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Bodo Kirchhoff im Gespräch : Allein ist man zu wenig

  • -Aktualisiert am

Um auf diese Weise auch Antworten zu finden?

Erst einmal findet Literatur eine Sprache und eine Geschichte für das, was sonst nur unzulänglich ausgedrückt wird. Sie erfindet eine eigene Wahrheit, mit Hilfe derer wir uns und unser Handeln befragen können. Mir war beim Schreiben dieses Buches vor allen Dingen wichtig, eine entzerrte und berührende Sprache für die Vorgänge über das, was über uns hereinbricht, zu finden, um sie den vorherrschenden Parolen, Schlagworten, Halbsätzen entgegenzusetzen.

Auch um daran zu erinnern, dass es bei dieser Krise in erster Linie um Leben geht, über das verhandelt wird?

Momentan wird das Leben, das uns fremd erscheint, mit Füßen getreten oder ignoriert oder unter das Joch von Zahlen gezwungen. Grund dafür ist einmal das Gefühl des Abgehängt-Seins und zum anderen die Angst vor Veränderung und bei Politikern vor dem Verlust von Wählerstimmen. Mit allem hängt die Verrohung der Sprache zusammen, die sich auch in der Forderung nach konkreten Zahlen ausdrückt und der Freudigkeit, mit der das Wort Abschiebung im Mund geführt wird.

Bei der Buchvorstellung seines Romans „Widerfahrnis“ im Frankfurter Literaturhaus
Bei der Buchvorstellung seines Romans „Widerfahrnis“ im Frankfurter Literaturhaus : Bild: Wonge Bergmann

Auch Ihre Hauptfigur Reither braucht im Laufe der Handlung einige Anläufe, um sich dem Leben hinzugeben, anstatt vor ihm davonzulaufen. Zum Ende des Buches hin fährt er sogar ohne Leonie Palm im Auto weiter, die er im Hafengetümmel verloren hat. Um sein Leben zu sortieren, das seine Überschaubarkeit verliert. Er hat sich an der Hand verletzt, er blutet stark. Und doch öffnet er sich gleich darauf wieder der nächsten fremden Person. Taylor, einem nigerianischen Flüchtling, der ihm die Wunde näht.

Als schließlich auch noch die junge Frau des Nigerianers mit ihrem Baby auf dem Arm auftaucht - als heilige Familie, wenn man so will -, ist das für Reither noch so ein Moment von Widerfahrnis. In diesem Augenblick beugt er sich endgültig dem, was ist, und nimmt die Gemeinschaft an.

Als Reither Leonie Palm kurz darauf durch Zufall am Bahnhof wiedertrifft, übergibt sie ihm den Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie sagt: „Lass sie in meine Wohnung.“

Das ist gleichbedeutend mit: „Lass sie in unser Land.“

„Widerfahrnis“ ist also nicht nur eine Geschichte über das Überleben, sondern auch über das Zulassen von Leben. Sie erzählen von Reduktion und Fülle. Wer sagt uns, wann wir Fülle zulassen sollen und wann reduzieren?

Das ist die Frage! Wer sagt uns, wie weit wir die Grenzen öffnen sollen? Es ist die Geschichte mit der Obergrenze. „Widerfahrnis“ ist eine Parabel auf all das. Man kann das, was uns allen hier gerade widerfährt, nicht auf eine Zahl reduzieren, wie es die politisch-katholische Seite tut. Das ist für mein Gefühl zutiefst unchristlich. Merkels Vorgehen hingegen ist geradezu lutherisch, sie beugt sich der Größe des Faktischen durch eine Tat, die für mich eher privat als politisch motiviert war. Eine hochinteressante Sache, die bisher gar nicht so kommentiert wurde.

Haben Sie beim Schreiben von „Widerfahrnis“ eine Antwort auf die Frage gefunden: Wie weit sollen wir uns öffnen?

Ich habe erst einmal eine Sprache gefunden, um überhaupt über das, was gerade passiert, reden zu können. So dass auch ich etwas zu dieser außergewöhnlichen wie dramatischen Situation beitragen kann. Ich glaube schon, dass wir uns ändern werden. Dass wir uns ändern müssen. Auch als Land. Dieses Land kann nicht bleiben, wie es ist.

Am Ende des Buches lässt Reither die Fülle zu. Bedarf es einer gewissen Reife oder Einsicht, bis man sich traut, die Veränderungen anzunehmen?

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