02.07.2007 · Juroren im Glücksrausch, komische literarische Poser und etliche falsche Konjunktive: Das alles bot der diesjährige Bachmann-Wettbewerb. Der Autoren-Jahrgang war ein guter, und der Sieger gewann völlig verdient.
Von Edo Reents, KlagenfurtDie geistige Sollbruchstelle lag bei PeterLicht. Der Popmusiker und Autor mit dem seltsam geschriebenen Pseudonym hatte am Ende des zweiten Tages der 31. Tage der deutschsprachigen Literatur einen Text vorgelesen, der bei sechs Juroren eine sich fast schon anbiedernde Begeisterung auslöste und von den übrigen dreien mit demonstrativem, kaltem Schweigen quittiert wurde - eigentlich ein Fall von Arbeitsverweigerung. Lichts süffiger Monolog bediente ein offenbar lang angestautes Lachbedürfnis, verleitete den ansonsten zurechnungsfähigen Juror Klaus Nüchtern aber auch zu dem Urteil, hier habe man nun wirklich „grandiose Literatur“ gehört. Fragen nach dem Haltbarkeitsdatum gingen im Gelächter unter.
Und dann kam am Sonntagmittag die Bescherung: PeterLicht räumte ab und gewann den 3-Sat- (also den dritten Preis) sowie den Kelag-Publikumspreis - macht insgesamt 12.500 Euro für ein zwar komisches, aber auch etwas windiges literarisches Posertum. Kein Wunder, dass die Jury-Vorsitzende Iris Radisch hinterher nicht mehr wusste, was sie sagen sollte, denn sie hatte PeterLicht eingeladen, und das durfte bereits vorab als Statement gewertet werden: Schon wieder so ein schwer einzuschätzender Pfiffikus, der den Laden unterwandert wie vergangenes Jahr Kathrin Passig? Radisch jedenfalls kam sich vor wie im „Glücksrausch“ und bemühte in ihrer Laudatio Karl Valentin, wobei sich der Juror Karl Corino die Gelegenheit nicht entgehen ließ, ihre Aussprache zu verbessern, denn Radisch hatte „Walentin“ gesagt. Es stimmte ja noch nicht einmal, dass Licht in seine Erzählung „das ganze Normalgequatsche“ unserer Gegenwart hineingepackt hatte; das ließ sich eher von den wie ausgedacht wirkenden Schlussvoten mancher Juroren sagen, die die ohnehin umständliche Prozedur der Preisvergabe noch um einiges quälender machten.
Durchsichtiger Anspruch
PeterLicht löste schon mit dem Titel seiner Erzählung den an sich nicht unsympathischen, auf die Dauer aber doch etwas durchsichtigen Anspruch einer Generation ein, die zur Jahrhundertwende ihre Autorschaft entdeckt oder entwickelt hat und sich zwischen Selbstironie und dem Hang zur epochalen Äußerung nicht recht entscheiden kann: „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“. Entsprechend verortet er sein Geburtsdatum irgendwo „im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts“, ließ sich, in koketter Kamerascheu, beim Vorlesen nur von hinten abfilmen und nahm seine Preise dann natürlich auch nicht persönlich entgegen. Dass Klagenfurt das mitmachte, spricht für eine Generosität, die man in Fällen, wo sie angemessener gewesen wäre, vermissen ließ.
Gegen die Entscheidung für den Siegertext ist jedoch nichts zu sagen. Lutz Seiler setzte sich mit „Turksib“, einer literarisch anspruchsvollen, stilistisch makellosen Geschichte über einen DDR-Bürger, der mit der Eisenbahn durch die radioaktiv verseuchte sowjetische Steppe fährt, erwartungsgemäß und ungehindert durch. Seiler gehört zu den fast schon altmodischen Autoren, die die Beschreibbarkeit äußerer Wirklichkeit als Herausforderung begreifen und mit nobler Sorgfalt bestehen. Diese Hommage an Heines Loreley-Lied war unschlagbar und brachte dem 1963 in Gera Geborenen den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis ein. Es lebe die geschmacksbildende Kraft der Lyrik, mit der Seiler bekannt wurde.
Das kann Hollywood besser
Die hätte man auch Silke Scheuermann unterstellen mögen. Aber als man dann einen Einstieg zu hören bekam wie „Der Tag pumpte sich ein letztes Mal auf und schickte Sonne und Energie“, fragte man sich, ob Ingeborg Bachmann für so etwas gestorben ist. Das kann Hollywood jedenfalls besser: Herbert Ross ließ in seiner Filmkomödie „Die Eule und das Kätzchen“ den Schriftsteller-Darsteller George Segal von einer Sonne faseln, die den Tag ausspuckt, um sich von Barbra Streisand belehren zu lassen, dass die Sonne so etwas einfach nicht tut. Scheuermann musste denn auch einiges einstecken, brach anschließend in Tränen aus und blieb der Preisvergabe fern.
