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Basketballroman Thomas, Thomas schreibt ein Buch!

 ·  Ein Autor für die Fanblocks in den Stadien der Literatur: Thomas Pletzingers phänomenaler Basketballroman hat alles, was einen zeitgenössischen Roman auszeichnen sollte.

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© Juliane Henrich Das ist auch eigentlich eine amerikanische Kunst: das kluge, enthusiastische, sportliche Sportbuch zu schreiben. Der deutsche Autor Thomas Pletzinger hat vor Ort viel gelernt. Hier zum Beispiel, neulich, auf Coney Island

Das hier ist eine Geschichte über Pathos und Begeisterung, Melancholie, Verzweiflung, Abschied von der Objektivität und die Möglichkeit eines anderen Lebens. Es ist die Geschichte von einem Mann, der den Basketball liebt und Amerika und einen Dichter namens Stern und einen anderen namens Frisch.

Es ist die Geschichte von Thomas Pletzinger, 37, der mit achtzehn Jahren seine Basketballkarriere in Hagen an den Nagel hängte, mit vierundzwanzig sein Studium der Amerikanistik und Germanistik aufgegeben hat, um in New York bei einem amerikanischen Verlag zu arbeiten, dann bei einer New Yorker Scouting-Agentur und gute amerikanische Schriftsteller entdeckte, jagte und Verlagen empfahl, bevor sie ein anderer fand.

Der dann am Leipziger Literaturinstitut die Möglichkeiten des Schreibens erlernte, und bevor wieder irgendjemand zu laut schreien konnte, dass Schriftstellerei doch bitte schön nichts mit einer Akademie, aber dafür alles mit Notwendigkeit, Verzweiflung, Geistesgegenwart und Liebe zu tun habe, meldete er sich schon, zusammen mit seinem Freund und Kommilitonen Saša Stanišić, hier beim Feuilleton dieser Zeitung, um diese Sache ein für alle mal klarzustellen: „Wir müssen gar nichts“, hatten die beiden ihren Artikel überschrieben und erklärten darin: „Was man an diesen Orten lernt, ist nicht das Schreiben, sondern intellektuelle Aufrichtigkeit gegenüber dem Kunstwerk. Man lernt nicht, wie man schreibt, sondern wie man sein Schreiben besser vorantreiben kann.“

Montauk an der Ostsee

Das war 2006. Zwei Jahre später ist Pletzingers erster Roman erschienen, „Bestattung eines Hundes“, und der war so gut, dass sich die Kritikerin Iris Radisch schon nach den ersten Seiten angewidert abwandte und ihren Leserinnen in der „Zeit“ mitteilte, dieser „Fick- und Bierdosenton“ missfalle ihr gehörig, und sie müsse vor diesem Autor warnen, denn das sei wieder so einer von denen, die nur provozieren wollten und sonst nichts. Klar. Thomas Pletzinger provozierte in seinem ersten Roman zum Beispiel mit einem irren Talent zum Geschichtenerzählen, zum traumsicheren Variieren von Lebensmelodien, provozierte mit Weltkenntnis, Literaturgeschichtskenntnis, Direktheit, Schnelligkeit und Schönheit der Sprache. Die „New York Times“ verglich Pletzinger in ihrer Besprechung von „Funeral for a Dog“ schon mit W.G. Sebald, mit dem Unterschied, dass bei Pletzinger mehr Bier getrunken werde.

Das Buch handelt von einem Journalisten, der am Schreiben zweifelt und am Leben, so wie es läuft. Er heißt Daniel Mandelkern, seine Frau Elisabeth, sie ist seine Chefin. Aber das ist nur ein Teil des Problems. Er soll ein Porträt schreiben, wieder einmal, ein Porträt über den supererfolgreichen Kinderbuchautor Dirk Svensson in 16.000 Zeichen. Aber wie schreibt man über ein Leben, wenn man schon so viele beschrieben hat? Was hat das Schreiben mit der Wirklichkeit zu tun? Gibt es noch andere Möglichkeiten, das Leben zu beschreiben und vor allem - es zu leben? Mandelkern: „Ich schreibe, weil ich immer schreibe, wenn die Dinge kompliziert werden. Ich bin allein. Ich könnte rauchen.“

