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Klimts hundertster Todestag : Der Meister des gemalten Wahnsinns

  • -Aktualisiert am

Heute vor hundert Jahren starb der Maler Gustav Klimt. Die Autoren Mona Horncastle und Alfred Weidinger legen eine Biographie zu dem Künstler vor. Sie fördern manches zu Tage, das kaum bekannt war.

          Anfang des Jahres 1943 findet in Wien eine große Ausstellung statt. In nur einem Monat strömen mitten im Krieg 24000 Besucher in das Gebäude der Secession. Gezeigt werden dort hundert Werke von Gustav Klimt, der im Juli zuvor seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hätte, wäre er nicht schon 1918 an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Zu sehen sind laut damaligem Katalog auch die Porträts „Stehendes Mädchen“, „Stehende Dame“, „Damenbildnis mit chinesischer Tapete“ sowie „Damenbildnis mit gelbem Hintergrund“.

          Die genauen Zusammenhänge dieser Retrospektive, die alles andere als eine gewöhnliche Gedächtnisschau war, präsentieren Mona Horncastle und Alfred Weidinger – sie Autorin und Verlegerin, er langjähriger Kurator am Wiener Belvedere und heute Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig – in ihrer Klimt-Biographie.

          Anstatt die Legenden zu wiederholen, die sich um den Künstler ranken, schälen die Autoren aus ihnen die Tatsachen heraus, berichten von dem, was meist weniger bekannt ist. Zum Beispiel zu Klimts Rezeptionsgeschichte.

          Klimt nazisalonfähig machen

          So liest man, dass jene Ausstellung 1943 von Baldur von Schirach organisiert wurde, Reichsstatthalter in Wien, der die Stadt als große deutsche Kunstmetropole neben Berlin etablieren wollte. Ausgerechnet dieser Mann, verantwortlich für die Deportation österreichischer Juden, präsentierte einen Maler, der aufs engste verbunden war mit dem jüdischen Großbürgertum.

          Ornament und Lust: Gustav Klimt im Malerkittel, fotografiert im Jahr 1914 von Anton Josef Trcka

          Um Klimt nazisalonfähig zu machen, amputierte man ihn. Verschwiegen wurden die Skandale, die Klimt mit seiner Modernität ausgelöst hatte, die Tatsache, dass er vor allen von jüdischen Sammlern gefördert worden war, dass die meisten Bilder einst ihnen gehört hatten und die ausgestellten Porträts ihre Frauen und Töchter zeigten.

          Bildtitel im Katalog waren erfunden, die Namen der Dargestellten – etwa von Serena Lederer, Adele Bloch-Bauer und Mäda Primavesi – verschwanden hinter anonymen „Mädchen“ und „Damen“. Bevor ihre Familien von den Nazis enteignet, vertrieben oder ermordet wurden, waren sie Teil einer Kunst- und Kulturszene, die weit über die österreichische Hauptstadt hinaus strahlte.

          Gustav Klimt - Porträt von Ria Munk II, 1917/18

          In thematisch angelegten Kapiteln erzählen Horncastle und Weidinger zwar kaum bahnbrechend Neues, aber sie stellen es auf Basis von Quellen und Forschung doch klug zusammen. Zum Beispiel über die Darstellung von Frauen bei Klimt. Oft würden seine Leistungen hier allein an den zwischen 1897 und 1917 entstandenen großformatigen Porträts festgemacht.

          In prachtvoller Garderobe, mal in Gold, mal in zarte, mal in leuchtend bunte Farben getaucht, verschmelzen die Körper der Frauen mit dem flächigen Hintergrund. Ihre schönen, emotionsarmen Gesichter verhüllen die oft starken Charaktere. Viele der Porträtierten waren gebildet, kultiviert, emanzipiert. In seinen Bildern aber entkörperliche und entpersonalisiere der Maler sie. Die Klimt-Frau ist hier bloß Ornament, so Horncastle und Weidinger, um den Salon des männlichen Auftraggebers zu schmücken.

          Ganz anders dagegen die weniger bekannten Aktzeichnungen, denen die Autoren ein langes Kapitel widmen. Sie zeigen Frauen, die sich selbst befriedigen. Klimt habe der weiblichen Lust mit seinen geradezu revolutionären, weil gegen die herrschenden Konventionen gerichteten Zeichnungen ein Denkmal gesetzt. Die Frau des Zeichners Klimt ist, anders als die des Porträtmalers, nicht schmückendes Objekt, sondern selbstbewusstes Subjekt.

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