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Besuch bei Thomas Harlan : Wie es war, als mir Goebbels eine Märklin kaufte

Lebt seit Jahren in einer Lungenheilanstalt am Königssee: Thomas Harlan Bild: Andreas Müller

Er sagt: „Ich habe das Ungeheuerliche angefasst“. Ein Besuch bei dem Filmemacher und Romanautor Thomas Harlan, ein Gespräch über seinen Vater, den Regisseur von „Jud Süß“, über Joseph Goebbels und über sein Leben im Sanatorium.

          In diesen kurzen Tagen steht das Lungensanatorium schon am frühen Nachmittag so sehr im Schatten, den der Grünstein wirft, dass es um drei Uhr nachmittags schon fast dunkel ist, zumal noch immer kein Schnee liegt, der für etwas zusätzliche Helligkeit sorgen könnte. Der Grünstein ist der höchste Berg in der Ortschaft Schönau am Königssee nahe Berchtesgaden, kleiner natürlich als der Watzmann, den man von hier aus auch sieht, aber doch so mächtig, dass er die „Klinik Berchtesgadener Land“ gewissermaßen in Schach hält.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Ich bin hierher gefahren, um mit Thomas Harlan zu sprechen - über sein neues, sehr schwieriges Buch „Heldenfriedhof“ (siehe auch die Rezension: Thomas Harlans monströser SS-Roman „Heldenfriedhof”), über sein Leben und natürlich über seinen Vater, der Veit Harlan war. Ich sage „natürlich“, weil es ohne diesen Vater weder das Buch gäbe noch überhaupt Thomas Harlan selbst. Das ist, natürlich, eine Binsenwahrheit: ohne Vater kein Sohn. Im Falle Thomas Harlans ist der Vater aber doppelt und dreifach wichtig, denn dieser Vater war, als der Sohn noch ein Kind war, ein sehr erfolgreicher Regisseur. Er hat, unter anderem, den Film „Jud Süß“ gemacht.

          Dabei wollte ich nicht mit der Tür ins Haus fallen

          Während des Nationalsozialismus sind viele Filme gedreht worden, aber nicht alle ihre Regisseure sind im Gedächtnis geblieben. Und obwohl dieser womöglich noch nicht einmal der allerschlimmste ist, blieb Veit Harlan doch als der NS-Regisseur schlechthin im Gedächtnis und ist bis heute nicht wieder daraus verschwunden. Wenn der Name fällt, dann ist die Vorsilbe „Hetz-“ nicht weit: Veit Harlan, Regisseur des antisemitischen Hetzfilms „Jud Süß“. Dazu und was der Sohn zu alledem sagt, später mehr. Man wird jedenfalls zögern, Veit Varlan als großen Regisseur zu bezeichnen. Aber es führt eine Familienlinie zu einem wirklichen Genie: Christiane Kubrick, geborene Harlan, ist die Witwe des Regisseurs Stanley, eine Nichte Veits und damit die Cousine Thomas Harlans. Jan Harlan, der Bruder Christianes, war lange Produzent von Kubricks Filmen.

          Der Filmemacher, Theater- und Romanautor Thomas Harlan, geboren 1929 in Berlin und dort auch aufgewachsen, wohnt seit sechs Jahren in der Lungenklinik. Er empfängt mich nachmittags gegen halb vier in seinem Zimmer. Schon beim Eintreten bemerke ich auf der Fensterbank eine DVD: „Anders als du und ich“ (1957, Regie: Veit Harlan). Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

          Damit die Kröte im Leib bleibt

          Ein Intellektueller jahrelang in einem Lungensanatorium, fast schon im Hochgebirge - die erste Frage stellt sich wie von selbst. „Fühlen Sie sich hier nicht wie auf dem Zauberberg?“ Thomas Harlan sitzt am Fenster und sagt: „Es gibt so Sachen, die man als junger Mensch lesen muss, damit die Kröte im Leib bleibt.“ Das ist eine dieser starken, originellen Formulierungen, die aus Thomas Harlan immer noch sehr sonor und deutlich herauskommen, obwohl er manchmal Mühe beim Luftholen hat. Dergleichen bleibt haften, im Leib gewissermaßen, weil es zeigt, dass es immer auch um elementare Lebensvorgänge geht, wenn man über Literatur spricht; es zeigt, dass Literatur einen direkt etwas angehen sollte.

          Beim „Zauberberg“ war das offenbar weniger der Fall, und das Sanatorium konnte da auch nicht mehr viel ausrichten: „Die Ähnlichkeit der Schicksale ist eigentlich etwas Peinliches. Ich hab' das nicht gerne, auf meines angesprochen zu werden.“ An geistigen Austausch oder gar Freundschaft ist hier nicht zu denken, die meisten Patienten werden nach drei Wochen hinauskomplimentiert und von Dekadenz sowieso keine Spur: „Damit es so sein könnte wie in Davos, wäre ein gewisses soziales Niveau nötig. Es gibt hier nicht irgendwelche interessanten Exemplare. Auch die Reichen sind hier gewöhnlich. Und um ganz ernsthaft krank zu sein, muss man edel sein.“

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