Er tritt hinaus aus seinem Leben, im Versuch, einen Menschen zu porträtieren, fällt er selbst aus seinem Bild, aus dem Bild, das er sich von sich selber machte, er verliebt sich, erinnert sich, zum Beispiel an seine Hochzeitsreise und an Bücher seines Lebens: „Zum Beispiel: Max Frischs Montauk. Davon habe ich Elisabeth auf unserer Hochzeitsreise nach Kolberg oft genug erzählt (und sie mir). Wir hatten nur ein einziges Wochenende im Sommer und wollten diese Formalität hinter uns bringen. Elisabeth erinnerte mich an Lynn, die Gegend an der Ostsee an Frischs Long Island. Das Reiseziel (Kolberg) war ihre Idee, sie wollte ihre Vergangenheit mit ihrer Zukunft zusammenbringen, sagte sie.“

Der Abschied vom Journalismus

Am Ende steht ein neues Leben, der Abschied vom Journalismus, Abschied von elenden Redaktionskonferenzen, dem ewigen Stillstand, Befreiung aus dem Korsett angeblicher Lesererwartungen, dem Gefängnis der Objektivität und des normierten Schreibens. „Unser Leben ist kein kurzer Artikel, es ist ein Wirbel und kein Strich“, das schreibt er seiner Frau Elisabeth, der er nun, der ewig Schwankende, als selbstbewusster Selbstbefreier, liebend gegenübertritt. Immer noch schwankend, zweifelnd, ein lebendes „Vielleicht“, aber seiner selbst gewiss und beinahe stolz. Geburt eines Schriftstellers. Auch das war dieser Roman.

Darin kam zum Beispiel auch eine Basketballszene vor, ziemlich am Anfang und recht kurz, aber schon da konnte man beim Lesen bemerken, wie genau und euphorisch und kenntnisreich da einer eine schnelle, brutale Sportszene beschreiben kann. Es wurde auch stark geflucht in jener Szene, aber eher nicht, um zu provozieren, sondern weil da nun mal so geflucht wird, auf dem Platz in der Wirklichkeit.

Enthusiastisches Interesse am beschriebenen Gegenstand

Und jetzt hat dieser Thomas Pletzinger also ein ganzes Buch über Basketball geschrieben. Es sieht erstens schon mal phänomenal aus, nämlich wie ein Basketball, mit kleinen Basketballnoppen auf der Oberfläche, so dass es zum Beispiel auch schon sehr kleine Leser begeistert, die vielleicht noch gar nicht richtig lesen können, aber Bücher toll finden und Basketball auch. Es hat auch schon einige Besprechungen gegeben, aber meist im Sportteil der Zeitungen, und wenn es doch mal eine Besprechung im Feuilleton gab, dann in der Sachbuch-Abteilung. Man kann es natürlich so lesen, als Basketball-Fachbuch.

Doch „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ ist ein Roman. Hat alles, was einen zeitgenössischen Roman auszeichnen sollte: ein enthusiastisches Interesse am beschriebenen Gegenstand, an der Gegenwart, an den Möglichkeiten des Erzählens und ein maximales Beteiligtsein des Erzählers an seinen Figuren, ihren Geschichten.

Thomas Pletzinger hat eine Saison lang die Basketballmannschaft von Alba Berlin begleitet. Er war im Trainigslager, fuhr im Mannschaftsbus, war in der Kabine, bei jedem Training. Er ist mit der Zeit Teil der Mannschaft geworden. Vom „Ich“ zum „Wir“, das ging ganz schnell. „Ich habe auf meinem Platz in der Kabine gesessen, ich habe zugesehen, hingehört und mitgeschrieben. Ich habe gegessen, was die Mannschaft gegessen hat, ich habe Stück für Stück meine Objektivität aufgegeben. Ich bin dabeigewesen.“

Die Hölle von Bamberg

Und wie er dabei war. Pletzinger hatte doppeltes Glück: erstens auf eine Mannschaft zu treffen, inklusive Trainer, die von vornherein bereit war, sich diesem Mitschreiber schutzlos, distanzlos auszuliefern; in den dunkelsten, den schönsten, den traurigsten, den intimsten Momenten dieser Saison war Thomas Pletzinger dabei, schaute zu, fotografierte und schrieb mit. Vor allem aber hatte er auch Glück mit dem Verlauf der Saison, die für Alba so dramatisch verlief wie keine zuvor.

