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Biographie-Boom Über Ich

09.08.2004 ·  Schiller, Napoleon, Dalí, Friedrich der Große, Ulrike Meinhof, Hannibal, Pompeius: Auf dem Buchmarkt steht uns eine Flut historischer Biographien bevor. Was hat die Konjunktur biographischer Bücher zu bedeuten?

Von Christian Geyer
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Wir stehen mitten in diesem Sommer vor einem Frühling der historischen Biographie. Lebensbeschreibungen, die kürzlich erschienen sind oder in Kürze erscheinen werden, beschäftigen sich unter anderen mit folgenden Köpfen: Schiller (Flut wegen anstehenden Schiller-Jahres), Goya, Schelling, Eichmann, Ulrike Meinhof, Bruckner, Melville, Napoleon, Elisabeth I., Rudolf Steiner, Dalí, Friedrich der Große, Alexander der Große, Hannibal, Pompeius, Hermann Josef Abs, Isaac Newton.

Wie die Pilzköpfe vor vierzig Jahren schießen heute binnen weniger Wochen die Köpfe zwischen zwei Buchdeckeln aus dem Boden. Was sagt uns das? Was erfährt man aus historischen Biographien, das ihrer Lektüre wieder Konjunktur verleiht?

Bewegte Beweger

Es sind bewegte Beweger, über die Biographien geschrieben werden, ob man sie nun als historische Größen bezeichnen möchte oder nicht. Wäre es nicht so, würde ihre Darstellung überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen. Warum das Interesse an solchen Darstellungen gerade jetzt?

Man braucht keine Zyklentheorie der Historiographie zu bemühen (nach den Strukturanalysen ein Schuß Männer machen Geschichte), auch keine Krisentheorie der Verbraucher (Hartz IV als Stimulus, sich lieber in anderer Leute Leben zu versenken als ins eigene Elend). Wenn man sich im Zusammenhang mit Genrekonjunkturen schon auf das Eis zeitdiagnostischer Deutungen begeben will, dann in diesem Falle doch lieber mit Herbert Schnädelbach.

Der Berliner Philosoph machte neulich den Niedergang des animal metaphysicum dafür verantwortlich, daß das Profil des Erlebens flach geworden und man zunehmend darauf angewiesen ist, leidenschaftliche Erlebnisse wie Anleihen aus der Vergangenheit zu beziehen. Schnädelbach bemerkt die verlorengegangene "Unvermeidlichkeit eines Gesamtzusammenhangs, der den Sinn des Ganzen" ausmacht. "Genau diese Unvermeidlichkeit, die auch Nietzsche selbst noch unterstellte und die bei ihm den ganzen Ernst des Nihilismus ausmachte, ist heute fraglich geworden."

Ängste und Aggressionen

Fraglich ist sie aber gerade nicht in solchen historischen Biographien geworden, in denen ein metaphysischer Hintergrund noch Leidenschaften zu entfesseln vermag, statt bloß Süchte, Ängste und Aggressionen freizusetzen. Da steckt dann alles drin, was den durchs postmoderne Säurebad gegangenen Leser von heute so faszinieren kann: das ganze Wunder des Bei-der-Sache-Bleibens eines Lebens. Denn die Grundfrage ist: Warum tut der Mensch etwas und nicht vielmehr nichts? Schließlich bleibt jede Biographie vor der Geschichte auf beklemmende Weise entbehrlich, auch wenn sie die Geschichte verändert hat.

"Aristoteles wurde geboren, lebte und starb". Heideggers Lapidarbiographie des griechischen Meisterdenkers legt nahe: Von Aristoteles läßt sich im Grunde nicht viel anderes von Bedeutung sagen als von jeder noch so grauen Maus, die Killy und Vierhaus in ihre Biographische Enzyklopädie aufgenommen haben. Historische Größe ist auch nur ein Anwendungsfall des trotz aller Verzettelungen, Versandungen und Vernichtungen geglückten Bei-der-Sache-Bleibens. Das ist die eine Facette des Trostes, die aus Biographien zu uns spricht.

Der Zeitstrahl des Individuums

Die andere liegt in dem Zeitbegriff dieses Genres. Es ist die Lebenszeit, die hier im permanenten Vorgriff einer Einheit geduldig abgeschritten wird, ohne sich von den Abstrakta einer Welt-, Institutionen- oder Systemzeit aus dem Tritt bringen zu lassen. Hier gilt nicht: Alles Zufall, alles Schicksal oder alles Neuron. Maßgeblich für die Darstellung bleibt vielmehr stets der Zeitstrahl des Individuums.

Zu einer Biographie geronnenes Leben ist eo ipso kein Fließen von Momenten und Jetztpunkten mehr, die Zeit kann nicht auf ihr eintöniges, ausgebliebene Ereignisse skandierendes Ticken reduziert werden - darin gibt sich die Biographik als ein gleichsam antiexistentialistisches Projekt zu erkennen. Was in diesem kompakten Genre am Ende zählt, ist die von den dargestellten Protagonisten bezeugte Pfadabhängigkeit, nicht der Schwebezustand ihres Möglichkeitssinnes.

Nachteil der Historie

Gerade die Biographik arbeitet denn auch dem entgegen, was man in der Lebenswelt beständig als den Nachteil der Historie für das Leben kennenlernt: die Paralysierung der Tat durch den Blick auf ihr Gewordensein. Denn der Biograph setzt die Dinge zunächst einmal so ins Recht, wie sie sich in der subjektiven Perspektive des Protagonisten gegen ihr ständiges auch Anderskönnen durchgesetzt haben, als diese "Passion", die beflügelte, statt sie als "Aggression" von der zoologischen Auffassung menschlicher Antriebsformen mechanisieren zu lassen.

Insoweit steht die historische Biographie der dichterischen Darstellung näher als der Verhaltensforschung, welche der Leidenschaft keinen rechten Ort im anthropologischen Konzept zu geben vermag. Von historischer Größe läßt sich nun einmal schlecht erzählen, wenn nicht von Leidenschaften erzählt werden kann.

Darauf legte Helmuth Plessner den Akzent, als er über die Heuristik des Biographischen schrieb: "Staaten und Geschäfte brauchen Manager und Apparatschiks, die auf der Sparflamme der Routine in allen Büros der Welt mit Wasser kochen. Erst wenn die Grundfesten der Geschichte bedroht werden, wenn das Ganze gespielter oder echter Überzeugung in Frage steht, dann wird die Leidenschaft wach. Die seltenen Gründer- und Stifterfiguren, Revolutionäre und Propheten machen da eine Ausnahme. Aber das sind Visionäre, die ohne Feuer undenkbar sind, wie alle, die für eine große Sache leben und sterben." Es sind zumal die letzteren, von denen man in den eigenen, biographisch erlebnisarmen Zeiten leidenschaftlich zehrt, während man weiter für seine kleine Sache lebt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2004, Nr. 183 / Seite 27
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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