http://www.faz.net/-gqz-989hm

Komponist Alois Zimmermann : Eine singuläre Erscheinung der Neuen Musik

  • -Aktualisiert am

Bernd Alois Zimmermann mit seiner Frau Sabine in Darmstadt, um 1956. Bild: Abb. a.d. bespr. Band

Heute wäre Bernd Alois Zimmermann 100 Jahre alt geworden. Pünktlich zum Geburtstag erscheint eine Collage aus Texten und Bildern, die seine Tochter Bettina Zimmermann ihm gewidmet hat.

          „Ich kann nicht mehr komponieren.“ Das bittere Eingeständnis war das Todesurteil, das der Komponist Bernd Alois Zimmermann im Frühjahr 1970 gegen sich selbst verhängte. Im Sommer desselben Jahres vollzog er seinen Freitod. Die Nachricht vom Ableben des zweiundfünfzig Jahre alten Komponisten erschütterte die Musikwelt. Man hatte gewusst, dass Zimmermann an einem schweren Augenleiden und an Depressionen litt. Dass er aber den Ausweg nur noch im Suizid sah, hatten selbst ihm nahestehende Kollegen und Freunde nicht geahnt.

          Nicht nur in die dunklen Phasen von Zimmermanns Leben und dessen Ende bringt seine Tochter Bettina mit ihrem rechtzeitig zu seinem heutigen hundertsten Geburtstag erschienenen „persönlichen Porträt“ mehr Licht. Der stattliche Band mit der oft von Zimmermann verwendeten Spielanweisung „con tutta forza“ (Mit aller Kraft) als Titel ist keine Biographie im herkömmlichen Sinn, sondern eine Art Collage aus Beobachtungen und Kommentaren der Autorin, Ausschnitten aus ihren Gesprächen mit mehr als zwanzig Kollegen, Interpreten, Freunden und Schülern ihres Vaters, Zitaten aus – zum großen Teil bislang unveröffentlichten – Briefen und Dokumenten. Hinzu kommen eine große Zahl privater Fotos, Reproduktionen von Partiturseiten und Blätter, die Zimmermanns Talent auch auf dem Terrain der bildenden Kunst zeigen.

          Bild: Wolke Verlag

          Als Bernd Alois Zimmermann starb, war Bettina achtzehn Jahre alt. Ihr Buch ist das Ergebnis einer akribischen Spurensuche nach ihrem Vater. Dabei gelingt es ihr, unterstützt von dem Zimmermann-Experten Rainer Peters, die verbreitete einseitige Sicht auf einen zerquälten Schmerzensmann zu korrigieren und ein vielschichtiges Gesamtbild entstehen zu lassen, ohne für sich die absolute Deutungshoheit zu beanspruchen. Aus dem Material geht anschaulich hervor, wie sehr Zimmermann von der bäuerlichen, streng katholischen Welt seines Geburtsortes, dem Voreifeldorf Bliesheim, und der umfassenden Gymnasialbildung, die er bei den Salvatorianer-Mönchen des Klosters Steinfeld in der Eifel erhielt, geprägt wurde. Dort fasste er, nicht ohne Skrupel, den Entschluss, statt Theologie zu studieren, sich ganz der Musik zu widmen.

          Aus Zimmermanns Feldpostbriefen wird deutlich, wie sehr er im Zweiten Weltkrieg als Pferdepfleger und Meldereiter unter den Kriegsgreueln litt. Eine „Kampfstoffvergiftung“, mit deren Folgen er sein Leben lang kämpfte, zwang ihn zu langen, von Depressionen begleiteten Lazarettaufenthalten. Die körperlichen und seelischen Qualen, denen Zimmermann während des Kriegs ausgesetzt war, sein Aufbegehren gegen Unrecht und Gewalt trugen zu jener apokalyptischen Weltsicht bei, wie sie sich in vielen seiner Kompositionen wiederfindet.

