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Botho Strauß : Was bleibt von Handke?

  • Aktualisiert am

Botho Strauß Bild: F.A.Z.-Barbara Klemm

Was bleibt von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Der Dichter Botho Strauß schreibt über seinen umstrittenen Kollegen, deutschen Geist und Schuld und Irrtum.

          Was bleibt von dem Gefangenen im Pisaner Käfig, dem gegen Roosevelt eifernden Faschisten? Es bleibt der überragende Rhapsode und Poet, der Matador der Moderne, der reiche Anreger und Talenteförderer Ezra Pound.

          Was bleibt von dem berüchtigten Rechtslehrer Carl Schmitt, dem man Mitwirkung an den Nürnberger Rassengesetzen nachwies? Es bleibt der einflußreichste Staatsrechtler des zwanzigsten Jahrhunderts, der intuitivste Denker über Verfassungs- und Rechtsgeschichte, dessen Einfluß weit über die Grenzen Deutschlands hinaus lebendig blieb.

          Von Heidegger zu sprechen und dabei seine Rolle als brauner Universitätsrektor hervorzuheben erweist sich inzwischen als Lächerlichkeit. Was bleibt aber von Brecht, einem Dichter, dem die Revolution wichtiger als Menschenleben war und der gegen den blutigen Stalin nur ein wenig Dialektik ins Feld führte? Es bleibt einer, der die Dramaturgie des Theaters nachhaltiger veränderte als jeder andere europäische Autor und der noch bis tief in die Mentalität und Empfindungskälte des heutigen Theaters beherrschend wirkt.

          Eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens

          Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur.

          Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschäftigen, sondern nur mit den richtigen. Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und mißliebig angesehen wird.

          Aber das allgemein Richtige, ein Gezücht unserer konsensitiv geschlossenen Öffentlichkeit, ist dennoch ein am Boden schleifendes träges Ungetüm, wie sehr es sich auch selbst gefallen mag.

          Einige andere aber müssen in der Höhe sich härter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen.

          Quelle: F.A.Z., 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 37

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