Scheinbar dem Spannungsbogen einer Leipziger Schreibschule folgend, waren die Hoffnungen zu Beginn gigantisch, der Absturz in der Mitte beinahe bodenlos und der Aufstieg bis zum letzten Playoff-Spiel am Ende glanzvoll, herrlich, überraschend, um dann, zwei Minuten vor dem allergrößten Glück, doch noch ins Nichts zu stürzen. Also: Der Plot ist etwas zu gut, um gut zu sein, da er aber von der Wirklichkeit beglaubigt ist, ist er natürlich einfach nur großartig.

Am Ende schlurft die geschlagene Mannschaft aus der Halle der Hölle in Bamberg ein letztes Mal zurück in den Mannschaftsbus, die mitgereisten Fans stehen Spalier und singen für jeden Spieler eine persönliche Zeile. Am Ende der Reihe läuft Pletzinger: „,Thomas schreibt ein Buch, Thomas schreibt ein Buch, Thomas, Thomas, Thomas schreibt ein Buch!‘, singen sie. Situation merken, notierte ich, das passiert Schriftstellern eher selten“, fügt Pletzinger im Buch hinzu.

Das Nicht-gegangen-Sein eines Lebenswegs

Ungefähr davon hatte der Schriftsteller Thomas Pletzinger am Anfang geträumt. Denn natürlich ist dieses Jahr und ist dieses Buch für ihn auch die Erfüllung eines großen Traumes gewesen. In Hagen, wo er aufgewachsen ist, waren Basketballer die großartigsten und berühmtesten Menschen, die Superstars der Stadt, die für Sekunden in der Luft schweben konnten und die Zuschauer die Luft anhalten ließen.

Natürlich hat er selbst von einem solchen Leben geträumt. Bis er achtzehn Jahre alt war, spielte er in der Jugend des Bundesligateams von Brandt Hagen. Als er erkannte, dass es für die ganz große Karriere nicht reichen würde, gab er auf. „Es ist die Unerreichbarkeit eines körperlichen Zustands, einer Leichtigkeit, Schnelligkeit, Biegsamkeit. Die Sprungkraft, die vergeht. Es ist das langsame Abhandenkommen dieser Möglichkeiten. Das Nicht-gegangen-Sein eines Lebenswegs. Es ist das Verschwinden der Zeit.“

Er hat  in der deutschen Literatur gefehlt

Das Basketballbuch von Thomas Pletzinger ist auch ein melancholisches Buch im Rausch einer Saison, ein Versuch, ein eigenes Leben zu erzählen, wie es hätte sein können, vielleicht. Es ist ein Buch für Basketball-Fans. Pletzinger liest jetzt fast nur noch in Basketballhallen oder bei Fanclubs. Es ist aber keineswegs ein Buch nur für Experten. Das ist seine große Kunst. Das Buch nimmt auch den totalen Laien ernst und bei der Hand; ohne pädagogisch zu sein, teilt es den Kern des Basketballs, den Kern des Sportlerlebens mit.

Es ist ein weises Buch, das unglaubliche Geschichten über enthusiastische Menschen erzählt, die ihr Leben einer Sache verschrieben haben. Es ist ein sportliches Buch in dem Sinne, dass es auch dem miesesten Fan der miesesten gegnerischen Mannschaft phänomenal menschlich gerecht wird. So dass zum Beispiel ein echter Miesling, wie etwa ein tollwütiger Versicherungsvertreter aus Bamberg, dem Autor inzwischen mitteilen ließ, er habe das Buch jetzt schon zwei Mal gelesen. Das Buch sei toll, und er selbst, er wolle sich und sein Fanverhalten jetzt grundlegend ändern.

So. Und wer zum Beispiel auch noch das andere Buch gelesen hat, das Pletzinger zwischen Debüt und Basketball-Roman veröffentlicht hat, den Gedichtband „Alles brennt“ des beinahe neunzigjährigen Amerikaners Gerald Stein, dessen Gedichte Pletzinger übersetzte und in diesem Band versammelte; und wer darin das Nachwort Pletzingers gelesen hat, das Nachwort eines atemlosen Fans, eines begeisterten Lesers und eines in allen Lebenslagen sportlichen Menschen, der weiß, dass uns und der deutschen Literatur dieser Autor wirklich gefehlt hat.

Thomas Pletzinger: „Gentlemen. Wir leben am Abgrund“. Kiepenheuer und Witsch, 362 Seiten, 14,99 Euro

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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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