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Buch-Communities Wer hat das längste Regal?

20.06.2008 ·  In den Vereinigten Staaten sind Leser-Communities der Renner, hierzulande agieren sie noch weitgehend im Verborgenen. Doch die Pläne von Plattformen wie Lovelybooks oder Alexandria sind ehrgeizig. Julia Roebke hat sich die neuen Lesegemeinschaften näher angeschaut.

Von Julia Roebke
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Für Besucher gilt: Ein Blick ins Bücherregal spricht Bände. Natürlich muss man heutzutage dafür nicht mehr aus dem Haus. Man trifft sich auf deutschsprachigen Internetseiten wie Lovelybooks, Booktick oder Buechertreff. Dort zeigen Bibliophile ihre private Büchersammlung, geben Empfehlungen ab und diskutieren Werke ihrer Lieblingsautoren. In den Vereinigten Staaten sind solche Leser-Communities der Renner, hierzulande agieren sie noch weitgehend im Verborgenen, der Durchbruch blieb bisher aus.

Anders als bei Online-Buchhändlern wie Amazon liegt das Augenmerk dieser Internetseiten auf den sogenannten Community-Funktionen, also der Möglichkeit, sich auszutauschen beziehungsweise eine eigene Identität im Netz aufzubauen. Die Idee dazu hatte ein amerikanischer Programmierer mit einer Vorliebe für griechische und römische Geschichte: Tim Spalding. Er entwickelte eine Netzanwendung, mit der sich die eigene Bibliothek im Internet verwalten lässt. Im August 2005 ging Spalding mit der Seite Librarything.com ins Netz, mittlerweile verwalten dort rund 416.000 Mitglieder an die siebenundzwanzig Millionen Bücher.

Lesen und Vampir-Rollenspiele

„Der Spaß geht erst richtig los, wenn man sein Bücherregal mit dem völlig fremder Menschen vergleicht und Gemeinsamkeiten entdeckt“, sagt Spalding. Einst eigenständig gegründet, hat sich bei Librarything inzwischen der Internet-Gebrauchtbuchhändler Abebooks mit einem Anteil von vierzig Prozent eingekauft. Abebooks wiederum gehört zum deutschen Medienkonzern Burda. Aber auch andere deutsche Medienunternehmen sind inzwischen auf diesem Feld aktiv. Lovelybooks heißt das derzeit größte soziale Büchernetzwerk in deutscher Sprache. Das Portal, ein Ableger des Holtzbrinck Verlags, startete im Dezember 2006, inzwischen hat Lovelybooks an die zehntausend Mitglieder, die 1,4 Millionen Bücher verwalten.

Das Anmelden ist einfach: die Mail- Adresse hinterlegen, einen passenden Namen ausdenken, und die elektronische Bücherwelt öffnet sich. Kaum registriert, meldet sich auch gleich eine „Freundin“ mit dem Spitznamen Bergey. Die junge brünette Frau lächelt dem neuen Nutzer auf dem Foto aufmunternd zu, gesteht ein Faible für Krimis und legt auch in Sachen dokumentierter Lesefreude so einiges vor: Einhundertsechsundsechzig Bücher und achtundzwanzig verfasste Rezensionen zeigt Bergeys Profil - das spornt an.

Unkompliziert lässt sich auch die eigene Online-Bibliothek füllen. Den Titel, ein Stichwort oder die ISBN-Nummer eingeben, und der Computer spuckt aus, was sich mit einem Klick ins virtuelle Regal befördern lässt. Ausgestattet mit zwei Titeln in der eigenen Bibliothek, ist es ein Leichtes, sich umzuschauen: Wer ist gerade online, welche Titel hat zum Beispiel der motorradbegeisterte Loki aus Leipzig im Regal stehen, welche Bücher hat die Studentin Claudia alias Sari aus Berlin rezensiert, die als Hobby neben dem Lesen auch Vampir-Rollenspiele im Steckbrief angegeben hat?

Was liest Du so?

Und was liest man so bei Lovelybooks? „Harry Potter“ steht in den Bibliotheken und auf der Hitliste, aber auch Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“, der Schafskrimi „Glennkill“ oder die Fantasy-Werke von Cornelia Funke. Also ziemlich genau das, was sich auch auf den Bestseller-Listen befindet. Aber auch die anspruchsvolle Literatur hat ihre Verfechter: Stellt man Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ ins Bücherregal finden sich sogleich vierzig weitere Leser dieses Buches - eine Gemeinsamkeit, die es leichter macht, miteinander in Kontakt zu kommen. Der Buchhändler Stephan aus Wetzlar schreibt auch prompt: „Hallo, ich lese auch gerade ,Die Wohlgesinnten' - sagst Du mir, wie es Dir gefällt?“

Doch beim Austausch von Höflichkeiten bleibt es dann auch, denn im Vergleich zum amerikanischen Vorbild passiert bei Lovelybooks recht wenig. Im Schnitt sind zwischen zwanzig und dreißig Mitglieder online. Sonja aus Düsseldorf bringt es auf den Punkt, wenn sie ihren Bücherfreunden im Forum schreibt: „Hallo zusammen, chattet ihr auch gerne und regt Euch auf, dass hier leider nie etwas los ist im Chat?“ Das sieht bei Librarything anders aus. Täglich melden sich rund zweihundertfünfzig Mitglieder zu Wort, die Lesergemeinschaft ist aktiv: Besorgte Nutzer geben Hilfestellung, wenn eine Frau klagt, dass ihr Mann sich auf Fantasy-Werke spezialisiert, oder tauschen sich über ihre Erfahrungen mit Zensur aus. Als kurios könnte man auch die neueste Leidenschaft der Buchgemeinschaft bezeichnen. Unter dem Oberbegriff „I see dead peoples' books“ versuchen Mitglieder die Bibliotheken berühmter Zeitgenossen virtuell zu rekonstruieren. Was Thomas Jefferson las, lässt sich nun abrufen, die Büchersammlungen von Benjamin Franklin, James Joyce und vielen anderen sind im Aufbau.

