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Bibliotheksbrand Der Weltgedächtnisverlust

03.09.2004 ·  Ein zentraler Ort deutscher Geistesgeschichte ist zu Teilen vernichtet worden: Die Anna-Amalia-Bibliothek, deren Aufsicht Goethe führte und die er vielleicht intensiver nutzte als jeder andere Leser, fiel einem verheerenden Brand zum Opfer.

Von Heinrich Wefing
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Der späte Abend des 2. September 2004 wird als einer der düstersten Momente in die Geistesgeschichte Weimars eingehen. Bibliothekare werden ihn mit Ruß und Asche in ihren Kalendern markieren, wiewohl es dieser Markierung kaum bedarf.

Niemand, der die Nacht von Donnerstag auf Freitag und den darauffolgenden Morgen in Weimar erlebt hat, wird das Feuer, den Geruch verbrannten Papiers und die schiere Verzweiflung vergessen. Niemand, den die Nachricht vom Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek erreicht hat, niemand, der die Bilder der Flammen gesehen hat, die aus den Fenstern des "Grünen Schlosses" schlugen, wird sie so schnell aus dem Gedächtnis verbannen können. Was Weimar im Krieg glücklich erspart blieb, woran Dresden bei der Flutkatastrophe vor fast genau zwei Jahren nur um Millimeter vorbeigekommen ist, hat sich in dieser Spätsommernacht zur Tragödie verdichtet.

Der barocke Dachstuhl ist vernichtet

Die erhabene, ehrwürdige Anna-Amalia-Bibliothek, Magazin des Weimarer Musenhofes, Bücherschloß im Zentrum Weimars, ist einem Brand zum Opfer gefallen. Der barocke Dachstuhl ist vernichtet. Die zum Unesco-Welterbe zählende Herzogliche Bibliothek, in der sich auf einzigartige Weise Bauund Ideengeschichte bündeln, in der sich politische und künstlerische Impulse verbinden, ist schwer geschädigt.

Der Rokoko-Saal, von den Baumeistern Georg Schmid und Friedrich Straßburger nach Vorbildern spätbarocker Klosterbibliotheken errichtet, das prachtvolle Zentrum der Schaubibliothek im Grünen Schloß, eine Demonstration des literarischen Reichtums, so hoch wie hell, im inneren Oval geschmückt mit den Porträtplastiken der Mitglieder des Fürstenhauses und Protagonisten des geistlichen Lebens, ist von Qualm durchzogen und vom Einsturz bedroht. Es läßt sich kaum ein Bild finden, das dramatischer die Folgen des Brandes belegt. Dieser Ort war es, den Goethe seinerzeit wählte, um sein fünfzigstes Jubiläum in Weimarer Diensten zu feiern, diese Bibliothek, deren Aufsicht er führte und die er vielleicht intensiver nutzte als jeder andere Leser.

Mangelhafter Brandschutz

Am Donnerstag abend sollen Mitarbeiter der Bibliothek gegen zwanzig Uhr das Haus wie üblich verschlossen und die Alarmanlage eingeschaltet haben. Ob sich danach noch Menschen im Gebäude aufgehalten haben, ist unklar. Eine halbe Stunde später, gegen 20.30 Uhr, heißt es derzeit, sei der Brand im Dachstuhl ausgebrochen. Die Ursache ist einstweilen ungewiß, Polizei, Staatsanwaltschaft und Feuerwehr ermitteln. Für Gerüchte, es seien noch in jüngster Vergangenheit Arbeiten an dem offenen Dachstuhl ausgeführt worden, ließ sich bislang in Weimar weder ein Dementi noch eine Bestätigung erlangen. In ersten Stellungnahmen mußte Hellmut Seemann, der Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, allerdings einräumen, der Brandschutz in dem barocken Gebäude sei "höchst mangelhaft" gewesen.

Noch während des Brandes hatten herbeigeeilte Mitarbeiter der Stiftung gemeinsam mit Bürgern der Stadt mit der Räumung des Rokoko-Saales begonnen, des Herzstücks der Bibliothek. Hunderte Freiwilliger bildeten eine Menschenkette und reichten Tausende Bücher von Hand zu Hand aus den oberen Stockwerken hinüber in das benachbarte Tiefmagazin.

Diesem Einsatz, der auf glückliche Weise an die zupackende Solidarität der Dresdner während des Hochwassers 2002 erinnert, ist es wohl vor allem zu verdanken, daß viele der wertvollsten Stücke in Sicherheit gebracht werden konnten, darunter vor allem die einzigartige Bibelsammlung, zu der unter anderem die erste in Amerika gedruckte deutsche Bibel zählt. Herzstück der Kollektion ist eine außerordentlich prachtvolle Lutherbibel aus dem Jahre 1534. Gleichfalls unbeschädigt blieb die reiche "Faust"-Kollektion der Bibliothek.

