann, weil da beide Seiten etwas mit mir zu tun haben. Dann habe ich immer mehr über Humboldt gelesen und zufällig herausgefunden, daß Gauß 1828 bei einem Wissenschaftlerkongreß in Berlin bei Humboldt gewohnt hat. Und plötzlich sah ich diese Szene: die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. Das war der Keim für den Roman.

          Ist „Die Vermessung der Welt“ also ein Roman über unseren Nationalcharakter, darüber, was es heißt, deutsch zu sein?

          Ja, das habe ich ganz stark so empfunden. Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein - auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden. Da wurde der Roman als ein Buch über Wissenschaft und vor allem über zwei schrullige Leute verstanden. Daß in dieser Schrulligkeit aber viel an satirischer Ideologiekritik steckt, ist in der deutschen Rezeption völlig in den Hintergrund getreten. Aber vielleicht hat das ja auch eine gewisse Logik.

          Ich habe „Die Vermessung der Welt“vor allem als Roman über das Altern gelesen.

          Ja, das ist er auch. Das ist die andere Sache, bei der ich mich gewundert habe, daß sie so wenig beachtet wurde.

          Sie sind gerade einunddreißig geworden. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit der Frage des Alterns auseinanderzusetzen?

          Mich hat das Thema des Alterns immer fasziniert. Schon mein letzter Roman, „Ich und Kaminski“, beschreibt ein Duell zwischen Alter und Jugend, das das Alter gewinnt. Ein Thema, das sich beim Schreiben der „Vermessung“ sehr klar hergestellt hat, ist die Tatsache, daß alle Menschen über die Jahre hinweg ihren Eltern immer ähnlicher werden, ob sie wollen oder nicht - und normalerweise wollen sie ja überhaupt nicht. In diese Richtung spielt übrigens auch das letzte Kapitel mit Gauß' Sohn Eugen. In dem Moment, wo er selbständig wird, beginnt er plötzlich, sich zu entfalten wie sein Vater, ohne es zu bemerken. Das Altern ist insofern tatsächlich das zweite Hauptthema des Buches, und damit verbunden der traurige Umstand, daß man, wenn man lange genug da ist, sich selbst überlebt, sich selbst historisch wird. Es gibt den schönen lateinischen Spruch als Aufschrift auf Sonnenuhren „omnia vulnerant, ultima necat“: Jede verwundet, die letzte bricht. Gemeint sind die Stunden. Ich finde der große existentielle Skandal ist nicht, daß wir sterben, sondern daß wir alt werden müssen.

          Warum beschäftigt Sie das?

          Ich hatte immer eine starke Einfühlung in alte Menschen, und ich empfinde stets eine große Traurigkeit dabei, mit alten Menschen zu tun zu haben und zu merken, daß die es eigentlich auch noch nicht gewöhnt sind, alt zu sein, daß sie sich eingesperrt fühlen in dieser Situation.

          Wer steht Ihnen näher, Gauß oder Humboldt?

          Humboldt reagiert in gewissen Momenten emotional geschickter als man erwarten würde, etwa wenn Bonpland ihm gesteht, daß er Lust gehabt hätte, ihn von einer Brücke zu stürzen, und Humboldt entscheidet, daß das der Moment ist, etwas nicht gehört zu haben. Auch das ist Weimarer Klassik: Entscheidung zur Freundschaft, zur Menschenliebe und zum Humanismus, nicht als tiefes Gefühl, sondern als Entscheidung. Das hat Komik, aber es hat auch eine ungeheure Größe.

          Also ist Ihnen Humboldt lieber?

          Ich habe mir selbst beim Schreiben diese Frage gar nicht gestellt. Nach meinem Verständnis dessen, was ein Roman tun soll, müßten die beiden Positionen und Charaktere einander ohne eine Entscheidung des Autors gegenüberstehen, weil ich es immer am interessantesten finde, wenn einander widersprechende Positionen so verständlich und nachvollziehbar wie möglich werden. Ich habe mich also bemüht, diese Entscheidung nicht zu treffen. Menschlich fühle ich mich Gauß näher, naturgemäß, denn als Schriftsteller ist man ja doch eher der, der zuhause sitzt, und nicht der, der überall hingeht. Humboldt trägt als Figur die Komik und die satirische Seite des Buches viel mehr. Deswegen schildere ich ihn auch viel stärker aus der Außenperspektive. Gauß hingegen ist Träger der emotionalen Handlung, der Innerlichkeit, auch begreift er besser, was es heißt, alt zu sein. Und weil Humboldt das nicht versteht und dadurch am Schluß zu einer tragischen Figur wird, wendet sich am Ende die Sympathie wieder Humboldt zu. Ich stehe also Gauß etwas näher, aber Humboldt ist der bessere Mensch von den beiden.

          Mehr als vierhunderttausend verkaufte Bücher allein im deutschsprachigen Raum, Übersetzungen in mehr als zwanzig Länder - haben Sie eine Erklärung für den großen Erfolg der „Vermessung der Welt“?

