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„Bild“ und Weltbild Die nächste Billigbuchlawine rollt an

Das Gerücht ist Gewißheit geworden und dürfte den Buchhandel ins Mark treffen: Die Giganten „Bild“-Zeitung und Weltbild legen eine Bestseller-Bibliothek auf. Den richtigen Mann für den Job haben sie schon gefunden.

© dpa Vergrößern Ein hübscher Nebenverdienst für „Bild”

Einen besseren Mann für diesen Job hätte man sich schnitzen müssen. Lothar Menne, nach seinem unfreiwilligen Abgang bei Ullstein als freiberufliches Trüffelschwein des Buchmarkts in Lauerstellung, hat eine neue Aufgabe. Was seit Monaten als Gerücht und Schreckensnachricht waberte, ist nun Gewißheit: Menne schraubt an einem Büchermonstrum, das sich "Bild-Bestseller-Bibliothek" (BBB) nennt und den waidwunden deutschen Buchhandel in diesem Herbst ins Mark treffen dürfte.

Man muß kein Prophet sein, um das vorherzusehen. Denn neben der "Bild"-Zeitung (Auflage 3,9 Millionen, Reichweite mehr als 12 Millionen Leser) ist mit Weltbild ein zweiter Gigant im Boot, der den Vertrieb der zunächst auf fünfundzwanzig Bücher ausgelegten Bibliothek übernehmen wird.

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Fünfzehn Millionen Kunden

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Der Augsburger Versender, der den deutschen Diözesen gehört, mausert sich seit geraumer Zeit als Versandhändler, Filialist (Weltbild plus) sowie als Internetportal Richtung Umsatzmilliardär. Der Buchmischkonzern steuert aus seiner Kartei fünfzehn Millionen Kunden bei, zusammen mit den Lesern der Springer-Blätter erreicht das Tandem Bild-Weltbild ein Volumen, das jeden konzernunabhängigen Verlag und Buchhändler um den Schlaf bringen dürfte.

Wer geglaubt hatte, die Aktion des Süddeutschen Verlages, der seit März im Rahmen der "SZ-Bibliothek" im Wochenrhythmus insgesamt fünfzig Titel der Weltliteratur in gebundener Ausstattung zu einem Preis von 4,90 Euro anbietet, ziehe keine Nachahmungstäter nach sich, sieht sich getäuscht.

lothar menne © dpa Vergrößern Lizenzjäger: Lothar Menne

Nina Ruge wählt aus

Naturgemäß wird sich die "Bild"-Bibliothek auf Unterhaltungsliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts beschränken. Zur Garnierung hat man eine Jury ernannt, die - unter anderen aus Nina Ruge, Brigitte Blobel und Hellmuth Karasek bestehend - die Auswahl treffen soll. Die wirkliche Auswahl dürfte aber in den Händen des Lizenzjägers Menne liegen, der die Verhandlungen mit den Verlagen führt. Daß er mit solchen Auftraggebern im Rücken auf höhere Auflagen zielt als auf jene 150.000 Exemplare, die die "SZ-Bibliothek" nach eigenen Angaben durchschnittlich losschlägt, versteht sich.

Noch nie konnte Lothar Menne so große Brötchen backen, und noch nie hing davon für andere soviel ab. Der umtriebige Strippenzieher hat es vom vormals Linken - er begann als Journalist bei "Konkret" - zum Verlagsleiter bei Heyne, Hoffmann und Campe sowie Ullstein gebracht. Als bunter Hund der Branche steht ihm bei Weltbild mit dem Holländer Carel Halff ein knallharter Rechner zur Seite, dem das preisgebundene Buch trotz rituell vorgebrachter Beschwichtigungsformeln längst ein Dorn im Auge ist. Beide eint die Leidenschaft, die Branche aufzumischen.

Die im Oktober abgehende Billigbuchlawine wird den Handel weiter verstopfen - den Kunden zu erklären, warum gebundene Bücher teurer als 4,90 Euro sein sollen, wird künftig zum Unternehmen Sisyphos. Gut möglich, daß Lothar Menne demnächst in die Annalen als der letzte noch fehlende Sargnagel für die Buchpreisbindung eingeht. Eine Frohnatur wie ihn wird diese Aussicht nicht schrecken.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2004, Nr. 211 / Seite 42

 
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Veröffentlicht: 10.09.2004, 10:37 Uhr