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Biller-Streit : Kunstperson - Was den Fall Maxim Biller so kompliziert macht

  • -Aktualisiert am

Der Einspruch des Verlags "Kiepenheuer & Witsch" gegen die einstweilige Verfügung, die die Auslieferung von Maxim Billers Roman neuem „Esra“ untersagt, wurde in der vergangenen Woche abgelehnt. Eine Lektürehilfe - nicht nur für Richter und Anwälte.

          Auf die Frage, ob man als Schriftsteller mehr Erfolg bei Frauen habe, beschied Maxim Biller kurz vor Erscheinen seines neuen Romans "Esra" dem Interviewer: "Bei den schlechten, ja. Bei den guten im Gegenteil. Die sind ja so schlau, daß sie wissen, wie schwierig es ist, mit einem Schriftsteller zu leben."

          Wer immer sich mit einem Autor einläßt, läuft Gefahr, sich irgendwann als Figur zwischen zwei Buchdeckeln vorzufinden oder einem unbedacht im Streit herausgeschrieenen Satz schwarz auf weiß wiederzubegegnen. Der Autor wird sich dann auf die Freiheit der Kunst, die unfreiwillig zum literarischen Stoff geadelte Person auf den Persönlichkeitsschutz berufen.

          Am Mittwoch wird vor dem Landgericht München über den Einspruch des Verlags "Kiepenheuer & Witsch" gegen die einstweilige Verfügung verhandelt, die die Auslieferung und Bewerbung von Billers Ende Februar erschienenem Roman untersagt. Zwei Personen glaubten, sich in dem Buch wiederzuerkennen, das die Geschichte der scheiternden Beziehung zwischen dem Schriftsteller Adam und der jungen Türkin Esra erzählt. Deren Vorbild, eine frühere Freundin Billers, und ihre Mutter sehen sich durch ihre Porträts in den Romanfiguren Esra und Lale in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. Biller und sein Verlag pochen auf die künstlerische Freiheit.

          Brennbarkeit versus Verwurstung

          So kontrovers der Fall scheint: Was in den Waagschalen der Justitia jeweils liegt, scheint unstrittig: auf der einen Seite die Freiheit der Kunst, die sich immer wieder in den verminten Grenzstreifen der Wirklichkeit vorwagen muß, um, so Peter Weiss, die "Brennbarkeit" ihrer Stoffe zu garantieren, auf der anderen das Persönlichkeitsrecht, Schutz vor der "Verwurstung" (Brecht) der Privatsphäre als Material eines Willens zum Werk. Abgewogen werde also Kunstcharakter gegen Schmähwillen; weswegen die, die den Roman schlecht finden, eher fürs Verbot sind, während Biller-Enthusiasten den Angriff auf Grundwerte der Kultur an die Wand malen. Dabei besteht zwischen der Qualität des Werkes und dem Grad seiner Fiktionalisierung keinerlei Zusammenhang.

          Im Fall Biller liegen die Dinge komplizierter: "Esra" ist, ganz unverschlüsselt, ein Roman über das Problem des Schlüsselromans. Schon nach wenigen Seiten kommt es zum Streit zwischen den Liebenden, als Esra Adam inständig bittet, mit ihm privat bleiben zu dürfen: "Ich will dir nicht meine Brüste zeigen und später irgendwo lesen, daß ich dir meine Brüste gezeigt habe" - was natürlich genau wenige Zeilen später zu lesen ist. Der Schriftsteller kann das geforderte Versprechen nicht geben: "Wenn ich nicht schreiben dürfte, was ich will - das wär' wie Gefängnis für mich.“

          Die Mutter der Braut

          Doch wie geschickt Biller in seinem metafiktionalen Spiel vorgeht, zeigt eine weitere Episode dieses nur scheinbar unverstellt erzählten Buchs. Adam hatte in seinem ersten Erzählungsband die Hochzeit der siebzehnjährigen Esra mit seinem Freund zum Stoff für eine Kurzgeschichte genommen. Lale, Esras Mutter, wurde darin zur Hexe und Strippenzieherin dämonisiert, die mit den eigenen Eltern einen erbarmungslosen Kleinkrieg um ein Grundstück führt. Nun wird tatsächlich in Billers Erzählung "Wenn ich einmal reich und tot bin" 1990 eine deutsch-türkische Hochzeit beschrieben. Auch die Mutter der Braut hat einen kurzen Auftritt. Doch von einer üblen Schmährede, die in der Welt des Romans das Verhältnis Adams zu Lale für immer vergiftete, kann in der zum Vorbild dienenden Erzählung keine Rede sein. Biller nimmt also im Roman die wütende Reaktion Lales auf ihre spätere Darstellung bereits vorweg.

          Eine weitere Pointe bietet die obsessive Forschung Adams nach der familiären Herkunft von Esra und Lale. Seiner Vermutung zufolge entstammen sie nämlich den Dönme, versteckt unter osmanischer Herrschaft lebenden Juden, die, als Muslime getarnt, ihre Religion nur heimlich ausüben. So der Messianismus der Dönme, Anhänger des Schabbatai Zwi, als Metapher der im Diesseits unerlösten Liebenden benutzt. Adam geht es darum, das Inkognito von Mutter und Tochter aufzudecken, ihre wahre Identität zu enthüllen. Doch gerade die Reise Adams in die Türkei zu den Großeltern, die schließlich seine Vermutung bestätigen, ist laut Biller pure Erfindung - wie viele andere "Schlüsselszenen" auch.

          Unbedeutende Grenze

          Da nun umgekehrt viele Details mit der Wirklichkeit übereinstimmen - Lales Auszeichnung mit dem alternativen Nobelpreis, Esras schließlich gescheiterte Schauspielkarriere -, kann dennoch, wer wollte, die Vorbilder eindeutig ausmachen. Doch welcher Leser sollte daran Interesse haben? Anders als bei Klaus Manns Gründgens-Roman "Mephisto" sind die Vorbilder öffentlich den wenigsten bekannt. Natürlich kann der Leser nicht wissen, wo hier die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit liegt. Nur ist sie für die Lektüre, anders als bei einer Figur der Zeitgeschichte, gar nicht von Bedeutung.

          Je verzerrter die dargestellten Personen und ihre Handlungen, desto weniger stimmen Fiktion und Wirklichkeit überein, desto unbegründeter ist die Klage. Umgekehrt: Je realitätsnäher die Romanfiguren gezeichnet sind, desto weniger kann von absichtlicher Schmähung die Rede sein.

          Beim "Mephisto"-Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1971 schlug die überstimmte Richterin in eben diese Kerbe: Klaus Mann werde gleichzeitig vorgeworfen, er habe zu wenig und zu stark "verfremdet" - "nämlich seinen Helden mit erdichteten negativen Verhaltensweisen und Charakterzügen ausgestattet, die dem Lebensbild von Gründgens nicht entsprächen". Nur wer sich erkannt fühlt, kann sich verkannt fühlen. Im Fall "Esra" geben die Kläger dem Autor eben durch ihren Einspruch recht, bestätigen so wider Willen, daß seine Erfindungen mehr als ein Körnchen Wahrheit enthalten.

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