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Blasphemie-Debatte Die Dialektik des Aufsätzleins

 ·  Die Bayerische Akademie der Schönen Künste lud zur Podiumsdiskussion über Martin Mosebachs Essay zur Blasphemie, vernachlässigte aber das Wichtigste: den genauen Wortlaut.

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© Fricke, Helmut Mit seinem Essay „Vom Wert des Verbietens“ hatte der Schriftsteller Martin Mosebach im Sommer 2012 eine kontroverse Debatte über Gotteslästerung ausgelöst.

Ob es Martin Mosebach zu verdanken ist, dass der Papst jetzt auf Lateinisch twittert? „Orare semper, iustitiam factitare, amare probitatem, humiles Secum ambulare.“ - Das könnte man doch als Signal gegen die „Häresie der Formlosigkeit“ werten, die auf der sprachlichen Müllkippe der Tweets vorherrscht.

Mosebachs polemisches Buch über jene Formlosigkeit hat ja nach Ansicht einiger tatsächlich Einfluss auf die Kurie gehabt: nämlich in Gestalt jenes Apostolischen Schreibens Benedikts XVI. vom Sommer 2007, mit welchem die von dem katholischen Schriftsteller so geliebte Tridentinische Messe aus der Zeit vor dem Zweiten Vaticanum wieder anerkannt wurde. Für seine Einlassungen zur Strafbarkeit von Blasphemie vom vergangenen Sommer hat Mosebach zwar vereinzelt Unterstützung von Kirchenvorderen erhalten - viele weltliche Kritiker damit allerdings zu größtem Widerspruch gereizt: Gute zwei Monate lang lief die Debatte über Mosebachs Essay „Vom Wert des Verbietens“, der am 18. Juni 2012 in der „Frankfurter Rundschau“ erschienen war, auf Hochtouren.

Nun hat sich die Bayerische Akademie der Schönen Künste ihrer noch einmal angenommen, mit dem erklärten Ziel, die Dialektik des Essays genauer herauszuarbeiten, wie Akademie-Präsident Dieter Borchmeyer in seiner Einführung sagte. Der Essay sei zu einseitig als Plädoyer für die Bestrafung von Blasphemie bewertet worden, wogegen Mosebach doch ganz deutlich die totale Freiheit des Künstlers einfordere.

Prantl prantelt, Mosebach grantelt

Was dann aber auf dem Münchner Podium folgte, war eher der Vortrag einzelner Plädoyers aus verschiedenen Fachgebieten zum Thema Blasphemie, keine enge oder gar dialektische Auseinandersetzung mit Mosebachs anstoßgebendem Text. Die Rechtswissenschaftlerin Jutta Limbach und der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme stellten die Meinungsfreiheit als große Errungenschaft dar, der Islamwissenschaftler Jürgen W. Frembgen bemerkte, dass Blasphemieverbote Extremisten in die Hände spielen. Der Kunsthistoriker Klaus Herding bekannte, dass es für ihn Blasphemie nur in Anführungszeichen gebe, weil Gott zu groß sei, um von Menschen beleidigt zu werden. Und Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“ und ehemaliger Staatsanwalt, sprach über den breiten Strom der Pressefreiheit, in dem nicht nur saubere Fische schwimmen.

Immerhin prantelte Prantl etwas: Blasphemisch sei es, wenn eine hilfesuchende junge Frau von einer katholischen Klinik abgewiesen werde! Er äußerte zwar deutlich, dass er „kein spezielles Religionsstrafrecht“ wolle; so richtig zum Antagonisten Mosebachs schwang er sich aber nicht auf, auch wenn er ihm den „hölzernen Handschuh des Strafrechts“ respektvoll vor die Füße warf. Als Mosebach, der vorher nur ab und zu gegrantelt hatte, man solle ihn nicht falsch zitieren, selbst an der Reihe war, verniedlichte er seine Polemik als „kleines Aufsätzlein“, welches er nicht noch mal paraphrasieren wolle. Er hätte es aber besser Satz für Satz vorgelesen - der Kunsthistoriker Herding bemerkte, dass man in der Ankündigung der Veranstaltung auf die brisantesten Stellen verzichtet habe. Da ist vor allem jene Aussage Mosebachs, er sei unfähig, sich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern „einen gewaltigen Schrecken einjagen“.

An ebendieser Formulierung hatte sich die Malerin und Schriftstellerin Anita Albus in einem sanft ironischen Text in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 11. Juli 2012) gestoßen. Albus, wie Mosebach katholisch und Mitglied der Bayerischen Akademie, war nach eigener Auskunft zu dem Debattenabend erst ein- und dann wieder ausgeladen worden, weil Mosebach nicht mit ihr auf einem Podium habe sitzen wollen. Fragen hierzu seitens dieser Zeitung quittierte die Akademie mit der Aussage, man sei „enttäuscht“ von der Recherche. Ist dort schon journalistisches Nachfragen verboten?

Es kommt Katzenmusik in die Sache

Zwar machten die fünf Diskutanten sowie auch Moderator Gert Heidenreich deutlich, dass sie mit Mosebachs Essay nicht einverstanden sind. Man ließ sich aber die Chance entgehen, dessen Urheber mit dem genauen Wortlaut zu konfrontieren - und eben darauf wäre es bei diesem ethisch und ästhetisch relevanten Thema doch angekommen.

Mosebachs seltsamer Ausdruck etwa, seit in Deutschland eine starke islamische Minorität lebe, sei „endlich wieder Musik in die Sache“ mit dem Blasphemieverbot gekommen (manche Kommentatoren hatten dies als Billigung von Gewalt verstanden), blieb, als er einmal fiel, unkommentiert bis auf einen halblauten Einwurf Heribert Prantls, es handele sich dabei wohl um Katzenmusik. Das ist in der Tat wahr. Denn auch wenn man Mosebachs Klage teilen sollte, dass die säkularisierte Gesellschaft sich von keiner Provokation mehr erschüttern lässt, und selbst wenn man seiner riskanten Ansicht zuneigen sollte, Zensur verfeinere die Kunst, so ist der genießerische Ton seines Essays stellenweise unerträglich.

Das Wort macht seine Gewalt geltend

In einer Buchfassung des Textes machte Mosebach inzwischen die Nachbemerkung, der „gewaltige Schrecken“ habe „wahrlich kein Euphemismus für eine Autobombe“ sein sollen. Er hatte aber auch auf eine Maxime Machiavellis verwiesen (“Wo die guten Sitten aufhören, müssen die Gesetze anfangen“) und sich selbst in seiner Schriftstellerrolle mit Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre und Kleists Michael Kohlhaas verglichen. In München nun wand sich Mosebach, sprach von einem „unlösbaren Problem“, auf das er nur habe aufmerksam machen wollen. Aber einfach mal etwas Steiles zu schreiben und nachher zu sagen, es war alles nicht so gemeint, erinnert an einen gedankenlos herausgeblasenen Tweet.

Ein Satz aus Mosebachs Essay ist unmissverständlich: „Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.“ Gert Heidenreich erwähnte ihn auf dem Münchner Podium zwar einmal - man hätte Mosebach aber darauf festnageln müssen, welche Konsequenzen daraus folgen sollen. Denn er zieht einen anderen, viel größeren Satz aus Hofmannsthals „Reitergeschichte“ nach sich: „Das ausgesprochene Wort aber machte seine Gewalt geltend.“

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