„Die Menschen reden gerne über Bücher“, sagt Sandra Dittert, die zusammen mit Lothar Kleiner, dem Geschäftsführer des S. Fischer Verlags, für das deutsche Projekt Lovelybooks verantwortlich ist. Ihr Angebot werde angenommen und auch die Altersstruktur sei ausgewogen. Sie schätzt das Durchschnittsalter der Nutzer auf vierzig Jahre und mehr, mit einem sechzigjährigen Mann sei sie in regem Kontakt über die neuesten Entwicklungen der Plattform. Aber auch die Studenten und vor allem die hübschen Studentinnen fehlen nicht - mag man den Bildern in der Galerie der aktivsten Mitglieder Glauben schenken. Dort finden sich dann auch Lesebegeisterte, für die das virtuelle Büchersammeln weit mehr als ein Hobby zu sein scheint. Eine fünfzigjährige Frau mit dem Spitznamen Bahe aus dem Rhein-Main-Gebiet hat die Online-Sammelwut gepackt. In ihrer Bibliothek verwaltet sie schon mehr als 2700 Bücher.

Auf keinen Fall Online-Shop

Bislang sei man mit der Entwicklung der Mitgliederzahl zufrieden, sagt Dittert. Besonders die Möglichkeiten, mit Autoren über deren Bücher zu diskutieren, werde sehr gut angenommen. Neue Angebote, wie eine geplante Suche nach Mitgliedern aus der gleichen Stadt, sollen weitere Nutzer anlocken. Denn zusätzliche Mitglieder sind, wie Dittert sagt, auch Voraussetzung für Werbeeinnahmen, die, wenn sie denn einmal fließen werden, auch das Projekt am Leben halten sollen.

Zielt das Engagement von Holtzbrinck bei diesem Projekt also nicht darauf ab, in Zukunft die Mitglieder von der Bücher-Community auf die hauseigene Online-Verkaufsplattform Buecher.de zu verweisen und damit Geld zu verdienen? Dittert widerspricht: „Wir wollen auf keinen Fall ein Online-Shop sein“, sagt sie. Auf Drängen der Nutzer habe man aber inzwischen die Möglichkeit geschaffen, die besprochenen Bücher auch über einen Link im Internet zu erstehen. Allerdings verweist Lovelybooks derzeit an den konkurrierenden Online-Buchhändler Amazon. Allein wegen der relativ einfachen technischen Lösung des Problems habe man sich vorerst für Amazon entschieden, sagt die Geschäftsführerin.

So viel Wahlfreiheit wird es bei der Buch-Community Alexandria wohl nicht geben. Seit rund einem Dreivierteljahr arbeitet der Online-Buchhändler Buch.de an der eigenen virtuellen Gemeinschaft. Bald wolle man die Entwicklungsphase beenden und das Projekt auch intensiv bewerben, sagt der Vorstandssprecher Albert Hirsch. Namensgeber für seine Community ist die Bibliothek von Alexandria, ein großer Name, der für Buch- und Lesekultur stehe, sagt Hirsch. Bücher seien nach wie vor das führende Produkt im Online-Handel. Von der geplanten Interaktion mit den Lesern verspricht er sich daher einiges, vor allem aber einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz. „Wir haben derzeit mehrere Millionen Kunden und wollen deren Wünsche und Bedürfnisse besser kennenlernen“, sagt Hirsch.

Es fehlen noch Funktionen

Wissen will Hirsch von den Nutzern seiner Community jedoch noch so einiges mehr. Reichte es zum Anmelden bei Lovelybooks noch aus, eine E-Mail Adresse zu hinterlegen, geht man bei Alexandria ins Detail: Name, Straße, Hausnummer und Geburtsdatum werden abgefragt - so soll denn alles vorbereitet sein für einen möglichst reibungslosen Übergang von der Buch-Community zum Kauf der Lektüre bei Buch.de. Derzeit befinde man sich mit den rund fünfhundert Mitgliedern noch in der Erprobungsphase, dafür sind die Pläne für Alexandria umso größer. Schon in naher Zukunft soll sich eine Community mit einer sechsstelligen Mitgliederzahl entwickelt haben.

Leider enttäuschen bei Alexandria im jetzigen Stadium die angebotenen Funktionen. Von einer Community kann noch keine Rede sein. Es gibt keine Foren, keine Möglichkeit, mit den anderen Mitgliedern in Kontakt zu kommen, und so rein gar nichts Privates. „Es fehlen noch so einige Funktionen“, gibt auch Hirsch zu, der von der Komplexität eines solchen Projekts überrascht war. Doch auch bei Lovelybooks muss man sich von einem kleinen Traum verabschieden: Bergey, die erste Freundin in der neuen virtuellen Gemeinschaft, entpuppt sich auf Nachfrage als eine Mitarbeiterin von Lovelybooks. Man wolle neuen Mitgliedern virtuell gleich die Hand reichen, sagt die Geschäftsführerin. Und wer damit nicht einverstanden ist, der kann, in der schönen neuen Welt des „Mitmach-Webs“, die Freundschaft mit einem Klick ganz einfach beenden.

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