          Halb im Scherz könnte ich sagen, „Ich und Kaminski“ war eine recht aggressive Satire über die Medienwelt und den Journalismus, und ich habe festgestellt, daß Journalisten und Medienleute das Buch geliebt haben. „Die Vermessung der Welt“ ist eine recht aggressive Satire über das Deutschsein, und ich stelle fest, daß ganz Deutschland es liebt. Es scheint wirklich sehr schwer zu sein, sich unbeliebt zu machen. Aber im Ernst: Ich habe überhaupt keine Erklärung für diesen Erfolg des Buches, ich stehe erstaunt und fassungslos vor diesem Phänomen.

          Hans Magnus Enzensberger sieht eine besondere Stärke Ihres Romans darin, daß der Leser Einblicke in eine ihm fremde Welt erhält, daß er sich endlich einmal nicht in einem deutschen Gegenwartsroman wiedererkennen muß. Es wäre bei Gauß und Humboldt ja auch vermessen, sich mit ihnen zu identifizieren.

          Ja und nein. Natürlich erkennt man sich nicht in ihrer mathematischen Begabung wieder. Aber in Humboldt als einer Figur, die sehr stark reflektiert, was es heißt, im Ausland Deutscher zu sein, könnte sich eigentlich jeder wiederfinden.

          Welche Erfahrungen machen Sie bei den Lesungen, wo Sie mit vielen Lesern in Kontakt kommen?

          Bei den Lesungen bemerke ich tatsächlich einige Dinge, die zur Erklärung des Erfolgs beitragen könnten. Erstens: Der Roman wird von sehr vielen Leuten gelesen, die sich sonst überhaupt nicht für deutsche Gegenwartsliteratur interessieren. Aber es wird auch nicht von Menschen gelesen, die sonst Dan Brown oder Tom Clancy kaufen. Diese Leser erreiche ich nicht. Mir scheint, beim Gros der Leser handelt es sich eher um Leute, die sich sonst nicht für Neuerscheinungen interessieren. Also nicht um Menschen, die nicht lesen, sondern im Grunde um die klassischen Taschenbuchkäufer, die ihre eigenen Interessen haben und nicht nach Neuerscheinungen oder Moden Ausschau halten. Oft sagen Leute zu mir: Ich war noch nie bei einer Lesung, ich habe mir noch nie ein Buch signieren lassen. Das sind aber nicht Menschen, die der Literatur fremd gegenüberstehen, sondern lediglich dieser uns so nahe stehenden Welt der Neuerscheinungen, der Leseveranstaltungen. Zu denen ist das Buch durchgedrungen, wohl vor allem durch Mundpropaganda.

          Und die andere Erklärung?

          Außerdem erlebe ich, daß der Roman ganz erstaunlichen Anklang findet bei der Gruppe derer , die ein naturwissenschaftliches Studium absolviert haben, auch bei Ingenieuren, Vermessungstechnikern. Die haben offenbar das Gefühl, daß hier ihre Welt endlich einmal betrachtet und eingefangen wurde.

          Nun ruht der Buchmarkt ja eher in weiblichen Händen, weil Frauen bekanntlich mehr Bücher kaufen und lesen, zumal Belletristik. Ihre Erfahrungen allerdings lassen darauf schließen, daß Ihr Buch mehr Männer anspricht, als dies bei Romanen gewöhnlich der Fall ist.

          Ja, das ist so. Darüber habe ich mit Buchhändlern gesprochen. Auch bei meinem Roman besteht der Großteil der Käufer aus Frauen; wenn Frauen die „Vermessung“ überhaupt nicht lesen wollten, fände ich das erschreckend. Aber der Männeranteil ist tatsächlich größer, weil Wissenschaft ein männliches Thema ist. Und es geht ja auch um Abenteuer, um Reisen, um das Bergsteigen, und ein bißchen ist das wohl ein Thema für große Jungs.

          Obwohl es viele sehr komische Dialogszenen gibt, vermeiden Sie jegliche wörtliche Rede. Was hat es mit der ausschließlichen Verwendung der indirekten Rede auf sich?

          Ohne die Idee der indirekten Rede hätte ich das Buch nicht schreiben können. Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. Deshalb verwende ich auch den Begriff historischer Roman normalerweise nicht, sondern nenne es einen Gegenwartsroman, der in der Vergangenheit spielt. Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah', sagte Napoleon, ,wir greifen im Morgengrauen an.'“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. Hinzu kommt, daß ich mich nicht als traditionellen Erzähler sehe. Ich habe versucht, in jedem Roman etwas auszuprobieren, was ich als Experiment empfinde. So gab es in meinem ersten Roman, „Beerholms Vorstellung“, einen Ich-Erzähler, der stirbt, und in „Ich und Kaminski“ einen höchst unsympathischen Ich-Erzähler, der jede Identifikationsmöglichkeit zurückweist.

          Und in „Die Vermessung der Welt“?