          Er wusste die musikalischen Erneuerungsimpulse zu würdigen

          Das ist freilich nur die eine, die dunkle Seite. Seine 1950 geschlossene Ehe mit Sabine von Schablowsky, die einer bürgerlichen Kaufmannsfamilie in Breslau entstammte und mit der er drei Kinder hatte, bot ihm Schutz und Geborgenheit. Die Kölner Wohnung war regelmäßig Schauplatz geselliger Gesprächsrunden mit Freunden und Kollegen. Von den im Buch zitierten Zeitzeugen wird Zimmermann immer wieder als hochsensibler, aber auch umgänglicher, humorvoller, den leiblichen Genüssen nicht abgeneigter Mensch beschrieben. Bis 1958, als Zimmermann an die Kölner Musikhochschule als Professor für Komposition berufen wurde, hielt er sich und seine Familie nahezu ausschließlich mit Gelegenheitsaufträgen – „Brotarbeiten“ – finanziell über Wasser. Sein Hauptbrötchengeber war dabei der (N)WDR-Rundfunksender, für den er Arrangements jeder Art, Volksliedbearbeitungen, Tänze und Hörspielmusiken lieferte. Es war sein Experimentierfeld, auf dem er mit Musik aus allen Epochen und Genres befasst war, besonders intensiv auch mit dem seinerzeit noch verpönten Jazz.

          Damals hat Zimmermann die Zitat- und Collagetechnik entwickelt, die ihm als Grundlage für seine „pluralistische“, mehrere Zeitschichten und nahezu alle Musikformen und Stilrichtungen einschließende Kompositionsweise diente, kombiniert mit einer sehr eigenen Verwendung der Zwölftontechnik. Der dehnbare Begriff von der „Kugelgestalt der Zeit“ schien ihm für diese Raum und Zeit sprengende Kunstform die geeignetste Metapher zu sein. Zimmermann besuchte die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, gehörte aber nicht zu dem von Stockhausen, Boulez oder Luigi Nono beherrschten harten Kern der Serialisten. Von ihnen wurde er wegen der „traditionellen“ Elemente seiner Musik eher misstrauisch beäugt. Gleichwohl wusste er die musikalischen Erneuerungsimpulse, die von diesem Kreis ausgingen, zu würdigen.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Breiten Raum nimmt in Bettina Zimmermanns Porträt ihres Vaters der schmerzhafte Entstehungsprozess seines Opus summum, der Oper „Die Soldaten“ ein, deren Uraufführung 1965 gegen alle Widerstände, insbesondere gegen das vom Kölner Generalmusikdirektor Günter Wand (und zuvor von Wolfgang Sawallisch) propagierte Diktum der vorgeblichen Unaufführbarkeit, der damals achtunddreißig Jahre alte Dirigent Michael Gielen mit Beharrlichkeit durchsetzte. Das Kölner Gürzenich-Orchester, offenbar aufgestachelt von Wand, versuchte laut Gielens Schilderungen, die Aufführung regelrecht zu boykottieren. Der sieben Jahre währende Kampf um die Realisierung seines Projekts verzehrte einen Großteil von Zimmermanns Lebensenergie und trug wohl entscheidend dazu bei, dass sich seine Gemütsverfassung zusehends verdüsterte.

          Die Soldaten : Alexander Kluges Film über Zimmermanns berühmteste Oper

          Bernd Alois Zimmermann war eine singuläre Erscheinung in der Welt der Neuen Musik des zwanzigsten Jahrhunderts, in der seinerzeit von Grabenkämpfen beherrschten Kölner Avantgardeszene allemal. Er selbst hat an sich sowohl mönchische als auch dionysische Charakterzüge entdeckt, und im Grunde war er ein lebensbejahender Mensch. Umso tragischer war seine Krankheit. „Ich bin hinter dicken Glaswänden. Ich kann euch alle sehen, aber ich habe keine Verbindung“, sagte er am Ende resigniert zu seiner Familie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.