Das späte achtzehnte Jahrhundert hätte die Szene in Kupfer gestochen, das neunzehnte hätte E.T.A. Hoffmann oder Sherlock Holmes auf den Fall angesetzt, das zwanzigste machte das Titelblatt eines Comic-Heftes daraus, und das einundzwanzigste legt dieses Heft nun in eine Vitrine der faszinierenden Münchner Ausstellung über die Geschichte der Bibliotheken: Ein furchterregender Gorilla bedroht eine schöne Frau, die vor einem Bücherregal steht. In der rechten Pranke hält das Tier Stevensons „Schatzinsel“, in der linken einen Revolver. Von der verängstigten Bibliothekarin verlangt es weitere Lektüre: Melvilles „Moby Dick“ und den „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Eine Sprechblase verrät, was der Gorilla mit dem Überfall bezweckt: „Wenn ich diese drei Bücher gelesen habe, kann ich die Welt erobern!“
Die Szene enthält eine ganze Kulturanthropologie: Der Mensch ist das Tier, das liest. Er hat gelernt, sein Wissen zu kodifizieren und über Generationen weiterzugeben. Dazu brauchte er Speichermedien: Stelen aus Stein und Tafeln aus Ton, Rollen aus Papyrus und aus Pergament, Bücher und Festplatten. Aber auch diese Medien, in denen sich Wissen und Macht materialisieren, bedürfen sicherer Aufbewahrungsorte. Denn sie müssen vor Verfall und Zerstörung bewahrt werden – und oft genug auch davor, in die falschen Pranken zu geraten. Die Geschichte des Wissens ist auch die Geschichte der Angst vor dem Missbrauch des Wissens. Der alphabetisierte Affe von heute ist der Weltenherrscher von morgen.
Unser kostbarstes Monument
Die Anfänge der Bibliothek liegen im Dunkeln. Fast ein Jahrtausend trennt den Bibliotheksraum im altägyptischen Tempel von Edfu und die Bücherkammer auf dem St. Galler Klosterplan aus dem frühen neunten Jahrhundert, dem ersten und einzigen eindeutigen Hinweis auf eine Bibliothek im Europa des ersten nachchristlichen Jahrtausends. Von den Umfängen ihrer Bestände darf man sich keine falschen Vorstellungen machen. Während die Bibliothek des Assurbanipal in Ninive 1500 Texte auf etwa zwanzigtausend Tontafeln umfasst haben soll, dürften in der Bücherkammer von St. Gallen kaum mehr als sechshundert Bände gelegen haben. Die Titelminiatur des Codex Amiatinus zeigt um das Jahr 700 einen schreibenden Heiligen vor seinem geöffneten Bücherschrank: Darin ist in fünf Fächern ein knappes Dutzend Bibelhandschriften zu sehen.
Selbst die größte Sammlung des Abendlandes vor Erfindung des Buchdrucks, die päpstliche Bibliothek in Avignon, soll gerade einmal zweitausend Handschriften umfasst haben, wie Alberto Manguel in seiner „Geschichte des Lesens“ berichtet. Erst vor diesem Hintergrund wird erkennbar, wie unermesslich die Bibliothek von Alexandria mit ihren bis zu 700 000 Papyrusrollen auf die Zeitgenossen gewirkt haben muss. Noch 150 Jahre nach ihrer Zerstörung hielt der Historiker Athenaios von Naukratis eine detaillierte Beschreibung der Bibliothek für überflüssig: „Und was die Zahl der Bücher betrifft, den Aufbau der Bestände, die Sammlung in der Halle der Musen, warum soll ich das erwähnen, da es doch in aller Gedächtnis ist?“ In diesem Fall jedoch hat das Gedächtnis versagt: Bis heute wissen wir mangels schriftlicher Überlieferung weder, wo das Urbild aller Universalbibliotheken lag, noch, wie seine Bestände organisiert waren.
Durch die Wüste
Dabei ist das Nachdenken über die Ordnung der Schriften fast so alt wie die Schrift selbst. Im Tempel von Edfu waren die Bestandslisten der Papyrusrollen praktischerweise in die Wände der Bibliothekskammer eingraviert, so dass die Ordnung länger erhalten blieb als das Geordnete. Wachsende Umfänge machten kompliziertere Ordnungssysteme erforderlich. Während der berühmte Bibliothekar Gabriele Naudé um 1600 mahnend anmerkte, dass eine Sammlung von 50 000 Büchern ebenso wenig eine Bibliothek sei wie eine Versammlung von 30 000 Menschen eine Armee darstelle, hatte der persische Großwesir Abdul Kassem Ismael bereits im zehnten Jahrhundert die perfekte Lösung für seine angeblich 117 000 Bände umfassende Bibliothek gefunden, die er auch auf Reisen nicht missen wollte: Er ließ die Bücher auf vierhundert Kamele verteilen, die darauf abgerichtet waren, in alphabetischer Reihenfolge durch die Wüste zu trotten. So hat es zumindest der britische Orientalist Edward G. Browne in seiner vierbändigen Literaturgeschichte Persiens überliefert.
Die Kamele des persischen Großwesirs kommen im Münchner Architekturmuseum nicht vor, denn im Zentrum der ungemein informativen Ausstellung steht vor allem die Entwicklung der Bibliotheksarchitektur: Von Mauernischen und Bücherschränken in ägyptischen Tempeln, römischen Villen und christlichen Klöstern über Universitätsbibliotheken und Nationalbibliotheken bis hin zu modernsten Bibliotheksneubauten wie etwa Max Dudlers 2009 für die Humboldt-Universität errichtetem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin, der mit etwa 1,5 Millionen Einheiten größten Freihandbibliothek im Land. Der Anspruch der Ausstellung ist hoch, sie folgt wissenschaftlichen Maßstäben und ruht dabei selbst auf dem Fundament einer Bibliothek. Die wiederum steht in Einsiedeln in der Schweiz und beherbergt die Sammlung des Kunst- und Architekturhistorikers Werner Oechslin, der 50 000 Bände aus sechs Jahrhunderten zusammengetragen hat.
