Der Übergang ins digitale Zeitalter ist für die traditionsreichen Enzyklopädien ein zäher Prozess, bei dem jede unternehmerische Entscheidung in Verdacht gerät, einen Epochenbruch einzuleiten.
Der Übergang der Marke Brockhaus aus den Händen ihres Mutterverlages in die seines bisherigen Hauptkonkurrenten Bertelsmann muss zwar nicht das Ende der gedruckten Brockhaus-Enzyklopädie bedeuten; er erscheint jedoch vor allem deshalb als eine tatsächliche Zäsur, weil der große Brockhaus in der zermürbenden Abwehrschlacht gegen die Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia zum Symbol der Kontinuität gedruckten lexikalischen Wissens geworden ist.
Ist die Trennung wirklich so schmerzlos?
Irritierend nüchtern wirkt da die energische Bemühung des Vorstandssprecher des (bisherigen) Brockhaus-Verlags, Ulrich Granseyer, der Verkaufsentscheidung jede historische Dimension zu nehmen und sie auf das sachliche Format eines betriebswirtschaftlichen Kalküls zu bringen: Weil Brockhaus nicht über ähnliche Kompetenz wie die Bertelsmann-Tochter Wissenmedia im Direktvertrieb verfüge und weil es schwierig gewesen wäre, diese aufzubauen, habe der Verkauf nahegelegen.
Die Markenrechte am Brockhaus abzutreten würde in dieser Logik nur bedeuten, ein Geschäft aufzugeben, das dem Verlag in den vergangenen Jahren massive Verluste gebracht hatte, und sich auf rentablere Geschäftsbereiche wie den Duden und Kalender zu konzentrieren. Trennt man sich so schmerzlos von einem kulturellen Symbol mit zweihundertjähriger Geschichte, selbst wenn man tatsächlich der Meinung sein sollte, dass ihr Fortbestand vom größten Konkurrenten inzwischen besser gewährleistet wird?
Die Internet-Konkurrenz zerrieb die Enzyklopädie
Man mag diese Nüchternheit damit begründen, dass Pathos und Empörung schon verbraucht sind und dass sich der schleichende Untergang der großen Brockhaus-Enzyklopädie in den letzten Jahren zu deutlich abgezeichnet hatte, als dass man jetzt davon überrascht sein könnte. In der Konkurrenz mit Internetlexika wie Wikipedia hatte sich Brockhaus zuletzt aufgerieben. Mit der 21. Auflage im Jahr 2006 hatte man zwar noch einmal zum großen Wurf ausgeholt und dabei auch seine Anschlussfähigkeit ans digitale Zeitalter angedeutet. Der aufwendig gestalteten Enzyklopädie waren USB-Stick und DVDs beigefügt, die Ton- und Bilddateien enthielten.
Die Leser hatten Zugriff auf regelmäßig aktualisierte Wissensdatenbanken im Internet, man sprach vom besten Brockhaus aller Zeiten. Allein die Käufer fehlten, die Prachtausgabe wurde ein Verlustgeschäft. Als der Verlag im Februar dieses Jahres öffentlich in Erwägung zog, den Brockhaus nur noch im Internet anzubieten, gab es zwar wieder einen Ansturm auf die Printausgabe, und die Onlinepläne wurden verworfen. Eine konsequente Online-Strategie blieb bei Brockhaus jedoch aus, während die Konkurrenz immer mehr Kooperationen einging und im Internet neue Wissensplattformen entstanden, die in Absetzung zu Wikipedia verschiedene Formate durchprobierten.
Der Bruch vom Gedruckten zum Digitalen wird endgültig vollzogen
Googles virtuelle Wissensplattform „knol“ etwa vertraut in letzter Instanz dem Experten, lässt aber den Nutzer an der Genese des Lexikons teilhaben. Der Wörterbuchverlag Pons ging jüngst einen ähnlichen Weg und lässt seine Leser im Internet unter professioneller Beihilfe ein Wörterbuch gestalten. Wikipedia wiederum passte seine meistgelesenen Artikel dieses Jahr ins Buchformat, das es von Bertelsmann verlegen und redigieren ließ. Wer hier welchen Wissensbestand bearbeitet und in welches Format er eingefügt wird, scheint allgemein immer weniger von Bedeutung zu sein. Die einst scharfe Trennung zwischen Gebrauchswissen, Kontextwissen und Bildungswissen fällt weg.
Sollte das Kartellamt dem Verkauf zustimmen, wird auch die Übernahme des Wissensbestandes von Brockhaus durch Bertelsmann vollzogen. Zwar ist unwahrscheinlich, dass unter dem neuen Besitzer der Medienbruch vom Gedruckten zum Digitalen endgültig vollzogen wird. Wissenmedia unterhält mit wissen.de bereits ein eigenes Internetlexikon und ist Online-Kooperationen mit dem „Spiegel“ und Wikipedia eingegangen. Geplant ist offenbar, dass die Wissenssubstanz von Brockhaus in die verschiedenen Formate, die Wissenmedia bereits unterhält, eingespeist wird.
Wo es um die Frage der Verwertung des neue erworbenen Wissens geht, spricht Christoph Hünermann, der Geschäftsführer von Wissenmedia, gern von Substanz und Format. Die Substanz werde man vom Brockhaus übernehmen und weiterpflegen, aber für welche Produkte man sie verwende, sei noch völlig offen. Damit auch die Frage, ob der Brockhaus unter einer neuen Redaktion seine 22. Auflage erleben wird - oder ob man statt dessen bald nur noch von Updates sprechen wird.