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Begegnung mit Otto Dov Kulka : Das Blau über Auschwitz

Otto Dov Kulka Bild: dpa

Seine „Erinnerungen eines staunenden Jungen“ sind ein bemerkenswertes Zeugnis der Inhumanität. Ein Besuch bei dem Holocaust-Überlebenden und Geschwister-Scholl-Preisträger Otto Dov Kulka.

          Auf dem Schreibtisch von Otto Dov Kulka liegen Aufnahmen von Bachs „Goldberg-Variationen“. Diese Musik begleitet seine Arbeit in dem kleinen Studierzimmer am Rand des Campus der Hebräischen Universität in Givat Ram. Der emeritierte Historiker aus Jerusalem gehört zu den wichtigsten israelischen Holocaust-Forschern.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In diesem Jahr erregte Kulka nicht mit einer neuen wissenschaftlichen Monographie Aufsehen, sondern mit einem vergleichsweise schmalen Band, den er gern die „Erinnerungen eines staunenden Jungen“ nennt. Bald kommen sie auf Japanisch heraus; es ist die siebzehnte Sprache, in der das Buch erscheint. Am 18.November erhält Kulka für diese „Landschaften der Metropole des Todes“  in München den Geschwister-Scholl-Preis.

          Einer der letzten Überlebenden

          Nicht mit dem analytischen kühlen Blick eines Wissenschaftlers nähert er sich in seinem Buch Auschwitz, sondern durch die Augen eines verwunderten Zehnjährigen, der 1943 zusammen mit seiner Mutter aus Theresienstadt dorthin deportiert wurde; sein Vater war schon in Auschwitz interniert. Monatelang lebten sie im sogenannten Familienlager – in Sichtweite von Rampe und Krematorium. Dov und sein Vater überlebten, die Mutter kam noch 1945 ums Leben.

          Der 1933 in Mähren geborene Kulka beschreibt sich als Kind, das trotz aller Grausamkeit um es herum nicht verlernt hat, fasziniert zum klaren blauen polnischen Sommerhimmel aufzusehen. Aber das Buch bietet noch viel mehr. „Auschwitz ist die Metropole des Reiches des großen Todes, die Quintessenz und Verwirklichung von politischen Ideen, die den Lauf der Menschheitsgeschichte verhängnisvoll verändern sollten“, sagt Kulka auf die Frage, was er als die weltgeschichtliche Bedeutung dieser Ideologie in seiner Forschung und in seinem jüngsten „außerwissenschaftlichen“ Werk versteht. Für den israelischen Historiker Saul Friedländer ist Kulkas Buch „vielleicht das letzte seiner Art“: Nach Kulkas Generation werde es niemanden mehr geben, der aus Auschwitz aus eigener Erfahrung berichten könne. Als„eines der bemerkenswertesten Zeugnisse für die Inhumanität, die ich kenne“, bezeichnete der britische Historiker Sir Ian Kershaw das Buch.

          Zunächst zweifelte er an der Bedeutsamkeit

          Otto Dov Kulka sträubte sich jahrzehntelang dagegen, seine persönlichen Erinnerungen zu veröffentlichen. „Ich habe den Weg der Wissenschaft eingeschlagen und will beide Ebenen nicht vermischen“, habe er dem mit ihm befreundeten Dichter Gerschon Ben-David gesagt, der ihn aufforderte, auch die eigene Geschichte festzuhalten. Schließlich gab er nach und begann, in langen Monologen auf Tonband aufzunehmen, was er aus Auschwitz im Gedächtnis hatte. „Ich hätte sie sonst nicht aufschreiben können“, glaubt er. Als er die Bänder zum ersten Mal abhörte, fühlte er sich davon so überwältigt, dass er anfangs nicht wusste, ob er überhaupt noch weiterforschen und -leben konnte.

          Lange Zeit war er skeptisch, ob die Erinnerungsfragmente, Träume und mythologisch aufgeladenen Bilder für andere Menschen überhaupt bedeutsam sein würden. Sein Freund Friedländer, der in Frankreich nur knapp dem Holocaust entkam, versuchte ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Doch erst als bei Kulka im Jahr 1998 Krebs diagnostiziert wurde und sein Arzt ihm nur noch wenige Lebensjahre gab, entschloss er sich, aus den Aufnahmen, Auszügen aus seinen Tagebüchern sowie einem wissenschaftlichen Artikel über das Familienlager in Auschwitz sein bislang persönlichstes Buch zusammenzustellen.

          Erschreckende Stimmungsberichte

          Doch Kulka besiegte den Krebs und kehrte zunächst weitere zehn Jahrelang in die Wissenschaft zurück. Zusammen mit Eberhard Jäckel veröffentlichte er die Quellenedition „Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933 –1945“. Die Annäherungen an sein Lebensthema scheinen Zeit zu brauchen. Das war schon in seiner wissenschaftlichen Laufbahn ähnlich: Nachdem er 1949 nach Israel eingewandert war, studierte Kulka zunächst Philosophie.

          Als Professor für die Geschichte des jüdischen Volkes wandte er sich schließlich spät dem Thema zu, für das er lieber den NS-Begriff „Endlösung“ verwendet als „Holocaust“ oder „Schoa“: Das sei die „genaueste Bezeichnung des absoluten Endes“, die die Täter im Sinn gehabt hätten. Die geheimen Stimmungsberichte zeigten, dass die Deutschen der Deportation der Juden in den Osten nicht nur gleichgültig gegenüberstanden, sondern diese „Abschiebung“ befürwortet haben: „Obgleich die Mehrzahl wusste, was mit den ,Abgeschobenen‘ im Osten passiert.“

          Dieses Erinnern ist keine Befreiung

          Kulka hat in west- und ostdeutschen Archiven geforscht und wie sein Vater als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess ausgesagt. Gleichzeitig blieb er aber in seiner eigenen Welt: In Jerusalem nutzte er Archiv und Bibliothek der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, besuchte aber nie deren Ausstellung. Claude Lanzmanns Film „Schoa“ hat er bis heute nicht gesehen. Das einzige Authentische, was er bei solchen Schilderungen empfunden habe, sei eine Entfremdung gewesen. „Ich konnte es nicht mit meinen eigenen unmittelbaren Erinnerungsbildern zusammenbringen. Danach habe ich mich absichtlich dieser Begegnungen enthalten, um meine eigenen Erinnerungsbilder so zu bewahren, wie sie sich meinem Gedächtnis eingeprägt haben.“

          Daran arbeitet er weiter. Sein Büro verlässt er oft erst spät am Abend: „Ich bin noch für dreihundert Jahre ausgelastet.“ Zu Kulkas nächsten Publikationen werden der zweite Band von „Deutsches Judentum unter dem Nationalsozialismus 1939–1945“ gehören und eine Auswahl aus den mehr als 4000 Seiten seiner Tagebücher. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit empfindet er jedoch nicht als Akt der Befreiung. „Das Buch geht seinen eigenen Weg. Für mich bleibt diese verödete Landschaft der Erinnerung immer anwesend. Ich streife im Traum und beim Schreiben weiter durch sie. Sie ist nicht nur eine Kindheitslandschaft, sie ist mein eigenes Heimatland.“ Dann schaltet er die Bach-CD an und wendet sich wieder seinem Computer zu.

          Quelle: F.A.Z.

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