19.03.2007 · Ihr Erfolg ist die literarische Sensation des noch jungen Jahres. Die Hausfrau Andrea Maria Schenkel aus einem kleinen Dorf bei Regensburg landet mit ihrem Debütroman „Tannöd“ auf Platz eins der Bestsellerliste. Ein Besuch bei der Autorin im oberpfälzischen Pollenried.
Von Martin WittmannDurch das Küchenfenster sieht sie zwei unbekannte Gestalten, die sich dem Hof nähern. Die beiden tragen volle Taschen bei sich, werden wohl Hausierer sein. Sie klingeln, sie öffnet, „Grüß Gott“, sagt sie freundlich und wenig misstrauisch, obwohl fremder Besuch hier auf dem Land sehr ungewöhnlich ist. Die Unbekannten grüßen zurück, sie öffnen ihre Taschen, und als die Frau den Inhalt erkennt, fährt ihr der Schrecken in die Glieder.
Es ist keine spannende Geschichte, die sich aus dieser Szene entwickeln wird, als Inspiration für einen Dorfkrimi wird diese Begegnung wohl nicht dienen können. In den Taschen befinden sich bloß Formulare, denn die Hausierer sind harmlose Vertreter der Telekom. Die Frau vom Hof, der längst keiner mehr ist, heißt Andrea Maria Schenkel und ist die Autorin des Romans „Tannöd“. Und der Schrecken, der sie erfasst, ist der Gewissheit geschuldet, nun auch noch kostbare Zeit für diese Formulare aufbringen zu müssen. Als ob sie nicht schon genug zu tun hätte, schließlich kommen jeden Augenblick die Kinder von der Schule, und im Esszimmer sitzen schon die Journalisten auf der hölzernen Eckbank. Wieder mal.
In ständiger Terminhatz
„Momentan ist es recht stressig“, meint die Vierundvierzigjährige, während sie den Schweinebraten aus dem Ofen holt. Die Formulare hat sie da längst ausgefüllt und das Wenden des Reiberdatschis dem Fotografen aufgetragen („Schmeißen's die Reste bitte gleich weg. Nicht, dass die Ratzen kommen“). Bedurfte es schon einer profunden Tagesplanung, als sie sich vor zwei Jahren neben Haushalt und Familie mit dem Schreiben von „Tannöd“ beschäftigte, so ist sie heute, nach dem großen Erfolg des Krimis, in ständiger Terminhatz.
Jeder möchte die gescheite Frau kennenlernen, deren „Tannöd“ es schaffte, mit hundertdreißigtausend verkauften oder vorbestellten Exemplaren Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ von Platz eins der wöchentlich erstellten „Spiegel“-Bestsellerliste zu stoßen. Der Erstling von Frau Schenkel erhielt den Deutschen Krimipreis und ist für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, der im April auf der Criminale 2007, dem größten Festival deutschsprachiger Kriminalliteratur, vergeben wird. Ihr Talent wurde im Deutschlandfunk und in der „Zeit“ bejubelt, ihr Schreibstil von Elke Heidenreich in der Fernsehsendung „Lesen!“ gerühmt.
Als Kind eine Schreibschwäche
Die achtjährige Tochter dieser Frau bekommt heute eingelegte Zwetschgen serviert, weil kein Apfelkompott mehr im Haus ist. In der in bäuerlichem Stil eingerichteten Küche wird der Tisch gedeckt, der Strauß roter Tulpen muss den Tellern Platz machen. Andrea Schenkel ermahnt in kommodem Bayerisch die Tochter, die sich von dem unwissenden Journalisten unerlaubt Cola hat einschenken lassen. Die dreifache Mutter sieht sich immer noch eher als Hausfrau („Für mich ist das keine abwertende Bezeichnung“) denn als Autorin, geschweige denn Bestsellerautorin. Während des Interviews mit ihr muss man sich selbst immer wieder daran erinnern, dass die Gesprächspartnerin gerade für eine literarische Sensation sorgt. Ihr ist der Habitus eines in seinem Schriftstellerdasein versunkenen Künstlers fremd, sie muss sich erst gewöhnen an ihre neue Rolle. Ihre Bodenständigkeit wird sie dadurch nicht verlieren, schließlich ist sie ihr halbes Leben lang vor allem Ehefrau und Mutter gewesen. Zu schreiben hat sie erst vor zwei Jahren begonnen. Warum so spät? „Ich hatte als Kind eine Schreibschwäche und deshalb immer schlechte Noten in Deutsch. Meine Lehrerin verunsicherte mich damals zu sehr, als dass ich an mich glauben hätte können. Aber vor zwei Jahren wurde der innere Druck zu groß. Was schon immer in mir schlummerte, musste damals raus“, erzählt sie beim Spaziergang nahe ihrem Wohnort.
Pollenried mit seinen paar Dutzend Einwohnern ist ein Ortsteil des oberpfälzischen Nittendorfs, wo knapp zehntausend Menschen leben. Unter „Sehenswürdigkeiten“ steht in dem Wikipedia-Eintrag, der Nittendorf porträtiert, ein Liste von acht Bauwerken. Außer zwei Schlössern findet sich ausschließlich kirchliche Architektur. Ein kleines, betendes Dorf ist auch der Schauplatz des Romans der „völlig unreligiösen“ Autorin. Die Geschichte vom Hof in Tannöd, wo in den fünfziger Jahren sechs auf brutale Weise erschlagene Menschen gefunden werden, basiert vage auf einem wahren Fall. Die Erzählung des Kriminalstücks löst Schenkel von der klassischen Struktur ab, die Geschehnisse werden stattdessen mosaikhaft durch zahlreiche Protokolle der Zeugen, der Opfer und des Täters geschildert. Entstanden ist eine raffinierte Milieustudie, die die ländliche Nachkriegsidylle als Brutstätte von Bigotterie, Inzest, Gewalt und Hinterfotzigkeit entlarvt. „Ich bin in einem Mietshaus in Kumpfmühl bei Regensburg aufgewachsen. Ich war das einzige Kind dort, die Alten erzählten mir tagein, tagaus ihre Geschichten, und ich hörte gespannt zu“, erklärt die Autorin ihre präzisen Kenntnisse der damaligen Zeit und ihrer Menschen.
