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: Briefe aus dem Reich der Toten

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Dieses Buch wurde lange erwartet: Es kommt genau zur rechten Zeit. Seit den achtziger Jahren gilt sein Autor, der Tübinger Ethnologe Thomas Hauschild, 48, als die große Hoffnung dieser bei den Studenten so beliebten, in der deutschen Öffentlichkeit aber nur schattenhaft präsenten Zunft, und fast ...

          Dieses Buch wurde lange erwartet: Es kommt genau zur rechten Zeit. Seit den achtziger Jahren gilt sein Autor, der Tübinger Ethnologe Thomas Hauschild, 48, als die große Hoffnung dieser bei den Studenten so beliebten, in der deutschen Öffentlichkeit aber nur schattenhaft präsenten Zunft, und fast ebensolang schon war mit diesem Buch zu rechnen.

          Damals, in den Achtzigern, genervt von der anbrechenden Postmoderne, brach Hauschild auf zur Feldforschung über süditalienische Heiligenkulte ins lukanische Dorf Ripacandida, einen kalkweißen und nicht immer gemütlichen Flecken hoch oben auf einem Felsen. Hier wollte er den Kult eines sehr wankelmütigen Heiligen namens Donatus erforschen. Das Manuskript wuchs und wuchs, geriet schließlich zu einer Habilitationsschrift in Mikrofiche-Version. Verschiedene Verlage, darunter Suhrkamp, verbrachten Jahre mit der Prüfung. Dann hieß es: zu sperrig, zu ungewöhnlich, zu sehr ein Buch der Dritten Kultur.

          Nun hat es der kleine, auf entlegene Themen spezialisierte Merlin Verlag publiziert, und schon nach wenigen Seiten wird klar: Das ist das Buch zu Grönemeyers Hit; denn es geht darin um die Frage, warum der Mensch Mensch heißt. Es geht um Krisen und um letzte Dinge: um Geburt, Tod, Glauben, Gespenster, die katholische Kirche, um Politik, ums Kochen und um Hautkrankheiten. Dann, ganz ohne akademischen Pomp, verhandelt das Buch auch die brisanten kulturwissenschaftlichen Fragen der Zeit: nach der Zukunft der Aufklärung, nach dem Verhältnis von populären Erzählungen zum wissenschaftlichen Diskurs, nach der Letztbegründung von Glaubenssystemen.

          Das Bemerkenswerte aber ist die Sprache, der Sound, der den Leser schon mit den ersten Sätzen packt. Das Buch beginnt mit einer schlaftrunkenen Spiegelszene von seltener Eindringlichkeit, die die Grenzen des Schreibens, wie sie für deutsche Sachbücher gelten, dramatisch verschiebt: "Mit einem Schlag hat es mich aus dem Schlaf gerissen, aus seltsamen Träumen, zuerst den Körper, dann den Geist. Und meine Seele, so scheint es, ist zur Hölle gefahren. Schweiß steht mir im Gesicht. Im Bad, im bleichen Spiegel sehe ich mich selbst: ein Mann in den Vierzigern, schwarzes, schütteres Haar, nach oben gesträubt. Meine Lippen sprechen den Satz ,Das soll einmal ein Kind gewesen sein.' Ein Lichtspalt weist mir den Weg in den Flur. Dort ist es blendend hell, und rot scheint mir der Plastikbecher einer Friedhofskerze entgegen. Morgen früh, auf dem Weg zur Universität, werde ich sie den toten Jungen bringen, in ihrem kalten Graben."

          Revoltierendes Denken

          Wenn das Buch zu Ende gelesen ist, weiß man, daß das eine angemessene Einstimmung ist. Hier bleibt kaum ein Stein auf dem anderen, und in stets revoltierender Manier wird mit den üblichen Anschauungen postmoderner Großstadtbewohner aus dem Norden gespielt: Die Magier und die heilenden Frauen, die der Autor über Jahre begleiten konnte, sind keine naiven Symbole für oder gegen esoterische Parallelwelten; sie sind vielmehr routinierte Praktiker einer recht effizienten, wenn auch fröhlich unsystematischen Tradition. Die Heilerin Linda, die bemerkenswerte Erfolge im Kampf gegen Besessenheit, gegen Migräne und Gürtelrose vorzuweisen hat, greift selbst bei Kopfweh zu einer (deutschen) weißen Tablette. Der Magier Vito, der ein gut funktionierendes "Schreibbüro der Toten" unterhält, notiert die Worte, die ihm die Verstorbenen einflüstern, auf die Rückseite alter Quittungen aus der Renault-Vertretung seines Schwagers. Die katholischen Geistlichen wiederum, die Profis der, wie Hauschild bewundernd schreibt, "ältesten funktionierenden Institution der Welt", erscheinen in seiner Schilderung wie überbeanspruchte Therapeuten aus Manhattan. Die Sorge um die Seelen ist in Lukanien, wo so viel für alle Heiligen und die Muttergottes getan wird und sie alle dauernd in den Träumen der Leute vorkommen, keine leichte Aufgabe. Die Geistlichen, schreibt Hauschild, machen einen wichtigen Job. Und sie haben es schwer.

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