          Auch darin sehe ich einen experimentellen Roman. Ich habe mich nämlich gefragt: Wie kann man einen in der Vergangenheit spielenden Roman, in dem Musketen abgefeuert werden, auf der künstlerischen Höhe der Zeit schreiben? Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und - und das ist der entscheidende Punkt - er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl - und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nich mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

          Haben Sie sich beim Schreiben amüsiert? Es heißt ja immer, Komik sei sehr anstrengend.

          Für mein Verständnis vom Schreiben empfinde ich es als ganz wichtig, daß man, wenn möglich, alle Facetten der eigenen Persönlichkeit einbringen sollte. Das gelingt immer nur unvollständig, aber je vollständiger es gelingt, desto besser. Es gibt einen wunderbaren Satz in Salingers letzter veröffentlichter Erzählung. Da heißt es: „When you write, see to it that all your stars are out.“ Also ungefähr: Wenn du schreibst, achte darauf, daß alle deine Sterne aufgegangen sind. Diesen Satz finde ich ungeheuer überzeugend. Ich hatte vorher immer das Gefühl, ich sei jemand, der Humor sehr schätzt, der selbst gerne lacht, aber ich schreibe so ernste Bücher, irgendetwas stimmt da nicht. Und diese Facette meiner selbst in einen Roman hineinzubringen, war sehr harte Arbeit.

          Die Bestsellerlisten gelten indes nicht unbedingt als Geschmacksbarometer des Bildungsbürgertums. Glauben Sie an die Intelligenz der Leserschaft, an ihre Bildung?

          Ja. Es ist einer der radikalen Grundirrtümer der Medienwelt unserer Tage, daß es für Dinge mit Niveau und Anspruch kein Publikum gäbe. Das ist ein Aberglauben der Medien- und Verlagsleute. Am schlimmsten ist es beim Fernsehen. Es eine Menge niveauvoller Bücher, die ein großes Publikum finden - man muß sich nur die Taschenbuchauflagen der Klassiker ansehen, die immer noch alle für breites Publikum geschriebenen Neuerscheinungen spielend in den Schatten stellen.

          Woran liegt Ihrer Meinung nach der Erfolg Ihrer Bücher im Ausland, wo man ja gemeinhin nicht eben erpicht ist auf deutsche Gegenwartsliteratur?

          Ich war selbst immer sehr skeptisch, was deutsche Gegenwartsliteratur angeht. Es gibt natürlich Bücher, die ich sehr schätze, und Autoren, die ich sehr bewundere, aber grundsätzlich habe ich die deutsche Nachkriegsliteratur immer stark empfunden als eine Ausblendung der Strömungen, die mich am meisten faszinieren und die mich am stärksten geprägt haben. Und ich finde es zum Beispiel auch sehr bezeichnend, daß jemand wie Günter Grass in Deutschland sehr stark als traditioneller Erzähler wahrgenommen wird, während er in Amerika stärker wahrgenommen wird als ein großer Postmoderner neben Autoren wie etwa Salman Rushdie, mit dem er meines Erachtens mehr gemeinsam hat als etwa mit Heinrich Böll, mit dem er in Deutschland immer zusammen genannt wurde. Für mich blendet die deutsche Gegenwartsliteratur viel von jenem Spielerischen und jener Leichtigkeit aus, die für mich unbedingt zur literarischen Moderne gehören. Sie reduziert auf die Alternative traditionelles Erzählen auf der einen Seite und spätdadaistisches Sprachspiel auf der anderen. Nehmen Sie den Roman, der mich am meisten geprägt hat, Nabokovs „Fahles Feuer“. Als ich mir vor einigen Jahren die deutsche Ausgabe kaufte, gab es noch kein Taschenbuch und man bekam es noch in der Erstauflage von achttausend Exemplaren von 1968. Das Buch wurde also in Deutschland seit dem Jahr 1968 nicht einmal von achttausend Leuten gekauft.

          Sie haben einmal gesagt, „das zunehmende Chaos im Menschenleben sei das geheime Thema“ Ihres Schreibens, ja Ihres Lebens. Was hat es damit auf sich?

          Im Grunde das, worüber wir vorhin geredet haben: das Alter. Das Alter ist das zunehmende Chaos im Leben. Man sammelt mehr Dinge an, mehr Beziehungen, mehr offene Rechnungen - es wird alles immer komplizierter, und es wird alles immer schwerer zu vereinfachen, und es braucht dazu immer größere Gewaltakte. Der Satz von der Entropie sagt ja, daß immer und überall in der Welt das Chaos ständig steigt, und wenn man an einer Stelle Ordnung schafft, kostet es einen woanders umso mehr Energie. Das ist in jedem einzelnen Leben so, und auch jeder Schreibtisch wird von selbst immer nur unordentlicher, und man denkt sich, warum wird er nicht mal von selbst ordentlicher? Wegen der Entropie. Er kann letztendlich nur unordentlicher werden.

          Das Gespräch führte Felicitas von Lovenberg.

          Quelle: F.A.Z., 09.02.2006, Nr. 34 / Seite 41

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