http://www.faz.net/-gqz-70gwq

Berliner Verlagsszene : Türkisch für Fortgeschrittene

Selma Wels und Inci Bürhaniye in den Räumlichkeiten des Binooki Verlags Bild: Julia Zimmermann

Endlich mal andere Bücher aus der Türkei lesen wollten Selma Wels und Inci Bürhaniye. Und gründeten den Binooki-Verlag.

          Für zwei Frauen, deren literarische Lieblinge in vielen deutschen Köpfen wahrscheinlich gerade einige Türkei-Klischees gehörig durcheinanderwirbeln, sind Selma Wels und Inci Bürhaniye ganz schön gelassen. Aufgeregt seien sie gewesen, als „Köln Radyosu“, die türkische Nachrichtensendung vom Funkhaus Europa, kürzlich wegen eines Interviews anrief: „Die Sendung war unserem Vater heilig, er hat sie jeden Tag gehört, und wir Kinder mussten dann immer mucksmäuschenstill sein“, sagt Selma Wels. „Und dann rufen die zwanzig Jahre später tatsächlich bei uns an und wollen etwas über unseren Verlag machen!“

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die beiden Schwestern sitzen in ihrem Verlagsbüro in Berlin-Kreuzberg nebeneinander auf dem Sofa, trinken Kaffee und erzählen von ihren Büchern. Und wie man sie da so sitzen sieht, die eine mit lockigen, die andere mit glatten Haaren, die eine Betriebswirtin, die andere bis vor kurzem hauptamtlich Anwältin für Steuerrecht, die eine eher ruhig, die andere lebhaft und schnell mit ihren Antworten, da möchte man gar nicht meinen, dass diese beiden Frauen Schwestern sind.

          Doch dann, es geht gerade darum, ob das Arbeiten in familiären Banden nicht auch schwierig ist, wird unter ihrem freundlichen Ton plötzlich eine gemeinsame Abwehrlinie spürbar, die so klar und geschlossen daherkommt, wie das nur bei Geschwistern der Fall sein kann. Sofort meint man, die beiden auf dem Schulhof vor sich zu sehen: Fest entschlossen, dass der Schwester, wenn’s mal Ärger gibt, nichts passiert. Dafür aber sind Inci Bürhaniye und Selma Wels mit ihren 45 und ihren 33 Jahren zu weit auseinander.

          Keine verschleppte Braut

          Ideen und Träume, wie man sich mit einer gemeinsamen Geschäftsidee selbst verwirklichen und auch noch Geld verdienen kann, haben Geschwister ja oft. Meistens wird dann aber nichts daraus. Bei Selma Wels und Inci Bürhaniye, deren Eltern als Gastarbeiter aus dem türkischen Aydin nach Pforzheim kamen und die beide hier geboren worden sind, aber schon: „Als wir 2010 zu Besuch in Istanbul waren und dort einen Tag lang über die Buchmesse geschlendert sind, da sagten wir uns: So ein Verlag, lass uns das doch auch mal versuchen, so schwer kann das doch gar nicht sein“, sagt Selma Wels. Und tatsächlich: Zwei Jahre später, im März dieses Jahres, präsentierten die beiden ihren Binooki-Verlag, dessen Name auf das türkische Wort für „Zwicker“ zurückgeht, mit einem eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. „Da waren wir schon ganz schön stolz auf uns“, sagt Inci Bürhaniye.

          Das können die beiden auch sein: Stolz darauf, dass ihr Verlag gerade seinen ersten Geburtstag feiern konnte, obwohl die Lage auf dem Buchmarkt äußerst angespannt ist und es vor einem Jahr schon ein klein wenig wahnsinnig wirkte, einen neuen Verlag zu gründen - inzwischen werden die von Binooki verlegten Romane deutschlandweit in Buchläden, in Online-Shops und über ihre eigene Internetseite verkauft.

          Bestellungen kommen vor allem von Deutschen, aber auch Deutschtürken fragen vermehrt nach dem Verlagsprogramm: „Es ist eigentlich ganz einfach zu umreißen“, sagt Selma Wels, „wir verlegen türkische Autoren, deren Bücher wir lieben und die noch nie ins Deutsche übersetzt worden sind. Vielleicht können wir die Kulturen unserer beiden Heimaten dadurch besser verbinden, geplant sind zehn Bücher pro Jahr.“

          Und keine Melancholie!

          Weitere Themen

          Traumziel Mittelalter

          Romanphänomen Iny Lorentz : Traumziel Mittelalter

          Das Buch „Die Wanderhure“ brachte Iny Klocke und Elmar Wohlrath den Durchbruch: Das Paar schreibt unter dem Namen Iny Lorentz Bestseller in Serie, gerade erschien eine weitere Fortsetzung. Aber wie verfasst man gemeinsam ein Buch?

          Topmeldungen

          Fahrverbote in Deutschland : Der Diesel im Griff der Elite

          Wieder wurden bei einer Entscheidung zum Diesel-Fahrverbot die Leute auf dem Land vergessen, die sich das Leben in der Stadt oft nicht leisten können. Für sie ist der Diesel eine soziale Frage. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.