http://www.faz.net/-gqz-93og2

Neue Biographie über Bachmann : Die dunklen Seiten der heiligen Ingeborg

„Eine Biographie in Bruchstücken“ - einige Kapitel aus dem Leben von Ingeborg Bachmann bleiben auch in diesem Buch ungeschrieben. Bild: Piper Verlag

„Wer war Ingeborg Bachmann?“ heißt die neue Biographie von Ina Hartwig. Die Schriftstellerin wird hier nicht mehr als Opfer stilisiert, viele Bachmann-Mythen werden entzaubert.

          Frau Hartwig, Ihr Buch über Ingeborg Bachmann sollte längst erschienen sein. Dann kam die Nachricht vom Verlag, dass sich die Veröffentlichung verzögert. Wenn man so etwas hört, fürchtet man bei diesem Thema gleich das Schlimmste. Was war los?

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt ein Kapitel in meinem Buch, in dem es um die Zeitzeugen von Ingeborg Bachmann geht, mit denen ich Gespräche geführt habe. Der Abstimmungsprozess war in einigen wenigen Fällen mühsamer als gedacht.

          Was genau war daran so heikel?

          Ich glaube, es vollzieht sich gerade ein Generationenwechsel. Für uns, die wir liberal aufgewachsen sind, bedeuten Krankheit, Drogen, Sex, Homosexualität, Experimente kein Skandalon. Für diejenigen, die ich gesprochen habe, weil sie sie gekannt haben und die einer älteren Generation angehören, ist das in manchen Fällen aber anders. Ingeborg Bachmann hatte mit diesen Dingen etwas zu tun. Und offenbar gibt es für einige da eine Schmerzgrenze, die sie nicht überschritten sehen wollen. Das muss man respektieren.

          Berührten die Veränderungen die Substanz Ihres Buches?

          Zum Glück nicht. Die Zeitzeugengespräche habe ich über mehrere Jahre geführt. Es waren viele tolle Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen, die sehr unterschiedliche Gefühle in Bezug auf Ingeborg Bachmann offenlegten. Es war mir schnell klar, dass ich diese Gespräche nicht als Beweismaterial verwenden konnte. Es geht mir in dem Kapitel um die subjektive Färbung von Erinnerung und darum, das Gefühl derer zu fassen, die sie gekannt haben. Näher kann man ihr kaum kommen. Deshalb habe ich auch kleine Erzählungen aus diesen Begegnungen gemacht. Das Kapitel steht für sich, die Argumentation des Buches bleibt davon unberührt.

          Sie nennen Ihr Buch eine „Biographie in Bruchstücken“. Warum?

          Ina Hartwig ist Frankfurts Kulturdezernentin. Die Veröffentlichung ihrer Biographie über Ingeborg Bachmann verzögerte sich zuletzt.
          Ina Hartwig ist Frankfurts Kulturdezernentin. Die Veröffentlichung ihrer Biographie über Ingeborg Bachmann verzögerte sich zuletzt. : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Eine chronologisch geordnete Biographie hätte mich nicht interessiert. Aber es musste am Ende auch so sein, weil ein entscheidendes Kapitel, das mit Max Frisch, ungeschrieben geblieben ist. Es ist mir leider nicht gelungen, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzusehen. Wir warten ja alle sehnsüchtig darauf, dass er publiziert wird. Also kann man zu dieser großen Geschichte nur bedingt etwas sagen. Ich habe mich dann irgendwann von den Bedenken befreit und mir gesagt, ich schreibe einfach um das leere Zentrum herum – bis ich gemerkt habe, dass das Zentrum gar nicht leer bleibt.

          Man hat beim Lesen den Eindruck, dass die Figur des Vaters bei Ihnen an die Stelle dieses leeren Zentrums tritt. Kann man Ingeborg Bachmanns späteres Leben aus dieser Vaterbeziehung erklären?

          Dazu weiß man zu wenig. Aber sie hat die Beziehung zum Vater in größter Ambivalenz aufrechterhalten, bis zum Schluss. Es gibt zwei Vaterbilder bei ihr: einen bösen und einen guten Vater. Ich glaube, sie hat diese konträren Bilder nicht zur Deckung bringen können.

          Die Ambivalenz dem Vater gegenüber findet sich ja auch in ihrem Werk.

          Ja. Zum Beispiel, wenn Sie sich das Traumkapitel aus ihrem Roman „Malina“ anschauen, mit dem überhöhten bösen Vater, der als KZ-Schlächter auftritt, als Vergewaltiger. Dann wieder finden Sie, insbesondere in „Drei Wege zum See“, das liebevoll gezeichnete Porträt eines Vaters, mit dem die Erzählerin auch das Sprachbewusstsein teilt, das vom untergegangenen k. u. k. Reich herrührt. Und man ahnt, dass Bachmann ihren Vater sehr geliebt haben muss, während sie sich zugleich herausgenommen hat, gegen ihn anzuschreiben. Das „Traumkapitel“ war ein rebellischer Akt. Er lebte ja noch, als „Malina“ erschien.

          Wissen Sie, wie der Vater auf „Malina“ reagiert hat?

          Nein. Wie so viele andere Familien hat auch die Bachmann-Familie über den Nationalsozialismus offenbar nicht gesprochen. Die NSDAP-Mitgliedschaft des Vaters seit 1932 ist erst Ende der neunziger Jahre von Hans Höller herausgefunden worden.

          Weitere Themen

          Oberstes Gericht verbietet Oppositionspartei Video-Seite öffnen

          Kambodscha : Oberstes Gericht verbietet Oppositionspartei

          Die Oppositionspartei CNRP soll versucht haben, die Regierung zu stürzen. Viele Mitglieder waren bereits vor dem Urteil aus dem Land geflohen. Die politische Lage ist sehr angespannt, Anzeichen für einen Protest gab es zunächst nicht.

          Schnell hoch drei

          Neuer Drei-Sterne-Koch : Schnell hoch drei

          Eine solche Karriere gibt es selten in der Spitzengastronomie: Jan Hartwig hat jetzt drei Michelin-Sterne. Welche Stationen hat der Koch auf seinem Lebensweg passiert?

          Topmeldungen

          Zähe Sondierungsgespräche : Das Luxusproblem von Jamaika

          Die Wirtschaft boomt. Auf dem Arbeitsmarkt läuft es rund. Flüchtlingszahlen wie vor zwei Jahren sind weit und breit nicht in Sicht. Wieso bloß, liebe Jamaika-Unterhändler, braucht es da endlos lange, zähe Sondierungsgespräche?
          Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch.

          Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

          Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.