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Veröffentlicht: 12.10.2016, 10:43 Uhr

Bodo Kirchhoff im Gespräch Allein ist man zu wenig


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Es bedarf einer tiefgreifenden, intimen Erfahrung. Die Liebe macht uns weich und durchlässig. Das ist eine Grundvoraussetzung, um überhaupt eine Veränderung zuzulassen, um das Neue oder scheinbar Fremde aufnehmen zu können. In Reithers Fall ist das seine Nachbarin Leonie Palm. Mit ihr trifft ihn die große Liebe unvorbereitet.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Das würde bedeuten, dass wir alle nicht die Macht oder die Möglichkeit haben, uns von selbst zu öffnen, sondern dass es jemanden von außen braucht, der uns hilft?

Was eine tiefe, innere Umwandlung angeht, ja. Damit meine ich nicht dieses oberflächliche Gutmenschentum. Zum Bahnhof fahren und nett winken oder ein paar Kekse verteilen - damit ist es nicht getan. Wir müssen das grundsätzliche Aufbrechen unserer altbekannten Lebensumstände akzeptieren, in denen wir bisher unser Ding gemacht haben. Dieser Prozess scheint mir nur durch Liebe möglich zu sein.

Reither wird von der Liebe getroffen und kann sich öffnen. Wovon muss Deutschland getroffen werden, damit es sich öffnen kann?

Es bedarf der Liebe zwischen den Einzelnen und in der Gemeinschaft. In der Familie, zwischen Freunden. Es braucht die Erfahrung von Geborgenheit. Ohne dieses Grundgefühl ist nichts möglich.

Woher soll es jetzt plötzlich kommen? Wo es ja scheinbar nicht genügend vorhanden ist?

Nun ja. Tatsächlich gibt es einige, die in dem Gefühl des Mangels leben, noch nicht alles bekommen zu haben. Da gibt es offenbar einen unheimlichen Nachholbedarf in unserem eigenen Haus.

Ihre Geschichte hört an dem Punkt auf, an dem Reither die nigerianische Flüchtlingsfamilie hereinlässt.

Ja. Weiter kann ich nicht erzählen, weil wir alle nicht wissen, wie es weitergeht. Ich höre praktisch an der Stelle auf, an der wir gerade alle stehen.

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Jetzt könnte man sagen: Wunderbar! Sie schreiben eine Parabel auf unsere heutige Situation, regen an, dass wir über die Möglichkeit nachdenken, uns zu öffnen.

Uns zu öffnen und uns zu verändern.

Aber Sie sagen uns nicht, wie es ausgehen wird.

Das kann ich ja auch gar nicht. Ich kann nur vermuten, dass wir am Ende dieses Prozesses nicht mehr diejenigen sind, die wir heute sind. Das ist - im Kleinen gesagt - in jeder Beziehung so. Du kannst alleine leben, oder du verliebst dich, lässt jemanden in dein Leben hinein, und dann veränderst du dich, es verändert sich alles, dann kommt noch ein Kind dazu, und nichts ist mehr so, wie es war. Wer das nicht erlebt hat, hat sowieso keinen Sinn dafür.

Woher nimmt Reither den Mut und die Sicherheit, dass seine Entscheidungen richtig sind?

Diese Sicherheit gibt es nicht. Die Frage ist: Was ist die Alternative? Die Alternative ist tiefe Melancholie.

Melancholie durch die Verneinung des Lebens? Weil Leben nun mal Entwicklung ist?

Ja, wer das nicht mitvollzieht, stürzt in die Melancholie. Er bleibt in seinem Gehäuse, wie es in meinem Buch heißt, und ist ein Flüchtling vor dem Leben. Das will Reither nicht. Das will auch ich längst nicht mehr. Ich weiß sehr wohl, wie man vor dem Leben flieht, und genauso weiß ich, wie sehr das misslingen kann.

Ist das fehlende Interesse an Literatur gleichzusetzen mit der Verweigerung, sich das Leben wirklich anzusehen?

Ja, es ist eine Verweigerung in den eigenen Abgrund und das eigene Kleinsein zu schauen. Das glaube ich schon. Die Literatur wirklich anzunehmen, heißt, anzunehmen, dass man nicht der Mittelpunkt des Universums ist und dass man, ohne die Welt in sich aufzunehmen, gar nichts ist, dass man eine lächerliche Figur ist, die da rumzappelt und andere dazu ansteckt, mitzuzappeln.

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