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Veröffentlicht: 12.10.2016, 10:43 Uhr

Bodo Kirchhoff im Gespräch Allein ist man zu wenig

„Widerfahrnis“ heißt das neue Buch des Schriftstellers Bodo Kirchhoff, das er als literarische Antwort auf die Flüchtlingskrise bezeichnet. Ein Gespräch über die Frage, wie weit wir uns und unser Land öffnen können

von Alexa Hennig von Lange
© Laura J. Gerlach Bodo Kirchhoff

In Ihrer Novelle „Widerfahrnis“ dreht sich alles ums Überleben. Ihr Protagonist Reither erzählt zu Beginn, wer und was in seinem Leben alles nicht überlebt hat. Bis hin zu seinem eigenen kleinen Verlag, der nicht überlebt hat, da die Literatur ebenfalls vom Aussterben bedroht ist. Empfinden Sie Ihr Dasein als Schriftsteller auch als Überlebenskampf?

Nicht so sehr als persönlichen Überlebenskampf im ökonomischen - eher im psychologischen Sinne. Uns gegenwärtigen Schriftstellern sind ein bis zwei Generationen ernsthafter Leser weggebrochen. Heute ist die Literatur vor allen Dingen für jene interessant, die selbst Literatur machen, abgesehen von noch ein paar anderen Leuten, die zu einer immer größer werdenden Minderheit gehören. Aufgrund dieser Tatsache den Sinn für das Ganze nicht zu verlieren, darin sehe ich meine Aufgabe.

Weil?

Weil sonst die Sprache in einem Maße verwildert, wie wir es gerade dieser Tage erst in Dresden erleben durften. Diese allgemeine, absolute Verwilderung der Sprache ist schlicht grauenhaft und das eigentliche Problem, das sich uns als Gesellschaft stellt und uns allen noch schwer zu schaffen machen wird. In diesem Klima als Schriftsteller weiterzumachen ist für mich eine Art Überlebenskampf, ohne das Wort überstrapazieren zu wollen.

Nachdem in „Widerfahrnis“ zuerst vom Verlust des eigenen Verlags erzählt wird, erfährt der Leser, dass die Hauptfigur Reither sich als junger Mann auch noch gegen das Überleben seines ungeborenen Kindes entschieden hat. Das heißt, nicht nur die Sprache vergeht, sondern das Leben selbst darf nicht überleben.

Reither wollte damals keine Unordnung. Er wollte sein Verlagsding machen. Alles sollte so bleiben, wie es war. Ein Leben lang hatte er versucht, seinem Dasein eine überschaubare Form zu geben. Nur hat er dabei unter anderem Entscheidungen getroffen, die er jetzt bereut, wie zum Beispiel, dass er das Leben seiner ungeborenen Tochter nicht zugelassen hat. Zunehmend merkt er nun, dass er allein zu wenig ist. Irgendwie hatte er die stille Hoffnung gehegt, dass alleine reicht. Aber es hat eben nicht gereicht. Gleichzeitig glaubt er nicht so ganz an die Gemeinschaft, weil sie immer Veränderung bedeutet.

In diese reduzierte Aufgeräumtheit bricht plötzlich das Leben ein. Eines Nachts steht seine Nachbarin Leonie Palm vor seiner Wohnungstür und überredet ihn zu einer spontanen Autofahrt nach Italien, die sie bis nach Sizilien führt. Auf der Fahrt dorthin treffen die beiden immer wieder auf Flüchtlinge. Zuerst nur schemenhaft. Schließlich helfen die beiden einem kleinen Mädchen im roten Fetzenkleid. Als sei es ihre Aufgabe, diesem Kind ein neues Zuhause zu geben. Wieder geht es ums Überleben.

Man könnte sagen: Das Leben bricht ins Leben ein. Das ist Reithers Moment von Widerfahrnis. Er erkennt, dass er sich diesem Einbruch beugen muss. Dass er Veränderung und somit das Leben endlich zulassen muss. Den Titel „Widerfahrnis“ trage ich übrigens seit Jahren mit mir herum. Doch es gab keine Geschichte dazu. Ich habe also gewartet, bis die Geschichte zu mir kam. Das war im letzten September der Fall, als wir von der Flüchtlingswelle ergriffen wurden.

Mit „Widerfahrnis“ haben Sie das Flüchtlingsdrama aufgegriffen.

Weil wir uns dieser Veränderung stellen müssen, und damit meine ich jeden einzelnen, auch mich. Trotz der Sorge, dass die Form, die wir uns für unser Leben zurechtgelegt haben, früher oder später umgewälzt wird. Ich bin allerdings kein politischer Kommentator solcher historischen Prozesse, also habe ich eine kleine, anschauliche Geschichte dazu gefunden und erzählt.

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