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Benjamin Kunkel : Mein Erfolg ist ein Mißverständnis

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Mit Entschlossenheit den Markt erobert: Benjamin Kunkel Bild: Jerry Bauer

Hollywood kaufte ihn unbesehen, und die Menschen lieben ihn, weil er lustig ist. Dabei ist der Roman „Unentschlossen“ bei allem Witz ein Buch mit gesellschaftlichem Sprengsatz. Und Benjamin Kunkel ist Amerikas begehrtester Debütant.

          „Der große amerikanische Roman ist nicht ausgestorben wie der Dodo, sondern ein Mythos wie der Hippogryph“: Nur wenige Fußnoten der Literaturkritik dürften mit der Zeit zu soviel Witz und Wahrheit gereift sein wie dieses Aperçu des amerikanischen Romanciers Frank Norris, der offenbar bereits vor mehr als hundert Jahren wußte, daß jede neue Generation von Schriftstellern an der Great American Novel scheitern muß. Während aber der Mythos handfester Meisterwerke wie Faulkners „The Sound and the Fury“ in Literaturseminaren künstlich beatmet wird und eine Neuauflage von Robert Penn Warrens „All the King's Men“ allenfalls als Grundlage einer Kommerzialisierung durch Hollywood einen gewissen Marktwert erzielt, ist das rätselhafte Fabelwesen der Great American Novel nach wie vor von Ehrfurcht heischender Unsterblichkeit und wird Jahr um Jahr erneut beschworen und in wechselnder Gestalt durchs Land getrieben.

          „Wie sein Großonkel ,Ulysses' und sein Urgroßvater ,Moby Dick'“, so etwa Jonathan Franzen, habe auch Colson Whiteheads „John Henry Days“ (2004 bei Hanser) „enzyklopädische Ambitionen“. Gibt es einen Roman, so Cynthia Ozick auf dem Cover der Originalausgabe von Jonathan Safran Foers „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005 bei Kiepenheuer & Witsch), in dem sich Salingers Holden Caulfield und Mark Twains Huck Finn gleichermaßen „zu Hause fühlen“ würden? Aber ja doch: „Der Dollar ist zur Maßeinheit des kulturellen Gewichts geworden“, wie Franzen schon vor der Veröffentlichung seiner „Korrekturen“ (2002 bei Rowohlt) bemerkte, und dem unermüdlichen Ehrgeiz, mit dem sich die Dienstleister des amerikanischen Literaturbetriebs in jeder Saison der Entdeckung wenigstens eines neuen Salinger oder DeLillo oder Pynchon verschreiben und dessen Great American Novel zum Spitzentitel erklären, unterliegt freilich vor allem die Erwartung des von Marketingexperten kalkulierten Big Deal. Haben die eigentlich inzwischen von Benjamin Kunkel und dem Hype um sein Debüt „Indecision“ gehört?

          Wenn Don DeLillo an die Yankees denkt

          An einem schönen Morgen im September steht dessen soeben aus einem nächtlichen Drogenrausch erwachter Held auf einem Dach in Downtown Manhattan und schaut zu, wie sechs Blocks weiter ein Flugzeug in einen der Türme kracht. „Kunkel?“ Nicht jeder reagierte bei Erscheinen von „Indecision“ im Herbst letzten Jahres so gelassen und scheinbar desinteressiert wie Don DeLillo, der dem jungen Autor statt der erhofften Lobhudelei für den Umschlag eine Postkarte schickte, deren verkaufsfördernde Wirkung wohl nur dem Wert einer Briefmarke entsprach: „Gab es bei den Yankees“, so DeLillo, „nicht mal einen Werfer, der Kunkel hieß?“ Unter dem Titel „Unentschlossen“ erscheint „der neue Kultroman aus New York!“ Ende August auf deutsch: Als vermeintliches Gütesiegel aller Senkrechtstarter steht das Ausrufezeichen auch bei den Werbetextern der hiesigen Buchindustrie hoch im Kurs.

          „Das Schreiben über Kultur ist in den Vereinigten Staaten weitgehend an Dinge gebunden, die sich kommerzialisieren lassen“, sagt Benjamin Kunkel. Er ist etwa so alt wie Salinger bei Veröffentlichung vom „Fänger im Roggen“, sechs Jahre jünger als Joseph Heller bei Erscheinen von „Catch-22“; statt eines Papayasalats, wie Philip Roth ihn in Restaurants gern mal ißt, bestellt er beim Treffen in New York einen Artischockensalat und einen Cappuccino. „Damit große Zeitungen über einen Schriftsteller schreiben können“, sagt Kunkel, „muß entweder ein neuer Roman erschienen sein oder eine neue Biographie. Um über einen Film schreiben zu können, der schon ein paar Jahre alt ist, muß man warten, bis er zur Neuauswertung in die Kinos kommt. Es muß immer etwas her, das sich verkaufen läßt. Und weißt du was“, fährt Kunkel fort, dessen achtundzwanzigjähriger Erzähler Dwight Wilmerding vor dem 11.September im Schutz der „Zen-Zwillingstürme des WTC“ ein weitgehend unbeteiligtes Leben führte, „man sollte sich von den Dingen, die auf den Markt geschmissen werden, nicht das Denken diktieren lassen.“

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