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Biographisches Schreiben : Meister, ihr steht unter Verdacht!

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Zwei von Rüdiger Safranski mit Biographien bedachte große Geister: Goethe und Schiller, in Weimar - wo wonst? - zusammengebracht durch Ernst Rietschel Bild: Barbara Klemm

Das Werk erwächst aus dem Leben und schlägt dann wieder ins Leben zurück: Warum mich das biographische Schreiben interessiert. Und wie ich es mache.

          Die deutschen Themen“ seien mein Thema, hat ein Rezensent einmal über mich geschrieben. Tatsächlich, es sind nicht nur, aber vor allem „deutsche“ Themen, über die ich geschrieben habe, über ebendiese wohl sehr deutschen Geistesgrößen - von E. T. A. Hoffmann über Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger bis zu Schiller und Goethe, die in besonderem Maße und unverwechselbar eine deutsche Kulturtradition zu repräsentieren scheinen, hierzulande und im Ausland.

          Um 1800 kam in Deutschland der Begriff der „Kulturnation“ auf, als man zu wissen glaubte: Die politische Einheit ist noch fern, die kulturelle aber gibt es schon. Es war Schiller, der im Jahr 1802, als große Teile Deutschlands unter napoleonischem Einfluss standen, schrieb: „Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten. Abgesondert von dem politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur.“

          Das war keinesfalls chauvinistisch gedacht, denn es ging Schiller darum, Freiheit und schöne Humanität in Europa zu befördern. Aber es kann auch Überheblichkeit daraus folgen. Dafür war man dann vor allem seit dem späten neunzehnten Jahrhundert anfällig in diesem Deutschland, dem ruhelosen Reich in der Mitte Europas, das so spät zur politischen Einheit fand und deshalb nie so richtig im Gleichgewicht war, sondern schwankte zwischen Anpassung und Auftrumpfen.

          Pathos unter Verdacht

          Das Hin und Her zwischen Anpassung und Auftrumpfen gibt diesem ganzen Prozess etwas Flackerndes, Unstetes, Ausdruck eines verunsicherten Selbstbewusstseins. Weil man der Oberfläche, auch der eigenen, nicht traute, kam das sehr deutsche Bestreben auf, in die Tiefe zu gehen oder sich in weltfernen Sphären zu verlieren und sich dem Zauber großer, aber undeutlicher Gefühle zu überlassen. Daran wirkten mit und davon zehrten sie alle, die Beethoven, Novalis, Schiller, Stefan George, Nietzsche, Wagner, Thomas Mann bis zu Heidegger, Ernst Bloch oder Ernst Jünger. Vieles trennt die Genannten, aber etwas schwer Fassbares haben sie doch gemeinsam: Es sind Meister aus Deutschland.

          Nach 1945 war es offenbar unmöglich, diese Tradition fortzusetzen. Das Erhabene, das Pathos, die Metaphysik, die Romantik gerieten unter Verdacht. Und auch manche dieser „deutschen Meister“. Für mich aber sind sie das Thema.

          Man muss zugeben: Die politische Urteilskraft war in der Regel nicht die Stärke dieser Meister. Politik sollte man von ihnen nur mit Vorsicht und Vorbehalt lernen. Erfahren will ich von ihnen, was über Politik und Sozialkunde hinausgeht. Mein Bedarf daran wächst, denn es sieht ja so aus, als ob die Maschen der Gesellschaft immer enger werden und der Ausblick auf das, was nicht nur das Soziale und Ökonomische ist, immer schwieriger wird, denn Funktionalismus und bloßes Nützlichkeitsdenken triumphieren wie nie zuvor. Man beginnt zu verstehen, woran Nietzsche dachte, als er die moderne Tüchtigkeit als etwas beschrieb, wodurch ein ganzer Horizont ausgewischt werde. Mit den „deutschen Meistern“, über die ich geschrieben habe, versuchte ich, mir diesen Horizont zu bewahren.

          Die „Berliner Hefte“

          Wie kam ich aber zum biographischen Schreiben? Ende der Schulzeit und Anfang des Studiums, Mitte der sechziger Jahre, war für mich der Existentialismus attraktiv. Nur der Einzelne zählt, und man kam sich selbst auch ganz einzigartig vor und las im Schwimmbad, damit alle es sehen konnte, Sartre.

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