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Veröffentlicht: 08.01.2017, 19:22 Uhr

Maxim Billers Roman Balzac reloaded?


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Dabei entgleiten ihm nicht nur die einzelnen Sätze, sondern die entgleitenden Sätze zwingen ihn zu ganzen Szenen, die wiederum in Nebenstränge entgleiten, bis der Leser ahnt: Hier führt nicht der Autor seinen Stil, sondern der Autor beobachtet, wie er von seinem eigenen Stil an die Wand, an die Schall- und Lachmauer seiner Pointen gefahren wird. „Während ich, der alles wissende, nichts verstehende Solomon Karubiner, in Prag auf einem Balkon des Hotels U Dvou koček stand, auf dieses blasse frühkapitalistische Silvesterfeuerwerk über dem Hradschin guckte und überlegte, was der Unterschied zwischen Neoliberalismus und Kommunismus war – kommt darauf an, wer fragt –, rutschte Noah in Berlin fast aus bei dem Versuch, sich Gerry Harper zu nähern, in Brentwood und Umgebung wegen seiner sexuellen Möglichkeiten auch ,El Dick‘ genannt.“

Den Handlungsfäden, die dieser Satz gleich zu Beginn des Romans auslegt, hechelt der Autor nach und löscht sich aus, so wie sich seine Figuren in immer neuen Doppelungen und Überlagerungen auflösen. Ein Flickenteppich von Mustern, die späte Rache von Fiorucci.

Der Erzähler wird zum „wichsenden Heine“

Biller war immer schon ein Chamäleon des Stils. In Erzählungen aus „Land der Väter und Verräter“ klingt der Sound amerikanischer Autoren wie Saul Bellow, Philip Roth oder Joseph Heller nach, die er in „Der gebrauchte Jude“ feiert. Und in „Bernsteintage“ nimmt er sich ganz zurück: „Vor der Abreise nach Luzienbad sah David ein letztes Mal in seinen Rucksack.“ So beginnt eine Erzählung über einen Jungen, der in ein Sommerlager fährt und für seine Schwester eine kleine Erzählung in ein Heft aus seinem Rucksack schreiben sollte. In der Ferne vollzieht sich der Überfall der Russen auf Prag, die der kleine Junge eben nicht beschreibt. Ein Meisterstück der Auslassungen, die historische Leerstelle spiegelt sich in den Lücken der schlichten Sätze.

Ein Wendepunkt hin zum neuen Roman war sicher „Im Kopf von Bruno Schulz“. Da bohrt sich Biller tief in die phantasmagorisch-ungojsche Welt des verkannten Autors aus Polen, der 1938 einen verlorenen Brief an Thomas Mann schreibt, hoffend, der Nobelpreisträger werde seine Erzählung „Die Heimkehr“ in Deutschland einem Verleger empfehlen – völlig verkennend, dass sich Schulz’ Welt des sadomasochistischen Stilblütenzaubers so ziemlich am anderen Skala der Literatur ansiedelt als das Werk des großbürgerlichen Taschenspielers.

Thomas Mann ist auch im neuen Buch Gegner und Vorbild zugleich. So wie man Biller vorwarf, eine Sitcom geschrieben zu haben, könnte man Thomas Mann als Autor eines Sequels auf dem Zauberberg geißeln, weil er immer wieder die rothaarige, katzenäugige Chauchat auftreten lässt, die in jedem neuen Kapitel, in jeder neuen Folge sofort durch Adjektive identifiziert werden kann. Solche Adjektivreihen rasen auch durch Billers Buch. Doch es ist, wie man liest, ein „Thomas Mann auf LSD“.

Immer mehr Tabus müssen überschritten werden

Schon die ersten Sätze zeigen den Sog eines Tempo-Stils, der den Autor zum Puppenspieler der Effekte degradiert, die er aneinanderreiht und immer mehr aufgipfelt. Vom ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) über GSS (Getto-Spar-Syndrom) zum JSS (Jüdisches-Selbsthass-Syndrom). In der Sauna vor einem umwerfenden, deutschen Hintern an seinen „Dudek“ greifend, wird der Erzähler zum „wichsenden Heine“, und Roger Willemsen schlägt ihm für seine Erinnerungen einen Titel vor: „Es waren Saunas und keine Gaskammern“.

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