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Belletristik-Überblick : Gottes kleine Krieger

Neben den wichtigen Erinnerungsbüchern von Kertész, Fest und Grass müßte es der Roman schwer haben. Aber die Gegenwartsliteratur verlangt mit drastischen Mitteln nach Aufmerksamkeit. Ihr Thema ist der Terror.

          „Im Alter von vierzehneinhalb Jahren“, so erinnert sich der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész in seinem neuen Buch „Dossier K.“, „stand ich etwa eine halbe Stunde lang Auge in Auge dem Lauf eines feuerbereiten Leichtmaschinengewehrs gegenüber, das auf mich gerichtet war.“ Das war im Sommer 1944 im Hof der Budapester Gendameriekaserne. Wenig später wurde Kertész nach Auschwitz deportiert.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Jahr darauf, im Frühjahr 1945, steht der siebzehnjährige Günter Grass mit der Maschinenpistole in der Hand einem russischen Schützenpanzer gegenüber: „,Der Iwan!', rief ich der Gruppe am Wegrand zu, nahm mir aber keine Zeit, die dem Feindpanzer dicht bei dicht aufsitzenden Schützen als einzelne zu erkennen und so zum ersten Mal einem lebenden Sowjetsoldaten von Gesicht zu Gesicht zu begegnen.“

          Die Grenzen des Genres

          Zwei Nobelpreisträger, zwei Augenblicke mit und ohne Blickkontakt, zwei Erinnerungsbücher, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zusammen mit Joachim Fests Autobiographie „Ich nicht“ (Rowohlt) setzen „Dossier K.“ (Rowohlt) und „Beim Häuten der Zwiebel“ (Steidl) einen gewichtigen Schwerpunkt in diesem Bücherherbst. Er gilt der Vergangenheit und ihren nicht enden wollenden Nachwirkungen, er erzählt von drei vollkommen unterschiedlichen Schicksalen und Lebenswegen im „Dritten Reich“, und er konfrontiert den Leser dreimal auf jeweils ganz eigene Weise mit der Frage nach dem Wesen und den Grenzen des autobiographischen Genres.

          Bild: Rowohlt

          Neben diesen Büchern, so könnte man meinen, dürfte es der Gegenwartsroman schwer haben. Aber die Gegenwart fordert ihr Recht auf Aufmerksamkeit mit nicht weniger drastischen Mitteln. Sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen Haß und Gewalt, Blutvergießen und Leid und Elend von Unschuldigen ebenso im Zentrum dieses Bücherherbstes wie die Erinnerungen einer Generation, die lange Zeit glauben durfte, all dies weitgehend hinter sich gelassen zu haben. Der Terror ist in veränderter Gestalt nach Europa zurückgekehrt, und viele Romane dieses Herbstes haben ihn zum Thema.

          Ein Wechsel der Perspektive

          Yasmina Khadra, ein ehemaliger Offizier der algerischen Armee, hat soeben im Gespräch mit dieser Zeitung darauf aufmerksam gemacht, daß Europa den Terrorismus nicht als Importartikel betrachten dürfe (siehe: Interview mit dem algerischen Autor Yasmina Khadra). Die Quellen terroristischer Gewalt sprudeln in Europa nicht anders als in den Vereinigten Staaten oder in der islamischen Welt. In den letzten Jahren hat sich die Literatur vor allem der Opfer angenommen, jetzt ist ein Wechsel der Perspektive zu verzeichnen.

          Im vorigen Jahr hat der junge amerikanische Autor Jonathan Safran Foer ein New Yorker Wunderkind ins Zentrum seines Romans „Extrem laut und unglaublich nah“ gestellt, das seinen Vater beim Anschlag auf das World Trade Center verloren hat. Yasmina Khadras Held ist ein arabischer Chirurg in Israel, der die Opfer eines Attentats operiert, das seine eigene Frau verübt hat. In immer neuen Anläufen kreist der Roman „Die Attentäterin“ (Nagel & Kimche) um die Frage, was eine junge Frau aus geregelten Mittelstandsverhältnissen dazu bewogen haben mag, sich selbst in die Luft zu sprengen, um möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen.

          Blick in zwei Köpfe

          Während Khadra ein Bild der Attentäterin nur aus Erinnerungen und Erzählungen entstehen läßt und die Introspektion verweigert, läßt Christoph Peters uns in seinem neuen Roman „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ (btb) gleich in zwei Köpfe schauen. Sie gehören dem islamistischen Terroristen Jochen „Abdallah“ Sawatzky und dem Botschafter der Bundesrepublik in Kairo, der den deutschen Staatsangehörigen Sawatzky vor der Hinrichtung in Ägypten bewahren soll.

          Der erste Teil des Romans schildert eindrucksvoll die letzten Stunden vor dem Anschlag in Luxor, der für die Terroristen mit einer Katastrophe endet: Sie werden von ägyptischen Sicherheitskräften erwartet, gejagt und zum größten Teil getötet. Sawatzky kommt mit dem Leben davon, ist aber den brutalen Verhörmethoden im ägyptischen Hochsicherheitsgefängnis ausgesetzt. Niemand kann wissen, was im Kopf eines Terroristen vorgeht, der den eigenen Tod vor Augen hat, aber Peters vermittelt uns zumindest eine Vorstellung davon, wie sie eindringlicher und beklemmender kaum sein könnte.

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