Züge des Tragischen

Wahrhaft Züge des Tragischen trägt der Brand, weil er nur gut fünf Wochen vor dem geplanten Umzug der Buchbestände in ein neues, hochmodernes Tiefmagazin ausbrach. Über das genaue Ausmaß der Bücherverluste gibt es noch widersprüchliche Angaben. Verloren ist nach derzeitigem Erkenntnisstand die Musikaliensammlung der Herzogin Anna Amalia, die vor dem Umzug in die neuen Tiefmagazine auf dem Dachboden zwischengelagert war.

Die Kollektion umfaßt dreißigtausend Einheiten, darunter Notendrucke, aber auch Briefautographen und handgeschriebene Partituren, vornehmlich aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Ihr einzigartiger Wert liegt auch darin, daß sie, von Kriegsverlusten weithin verschont, der Forschung einen umfassenden Blick auf das Musikleben am Weimarer Hof erlaubte. Michael Knoche, der Direktor der Bibliothek, vom Schock gezeichnet, erklärte, vernichtet sei auch die Sammlung des ersten Bibliothekars, des Wittenberger Professors Conrad Samuel Schurzfleisch, darunter viele Bücher, mit denen auch schon Goethe gearbeitet habe.

Die Wiege unserer Kultur, fast verloren

An die vierzigtausend Bände aus dem Rokkoko-Saal sollen zudem bei den Rettungsarbeiten durch Löschwasser beschädigt worden sein; die ersten dieser durchfeuchteten Werke sind bereits auf dem Weg zur Restaurierung in das Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig. Was auch immer die abschließende Schadensbilanz ergeben wird, die Bemerkung Seemanns, wir hätten "die Wiege unserer nationalen klassischen Kultur heute Nacht um ein Haar ganz verloren", dürfte kaum übertrieben sein.

Häuser lassen sich wiederaufbauen, Bücher können restauriert werden. Das Katastrophische des Brandes in der Anna-Amalia-Bibliothek aber erwächst aus dem Umstand, das hier mehr getroffen wurde als nur eine Stätte der Gelehrsamkeit. Sie ist, nein: sie war, muß man nun heute leider entsetzt formulieren, ein zentraler Ort der deutschen Geistesgeschichte.

Im Jahr 1691 erstmals als fürstliche Kammerbibliothek im Residenzschloß der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zog sie 1762 in das eigens dafür umgebaute Grüne Schloß gegenüber dem Stadtschloß. Ihren Aufschwung aber nahm sie erst unter der Regentschaft ihrer Namenspatronin Anna Amalia und mehr noch dank der Förderung durch deren Sohn Karl August. Er betraute im Jahr 1797 Goethe mit der "Oberaufsicht" über die Bibliothek, der die Fürstenbücherei zu einer enzyklopädisch ausgerichteten Arbeitsbibliothek machte. Er ließ den Bücherturm mit der berühmten, aus einem einzigen Eichenstamm gefertigten Wendeltreppe errichten, und kaufte so fleißig Bücher, daß Friedrich Schiller in einem Brief 1787 bemerken konnte, die Bibliothek sei "ansehnlich und in musterhafter Ordnung erhalten".

Hoffen auf Hilfsbereitschaft

Davon kann nun keine Rede mehr sein. Die Nachricht vom Brand der Anna-Amalia-Bibliothek hat denn auch allgemeines Entsetzen und fassungslose Trauer ausgelöst. Es steht zu hoffen, daß der Schock, wenn die erste Starre überwunden ist, zu einem Ausbruch der Hilfsbereitschaft und des Engagements in ganz Deutschland führen wird.

Am Freitag früh flog Kulturstaatsministerin Weiss aus Berlin nach Weimar, um die Brandstätte zu besichtigen. Auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz sprach sie von einer "nationalen Kulturkatastrophe" und einem "schweren Verlust für das Weltgedächtnis." Sie kündigte an, der Bund werde bis zu vier Millionen Euro als Nothilfe zur Verfügung stellen, bat aber auch um Spenden. "Ich appelliere an die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes," erklärte Frau Weiss, "den geistigen Knotenpunkt unserer Nation jetzt nicht allein zu lassen und für die Rettung der literarischen Schätze und den Wiederaufbau dieser einmaligen Bibliothek zu spenden."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 33
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