Für die Münchner Ausstellung hat Oechslin, dessen Essay den ausgezeichneten Katalog eröffnet, etwa hundert Publikationen ausgewählt, die im ersten Teil der Ausstellung die historische Entwicklung der Ordnungssysteme des Wissens illustrieren. Von den Säulen Seths, auf denen das seit Adam gewonnene Wissen gesichert werden sollte, wie Flavius Josephus berichtet, war es ein weiter Weg, bis der Schriftsteller Prosper Mérimée 1857 im soeben eröffneten reading room des Britischen Museums zufrieden feststellen konnte, man habe in dieser Bibliothek „in gleicher Weise die Bedürfnisse der Seele wie des Körpers“ bedacht. Heutige Bibliotheksbenutzer dürften dabei an eine Caféteria denken, Merimée hatte wahrscheinlich eher den Bibliothekar Claude du Molinet im Sinn, der Ende des siebzehnten Jahrhunderts gefordert hatte, Bücher als Nahrung und Lebensmittel, als „l’aliment & la nouriture“, zu begreifen, die indes auch so präsentiert werden sollten, dass die Sinne angesprochen würden.
In Sälen und Türmen
Die Typologie der Bibliotheksbauten wird im zweiten Teil der Ausstellung anhand von Modellen, Plänen, Fotografien und Entwürfen vermittelt. Erst am Ende der Frühen Neuzeit begann die Bibliothek sich als Einzelbau aus Residenzen oder Klosteranlagen herauszulösen. Den Saalbauten der Renaissance – besonders schön ist hier Michaelangelos Entwurf für die Laurenziana in Florenz – folgten Zentral- und Turmbauten, wie in jüngster Zeit etwa Dominique Perrraults neue Bibliothèque national de France mit ihren vier Büchertürmen, die in ihrer Monumentalität an den hybriden Anspruch der Universalbibliotheken und gleichzeitig an den Wettstreit der Nationen erinnert.
Eine Bibliothek, so schrieb der Architekt Étienne-Louis Boullée 1785, stelle zweifellos „das kostbarste Monument einer Nation“ dar, weil ihm alle erworbenen Kenntnisse anvertraut würden. Der Architekt, der für den französischen König eine gigantische „Bibliothèque Royale“ entwarf, verstand sein Bauwerk als ebenso in die Vergangenheit wie in die Zukunft gerichtet: Archiv des historischen Wissens einerseits, „Garant für die künftige Prosperität des Wissens“ (Dietrich Erben) andererseits. Die Revolution machte Boullée einen Strich durch die Rechnung, und die Bibliothèque Royale blieb in Paris ebenso ungebaut wie die gewaltige Bibliothek des Lenin-Instituts in Moskau oder Le Corbusiers Entwurf für das „Mundaneum“ bei Genf, der neben einer Universalbibliothek auch ein Weltmuseum und Sportstätten vorsah.
Im Warenhaus der Datenvermittlung
Die Liste der ungebaut gebliebenen Bibliotheken ist dabei keineswegs so lang, wie man angesichts der rasch voranschreitenden Digitalisierung des Wissens vermuten könnte. Im Gegenteil, während vom Untergang des Buches geredet wird, als stünde er unmittelbar bevor, sind in den beiden letzten Jahrzehnten mehr Bibliotheken gebaut worden als je zuvor. Zum Abschluss der Ausstellung zeigt eine Diashow in rascher, nicht enden wollender Folge Bibliotheksneubauten der letzten Jahre aus aller Welt, vom Klinkerbau der Stadtbibliothek in der holländischen Provinz bis zur raumschiffartigen Nationalbibliothek in Kasachstan, die Bücherjurte und Endlosschleife zugleich ist. Die Veränderung der Bibliothek zu einem „hybriden Gemisch aus Buch und Datenbank“, von der die Ausstellung spricht, hat längst begonnen und ist der Bibliotheksarchitektur deutlich anzusehen. Bauten wie Günther Behnischs Universitätsbibliothek in Eichstätt, Toyo Itos Mediathek im japanischen Sendai oder das Rolex Learning Center von Sanaa in Lausanne zeigen mit ihrer dekonstruktivistischen oder amorphen Formensprache, das die Bücherburgen von einst durchlässig geworden sind.
Heute stehen die Konzepte der introvertierten und der extrovertierten Bibliothek gleichberechtigt nebeneinander. Neben den abschirmenden, Konzentration und Einkehr fördernden Typus ist das offene, transparente „Warenhaus der Datenvermittlung“ getreten. Ob die virtuelle Büchersammlung im Internet der Geschichte der Bibliotheksbauten ein Ende setzen wird, lässt die Ausstellung, die weder kulturkritisch noch melancholisch gestimmt ist, auf angenehme Weise offen. Den Besucher entlässt sie mit einer rasant geschnittenen Folge von Bibliotheksszenen aus sechzig Filmen, die belegen, dass es wohl keine menschliche Tätigkeit gibt, die sich in der Bibliothek nicht ausüben ließe, vom Essen und Schlafen bis zum Küssen und Morden. Wenn der Gorilla das geahnt hätte, er hätte auf die Welt verzichtet und die Bibliothek erobert.