In der Enge des Dorfes
Ihr Vater arbeitete bei Siemens, ihre Mutter war Hausfrau: „bildungsbürgerlich kann man meine Herkunft nicht nennen“. Irgendwann verließ sie Kumpfmühl, sie folgte ihrem Mann nach Baden-Württemberg, um schließlich vor zehn Jahren wieder in die Nähe Regensburgs zu ziehen. Eigentlich sei sie ein Stadtmensch, sagt sie, aber der Kinder wegen habe die Familie die Provinz nie verlassen. Grüne Wiesen und braune Äcker wechseln sich hier ab, getrennt voneinander durch Feldwege, die in kleine Wälder führen. Heute blendet die Sonne, und die Landschaft verbirgt die abgründige Szenerie, mit der der Roman für Beklommenheit sorgt. Steckt hinter der dunklen Schilderung, die „Tannöd“ kennzeichnet, vielleicht Verbitterung über die eigene verhinderte Flucht aus der Provinz? Nein, ihr gehe es nicht um eine Abrechnung mit der katholischen Landbevölkerung. Menschliche Niedertracht unter der freundlichen Oberfläche sei überall zu finden. „Aber in der Enge des Dorfes wird die Heuchelei am deutlichsten sichtbar.“ Nur jemand, der auf dem Land lebt, kann von bedrückender „Enge“ der Provinz sprechen, wo der urbane Blick Weite und Freiheit zu erkennen glaubt.
Der nächste Roman gehe in eine andere Richtung. Er ist schon geschrieben und wird wohl im August erscheinen, wie der erste bei dem kleinen Nautilus-Verlag. Während manch anderer Nachwuchsautor dem Erwartungsdruck nicht standhält und unter der berüchtigten Blockade zu leiden beginnt, kann Andrea Schenkel nicht genug schreiben. Nur der übervolle Terminplan verhindert, dass die über Jahre angesammelten Ideen sofort zu Papier gebracht werden. „Den ersten Roman habe ich damals abends geschrieben, wenn mein Mann noch arbeiten musste und die Kinder gespielt haben.“
„Verrückt“ und „surreal“
Im Februar 2006 erschien dann der „Tannöd“, bald darauf war er an erster Stelle der Krimi-Weltbestenliste, die von Kritikern zusammengestellt wird. Die erste Auflage von dreitausend Stück war bald vergriffen, was für die Autorin eine zweite Genugtuung war. „Für mich war ja bereits die Entscheidung des Verlags, das Buch zu verlegen, eine große Bestätigung.“ Denn so richtig ernst genommen habe die schreibende Hausfrau anfangs keiner. Bis Ende des Jahres wurden stolze fünfzehntausend Romane verkauft, „verrückt“. „Verrückt“ und „surreal“, hört man sie oft sagen, die beiden Wörter ziehen sich als roter Faden durch ihre Reflexion.
Der Spaziergang führt uns zurück zu dem ehemaligen Bauernhof, in dem die Schenkels wohnen. In einem der Nachbargärten schaukelt ihre Tochter, ansonsten ist das Dorf reglos. Andrea Schenkel bleibt kurz stehen, als wolle sie das folgende von dem zuvor im Gehen Gesprochenen abgrenzen. „Ich dachte anfangs, ich könnte mit dem ,Tannöd' den kleinen Zeh in die Tür kriegen. Und dann kam ein unerwarteter Windstoß, der die Tür laut krachend aufstieß.“ Der Sturm begann mit der „Lesen!“-Sendung, dem Krimipreis und der Auszeichnung für das beste Hörbuch (das Monica Bleibtreu eingesprochen hat). Weitere fünfundsechzigtausend Leser fand „Tannöd“ seitdem, fünfzigtausend Exemplare sind bereits vorbestellt. Die Rechte am Buch sind nach Frankreich, Holland und Norwegen verkauft, eine Vielzahl anderer Länder hat bereits Interesse signalisiert, in Innsbruck wurde die Geschichte als Theaterstück aufgeführt, außerdem wird es demnächst eine Verfilmung geben. Märchenhaft, „surreal“.
„Ich hatte noch gar keine Zeit, den Erfolg richtig begreifen zu können, obwohl der Roman schon vor über einem Jahr erschienen ist“, sagt sie bei der letzten Tasse Kaffee. Verändert habe sich die Andrea nicht, bestätigt die Nachbarin, nur weniger Zeit habe sie als früher. Das erfährt vor allem die Familie. Die Kinder sind selbständiger geworden, und ihr Mann hilft jetzt mehr im Haushalt. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt hatte den „Tannöd“ bei Erscheinen noch gar nicht gelesen, verriet seine Frau in einem ihrer ersten Interviews. „Am nächsten Tag haben ihn seine Patienten geschimpft. So sauer hab' ich den in siebenundzwanzig Ehejahren nicht erlebt.“ Andrea Schenkel lacht.
Früher war sie im Dorf die Frau vom Doktor, heute ist er der Mann von der Schriftstellerin. „Den hätten sie interviewen müssen. Sein Leben hat sich mehr geändert als meines“, sagt sie und stellt die Tulpenvase wieder auf den Tisch.