28.02.2007 · Den Begriff „Hauptstadtkultur“ gibt es schon eine Weile, mit der Realität dahinter tun sich die Kulturförderer noch schwer. Jüngstes Beispiel: das Berliner Literaturfestival. Es steht auf der Kippe.
Von Andreas KilbAls Bonn noch Regierungssitz war, gab es den Begriff „Hauptstadtkultur“ noch gar nicht. Aber seit die wahre deutsche Hauptstadt auch die wirkliche ist, wird zwischen Bund und Ländern, zwischen Ministerial- und Senatsbürokraten ein verbissener Kampf um das kulturelle Gesicht Berlins geführt, um die Etats, aus denen es finanziert, und die Etiketten, unter denen es präsentiert werden soll. Es ist, als wäre der Umzug aus dem rheinischen Idyll in die preußische Armut erst gestern beschlossen worden, als hätten die Amtsträger in neun langen Jahren noch keine Gelegenheit gehabt, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Und wie immer, wenn eine Kulturbürokratie der Zeit hinterherhinkt, sind es die Künstler und Kunstveranstalter, die am meisten unter der Verzögerung leiden. Sie bringen die Hauptstadt aufs Niveau. Aber Berlin scheut keine Mühe, sie auf sein Niveau herabzuziehen.
Seit 2001 gibt es das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb). In den ersten Jahren seines Bestehens war das Festival eine Art Versuchsballon, eine offene Wette auf das literarische Interesse des Hauptstadtpublikums. Inzwischen aber ist das ilb unter seinem umtriebigen und mit Beziehungen in alle Welt gesegneten Leiter Ulrich Schreiber zu einem festen Bestandteil des Berliner Kulturlebens geworden. Zwölf Tage lang füllt das Festival im September das große Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße mitsamt Neben- und Foyerbühne sowie diverse Nebenspielstätten. Doris Lessing, Isabel Allende, Vikram Seth, Tim Parks, Oskar Pastior und viele andere haben im vergangenen Jahr ihre Bücher vorgestellt; dreißigtausend Besucher kamen zu den Lesungen, Diskussionen und Lyriknächten. Wenn es so etwas wie ein literarisches Lehrbeispiel für Hauptstadtkultur gibt, dann ist es Schreibers Literaturfestival - ein entspannter, weltläufiger, erfrischend bunter Lesungsreigen, für den man weder ein Germanistikstudium noch Chinesischkenntnisse braucht.
Auf der Kippe
Für die Kulturförderer in Bund und Ländern ist das Festival vergleichsweise billig: Gerade dreihundertfünfzigtausend Euro bekommt das ilb als jährliche Basisfinanzierung aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Bundeskulturstiftung. Seit Jahren wird über eine fällige Aufstockung dieser Summe geredet. Stattdessen aber steht nun das Weiterbestehen des Festivals überhaupt auf der Kippe. Es gebe Überlegungen, das Literaturfest von 2008 an zu „biennalisieren“, es also nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen, heißt es aus der Behörde des Kulturstaatsministers Neumann (BKM), welche die Mittel gemeinsam mit dem Land Berlin vergibt.
Auch ein Lückenfüller für die Jahre, in denen kein Literaturfestival stattfinden würde, scheint bereits gefunden: das Poesiefestival Berlin, das alljährlich im Juni Lesungen und Workshops mit zeitgenössischen Lyrikern veranstaltet. Vor eineinhalb Jahren hat das BKM ein Gesamtkonzept der Berliner Senatsverwaltung für die zukünftige Verteilung der Fördermittel des Bundes und des Landes auf die verschiedenen literarischen Institutionen in Berlin angefordert. Auch die beiden Festivals sollen darin ihren Platz finden. Doch das Konzept lässt auf sich warten. Dabei läuft ihm die Zeit davon: Nur für das laufende Jahr ist das ilb noch finanziert, danach sind seine Kassen leer.
Nicht dieselbe Liga
Nun ist das Poesiefestival, das ebenso wie der „open mike“-Wettbewerb und der „Zebra Poetry Film Award“ von der Berliner Literaturwerkstatt betreut wird, gewiss ein respektables Kulturereignis mit intensiver regionaler Ausstrahlung. Aber es spielt einfach nicht in derselben Liga wie das Literaturfestival, das nicht nur die dreifache Besucherzahl erreicht, sondern auch bereits Ableger in Mumbai und New York gebildet hat. Dass das Poesiefestival mit demselben Betrag aus Bundesmitteln gefördert wird wie das ilb, ist eine bürokratische Fehlentwicklung, die in einem künftigen Konzept korrigiert werden müsste. Stattdessen wollen Bund und Land die beiden so verschiedenen Festivals nun erst recht über einen Kamm scheren. Man wolle vermeiden, heißt es salomonisch aus dem BKM, dass sich die Waage der Kulturförderung noch mehr zugunsten Berlins neige. Muss man das so verstehen, dass eine Kulturveranstaltung von (mindestens) nationaler Bedeutung nicht mehr angemessen gefördert werden kann, nur weil sie in Berlin stattfindet? Will der Kulturstaatsminister etwa gezielt die Regionalisierung der Berliner Kulturszene betreiben, um nicht den Neid westdeutscher Förderungsanwärter zu erregen?
Sicher ist: Das Berliner Literaturfestival würde die geplante Biennalisierung auf die Dauer nicht überleben. Ein Kulturereignis, das nur noch alle zwei Jahre stattfindet, kann sich keine festen Mitarbeiter leisten, es verliert den Kontakt zu den Künstlern und zum Publikum. Dazu kommt, dass das Haus der Berliner Festspiele in den Interimsjahren leer stehen würde, denn das Poesiefestival besitzt bereits in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg ein seiner Größe angemessenes Domizil. Wie man die Sache auch dreht - ein sinnvolles Konzept, gar eine Vision von Hauptstadtkultur wird nicht daraus. So ist es kein Wunder, dass Berlin sich ziert, dem Bund seine Vorschläge zu unterbreiten. Denn in Wahrheit kann man das Literaturfestival nur ganz wollen oder gar nicht. Nun muss der Kulturstaatsminister entscheiden, wie viel ihm das literarische Leben in der Hauptstadt wert ist. Man wünscht ihm den Blick eines Lesers.