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Bachmann-Preis Uwe Tellkamp: Der Intensivautor

28.06.2004 ·  Uwe Tellkamp, der Sieger beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb, ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Arzt - und vergleicht seine literarische Produktion mit dem Bereitschaftsdienst eines Unfallchirurgen.

Von Richard Kämmerlings
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Als die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises am Sonntag Uwe Tellkamp zum Gewinner kürte, verbeugte er sich zum Publikum, riß kurz die Faust in die Höhe und lief dann gleich zu seiner Frau im hinteren Teil des Saals. Mehrfach betonte er sein Glück, eine Partnerin gefunden zu haben, die die enormen Belastungen einer Schriftstellerexistenz aushalte.

Denn er schreibe während rauschartiger, hochkonzentrierter Zustände, die er mit dem Bereitschaftsdienst eines Unfallchirurgen verglich: In seiner "anderen Profession" arbeitet der in München lebende Schriftsteller als Arzt; gerade macht er seine chirurgische Facharztausbildung. Das ist eine Kombination, die in der deutschen Literatur, wo sich Jungautoren gern mit Jobs als DJ, Totengräber oder Packer brüsten, selten ist. Diese irritierende geistige Universalität, die sich auch in einem fast altmodisch korrekten Habitus ausdrückt, dürfte das Erbe eines Bildungsbürgertums sein, das sich in den Nischen der DDR stärker erhalten hat als in der Bundesrepublik.

In der DDR in Haft

Tellkamp wurde 1968 in Dresden geboren; er gehört zu jener Generation, die die Wende 1989 in der alles entscheidenden Lebensphase prägte. In der Spätphase der DDR leistete er seinen Wehrdienst als Panzerkommandant in der NVA. Wegen "politischer Diversantentätigkeit" - er hatte Anfang Oktober '89 den Befehl verweigert, gegen Demonstranten vorzugehen, unter denen er seinen Bruder wußte - saß er in Haft, und der Medizin-Studienplatz wurde ihm entzogen. Das Studium holte er nach und folgte parallel seiner schriftstellerischen Berufung.

Als Lyriker ist er Kennern schon länger ein Begriff - in der letztjährigen Dumont-Anthologie "Lyrik von jetzt" finden sich herausragende Gedichte, die auf Tauchgang in die tarngrün und zellengrau schimmernde DDR-Vergangenheit gehen -, 2000 erschien sein (inzwischen vergriffener) Debütroman "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café".

Selten so einig

Und nun, hochverdient, erhält er den wichtigsten Nachwuchspreis: Selten war sich die Jury so einig wie bei seinem von Ilma Rakusa vorgeschlagenen Text. Zugleich wurde die Meinung widerlegt, daß man Romanauszüge schlecht beurteilen könne - bei wirklich großen Talenten teilt sich die Qualität in jedem Ausschnitt mit.

Was er aus seinem Projekt "Der Schlaf in den Uhren" vortrug, hatte große Intensität und verriet einen eminenten Ausdruckswillen: Die in rhapsodischen Tonfall geschilderte Tramfahrt durch Dresden führt durch die Tunnel der Erinnerung und beschwor die DDR wie ein sagenhaftes Atlantis in aller Sinnlichkeit herauf. Der Nominalismus der Ost-Popliteratur mit seinem oft nostalgischen Detailfetischismus wird hier aufgehoben in einer Reflexion über Zeit und Erinnerung, die an die französische Moderne, an Proust, Leiris, Simon, erinnert.

Voraussichtlich im kommenden Frühjahr wird aber zunächst ein anderer Roman, "Der Eisvogel", erscheinen, aus dem eine Kostprobe in der jüngsten Nummer der Literaturzeitschrift "edit" zu finden ist: Erzählt wird vom Sohn eines Bankdirektors als modernem Taugenichts, und damit nimmt Tellkamp eine Forderung auf, die er in Klagenfurt am Rande an die Gegenwartsliteratur stellte: Balzacs Durchdringung der verschiedenen gesellschaftlichen Sphären unter den Bedingungen der Gegenwart neu anzugehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2004, Nr. 148 / Seite 42
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