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Buch über die Hooligan-Szene : Die Null, die alles entscheidet

Philipp Winkler Bild: Aufbau Verlag

Hat der Autor das selbst erlebt - oder nur extrem gut recherchiert? Philipp Winklers Debütroman „Hool“ ist auf jeden Fall eine der intensivsten Lektüren dieser Saison. Ein Buch wie ein Schlag.

          Er hatte knielange Trainingshosen an, ein weißes Shirt und die blonden Haare hinten zusammengebunden, als er vergangene Woche in Berlin auftrat. Es war die Vorpremiere seines ersten Romans, „Hool“, der noch nicht erschienen ist, über den aber schon alle reden, weil er es auf die Longlist für den deutschen Buchpreis geschafft hat, was einem erst mal gelingen muss mit einem Debüt. Und während er dort oben Platz nahm und loslas, ertappte man sich dabei, wie man Philipp Winklers Gesichtszüge prüfte, seine Hände, seine tätowierten Arme und sich fragte, ob derjenige, der dort saß, tatsächlich früher in Hannover ein Hooligan gewesen ist oder immer noch einer war, weil man es, wenn man es einmal gewesen ist, auf irgendeine Weise vielleicht für immer bleibt.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er las keine Gewaltszene, die man erwartete, keine der Passagen aus „Hool“, die erzählen, wie das ist, zum Kampf verabredet zu sein, auf irgendeinem Parkplatz vor der Stadt, alles genau vereinbart, mit nicht ausgesprochenen, aber jedem der Teilnehmer bewussten Regeln: keine Hilfsmittel, keine Waffen, dass, wer am Boden liegt, tabu ist, solange er nicht von selbst wieder aufsteht.

          Deutschland ganz unten

          Er las nicht, was das für Heiko, seinen Ich-Erzähler und Protagonisten, für ein Gefühl ist, wenn der Schlagabtausch kurz bevorsteht, „als würde im Bauch irgendwas zu schweben beginnen“, „als ob der Magen mit Helium gefüllt wäre und von unten gegen die Lungenflügel drückt“. Und auch keine Szene aus dem Fitnessstudio von Heikos Onkel Axel, einer ehemaligen Fabrikhalle in Hannover-Stöcken, in der erfolglose Kampfsportler, Biker und Männer aus dem Security-Bereich schwitzen, stinken, Anabolika nehmen, mit Koks dealen oder sich vom Haustätowierer der Angels behandeln lassen, bevor dann die Glatzen kommen und vom Onkel ohne weiteres auch noch geduldet werden.

          „Mein Fenster war über Nacht offen. Ich muss so tief geschlafen haben, dass ich nichts gehört habe. Die Fensterbank ist mit einem Wasserfilm überzogen, und darunter hat sich ein breitflächiger dunkler Fleck auf der Wand gebildet“, sind seine ersten Worte. Eine verdreckte Wohnung voller Tiere, in der Heiko umsonst wohnt, solange er auf diese Tiere aufpasst, insbesondere auf den in einem mit Zeitungspapier ausgelegten Zimmer eingesperrten Bartgeier, dem er sich nur vorsichtig nähert - das ist es, was Philipp Winkler an diesem Abend aus seinem Buch preisgibt. Er tut dies nicht ohne Grund. Denn „Hool“ ist ein Buch über die Hooligan-Szene, das auf jeden Fall. Es ist aber auch ein Buch über prekäre Existenzen, der Vater ein Alkoholiker, die Mutter abgehauen, der Mitbewohner ein Tierquäler, der Onkel der Besitzer eines Fitnessstudios, in dem Nazis verkehren. Das ist Deutschland ganz unten.

          War er selbst ein Hooligan oder nicht?

          Es wäre bei der Lesung ganz leicht gewesen, zu Philipp Winkler hinzugehen und ihn einfach zu fragen, ob er selbst mal einer von denen gewesen ist, das alles also erlebt hat. Oder ob er es recherchiert, sich in ein Milieu hineinbegeben hat, und zwar so sehr, dass die Perspektive, die er in „Hool“ erzählend einnimmt, kein außen mehr zulässt, keine übergeordnete Instanz, die Reflexion ermöglicht. Das ist das Beklemmende und Beeindruckende an diesem Roman, dass, wer ihn liest, mittendrin ist und deshalb auch durch muss durch die ganze Trostlosigkeit der hier gezeichneten Testosteronwelt.

          Irgendwann in den nächsten Wochen, wenn Philipp Winkler Interviews gibt und vielleicht sogar auf die Shortlist des Buchpreises kommt, was ihm wirklich zu wünschen ist, wird er sicher auch eine Antwort auf diese Frage geben und darüber sprechen, welche Beziehung er zur Hooligan-Szene hat. Aber jetzt, denkt man, muss das noch nicht sein. Jetzt, in diesem Moment, ist es eigentlich völlig egal. Wenn ein Roman es schafft, so eindringlich zu erzählen, dass man alles darin für erlebt hält - oder es zumindest für möglich hält, dass derjenige, der hier schreibt, es erlebt haben könnte, dann ist dies das größte Kompliment, das man einem Roman machen kann. Warum also den Eindruck, den das Buch beim Lesen hinterlässt, mit Nebengeschichten über die Produktionsbedingungen entzaubern?

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