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Bachmann-Preis Unsere Leichen leben doch!

24.06.2004 ·  So wie er ist, hat der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, der am Mittwoch abend begonnen hat, keine Zukunft mehr: Vorschläge zur Güte, wie er wieder der wichtigste deutsche Literaturwettbewerb werden könnte.

Von Volker Weidermann
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Klagenfurt wird wieder herrlich! Das erste Bad im Wörthersee. Die Sonne, die hier immer scheint. Der Empfang am ersten Abend, vor dem neonbeleuchteten Eingangsfoyer der ORF-Studios, in denen am nächsten Tag der Wettbewerb beginnen wird.

Ulrich Greiner wird am ersten Stehtisch stehen, schon mit der grauen Bachmann-Preistasche über die Schulter gehängt, im kritischen Gespräch mit kritischen Lektoren. Hubert Winkels wird vor seinem Hotel sitzen und sagen, es sei naturgemäß schauerlich in Klagenfurt, aber er sei eben von Anfang an dabei. Überhaupt alle klagen augenblicklich über das schlechte Niveau in diesem Jahr und daß es letztes Jahr wesentlich besser war.

Vierzig Obstbrände

Dann kommt der Empfang beim Bürgermeister, der späte, sehr späte Abend beim hier ansässigen Philosophieprofessor Josef Mitterer, dem sogenannten Schnapsprofessor, bei dem Schriftsteller und Kritiker in der Nacht gemeinsam die erstaunlichsten vierzig Obstbrände Kärntens durchprobieren und die Feuilleton-Debatten der kommenden Jahre planen. Dann der Abend im Gartenlokal Loretta, wo man in der untergehenden Sonne über dem See sitzt und schaut und redet, Barsch ißt und Wein aus sehr großen Krügen zu Phantasiepreisen trinkt, die später niemand bezahlen will.

So wird es wieder werden. Und es wird wieder schrecklich werden.

Weil das Leben da draußen, drinnen im dunklen Lesesaal, wo der eigentliche Wettbewerb stattfindet, keine Entsprechung findet. Der einstmals so glänzend erdachte Lesewettstreit ist unbemerkt in den letzten Jahren eingetrocknet. Verlorengegangen. Gestorben. Letztes Jahr forderten wir deswegen seine Abschaffung.

So wie er ist, hat der Bachmann-Wettbewerb keine Zukunft mehr. Als Ort des Aufbruchs erdacht, ist er zu einem Ort der Beharrung geworden, um den all das, was sich in den letzten zehn Jahren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ereignet hat, einen großen Bogen machte. Und auch alles, was in diesen Jahren an Lebendigkeit entstand, auf den großen, publikumsbegeisternden Literaturfestivals des Landes, davon ist hier auch nichts zu spüren. Nur Ängstlichkeit. Beharrung. Verbissenheit. Verteidigung.

Was sich ändern muß:

- Er muß wieder zu einem Wettbewerb der Besten werden. Der besten unveröffentlichten Manuskripte. Der besten Autoren. Nicht nur ein Nachwuchswettbewerb.

- Auch in der Jury müssen die Besten sitzen. Die fernseherprobten, lustvollen Kritikpersonen: Denis Scheck muß unbedingt zurückgewonnen werden! Und: Elke Heidenreich! Dirk Schümer! Außerdem so glänzend Urteilende wie Burkhard Spinnen, Ursula März, die auch jetzt schon in der Jury sitzen, und Thomas Hettche. Der Jury-Vorsitz sollte eher nicht in den Händen einer Kritikerin liegen, die die gesamte deutsche Gegenwartsliteratur erbärmlich findet. Ein kleines bißchen Begeisterungsbereitschaft ist unbedingt hilfreich.

- Das Fernsehen muß den Wettbewerb inszenieren. Richtig inszenieren. Für Zuschauer! Nicht jeder im Porträt vorgestellte Schriftsteller muß sich hinter Regenglasscheiben und bei Klaviermusik am Schreibtisch präsentieren. Nein, muß nicht. Man könnte da Unterschiede machen. Man muß.

- Jedes Jury-Mitglied hat nur einen einzigen Kandidaten. Für den wird dann aber auch anständig gekämpft! Mit Überzeugung! Einen Kandidaten pro Jahr und Jury-Mitglied zu finden ist eine Kleinigkeit. Und Schluß mit dem Kungelquatsch hinter den Kulissen!

- Es wird überhaupt nur ein einziger Preis vergeben. Der Bachmann-Preis. Daß heute jeder zweite noch irgendeinen Nebenpreis bekommt, verzerrt das Ganze und führt ganz automatisch zu Kungeleien.

- Statt der ganzen Nebenpreise erhält jeder Schriftsteller ein Antrittsgeld.

- Es darf keinen Länderproporz für die Auswahl der Kandidaten geben.

- Es darf überhaupt keinen Proporz geben.

- Die Jury kennt die Texte der anderen Kandidaten vorher nicht. So kommt es nicht zur Verlesung langweiliger, vorbereiteter Statements. Sondern zu lebendigem, spontanem Streit.

- Der Star ist der Schriftsteller. Nicht die Jury.

- Der Autor darf, ja muß sich wehren gegen allzu dreiste Kritik. Wer eine halbe Stunde lang von der neben ihm sitzenden Kritikerin oder dem Kritiker unsachlich attackiert wird, muß die Kritikerin oder den Kritiker kritisieren dürfen.

So kann Klagenfurt wieder der wichtigste deutsche Literaturwettbewerb werden, der er einst war. Zu dem Autoren, Kritiker, Berichterstatter, Beobachter und Freunde guter Literatur mit Begeisterung anreisen. Im Wörthersee schwimmen. Mit dem Schnapsprofessor debattieren. Und interessante, lebendige, gute Lesungen hören.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.06.2004, Nr. 25 / Seite 25
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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