Den Österreicher Thomas Stangl trugen die Vorschusslorbeeren dagegen hoch hinaus: Der zweite Platz, der mit zehntausend Euro dotierte Telekom-Preis, für eine syntaktisch reizvolle, aber etwas krause und beliebige Fluchtphantasie eines Außenseiters durch Wien gehörte zu den Juryfehlgriffen, die sich zum Skandal ausweiteten, als Jochen Schmidt in den Stichwahlen von Platz zwei an, den er mindestens verdient gehabt hätte, einfach durchgereicht wurde und leer ausging. „Abschied aus einer Umlaufbahn“ ist die Geschichte eines Kosmonauten von überlegener Intelligenz, der im Weltraum Selbstmord begeht: ein ungeheuer gehaltvolles Prosastück, mehr Essay als Erzählung. „Der Zwang, richtig zu schreiben, erweist sich als erstaunlich stark“, heißt es darin. Für den Zwang der Jury, sich und vor allem den Autor nach gehabtem Vergnügen, das Schmidt ihr bereitete, zu bestrafen, galt das offenbar auch. Klaus Nüchtern sprach von den „Selbstbestrafungsritualen“, die sich auch sonst einstellten, wenn den Juroren ihre eigene Begeisterung über einen Text, an dem es nichts auszusetzen gab, verdächtig vorkam. Er hätte eben die Peter-Licht-Euphorie nicht gar so kräftig anheizen sollen, dann wäre für Schmidt schon noch etwas übriggeblieben.
Falsche Konjunktive und Subjektanschlüsse
Es war kein Zufall, dass gerade den gelungenen Texten irgendwann, wenn alle Argumente ausgetauscht waren, ein typischer Vorwurf gemacht wurde: Man sprach von „Solipsismus“ und meinte oft nur, dass ein Text „perfekt gebaut“ ist und „zu glatt aufgeht“. Abgesehen davon, dass man diese Erkenntnismühen lieber auf all die falschen Konjunktive und Subjektanschlüsse hätte verwenden sollen, mit denen man es auch dieses Jahr zu tun hatte, darf man darauf hinweisen, dass Solipsismus eine erkenntnistheoretische Frage ist, in der Literatur aber ein Scheinproblem: Jede Erzählerperspektive - und eine Literatur, die darauf verzichten könnte, gibt es bisher nicht - ist solipsistisch, sie kennt nur sich, außer ihrer eigenen Imagination dringt nichts zu ihr hinein.
Zum Glück schenkte man sich die öde Debatte, wie viel Leben, wie viel Welt denn im diesjährigen Jahrgang steckte. Jan Böttcher, wie Peter Licht Popmusiker, bekam den Ernst-Willner-Preis für „Freundwärts“, eine anrührend herbe, schlackenlose Drei-Generationen-Saga aus dem Elbland nach der Wende.
Ein guter Jahrgang
Was die achtzehn Autoren betrifft, so war es, nach beängstigendem Beginn und einigen Ausreißern zwischendurch, ein guter Jahrgang. Von den neun Juroren lässt sich das nicht durchweg sagen. Iris Radisch füllte ihre Rolle geradezu raumgreifend aus und streute im Eifer des Gefechts manches Plakativ-Unüberlegte ein. Als der Neuling Ijoma Mangold von der „Süddeutschen Zeitung“, der seine Sache gut machte, ihr untersagte, andauernd von Kleinbürger-Klischees zu reden, die doch nur der Selbstüberhebung dienten, reckte sie die Faust und sagte, sie sei einfach immer „auf der Seite der Kunst und der Literatur“. Dort stand meistens auch der zweite Debütant, André Vladimir Heiz, den vorher fast niemand kannte. Mit großer, geradezu Mynheer-Peeperkornhafter Geste, weit ausgreifende Sprechblasen absondernd, ergriff er durchweg Partei für alles, ein verwirrendes, aber nie unsympathisches und unbedingt belebendes Element.
Den Rest der Mannschaft kennt man. Mitunter kamen persönliche Animositäten ans Licht, die den Rahmen der üblichen pointensüchtigen Frozzelei verließen. Man sollte sie nicht überbewerten: Sind sich die Juroren allzu einig oder grün, dann ist es auch nicht recht. Ein Lacher noch am Rande: Ein Frankfurter Verleger wurde in einem Lokalblatt als „Suhrkamp-Spross Michael Unseld“ geführt. Der biss die Zähne zusammen und erwies sich nachts als feurig-ausdauernder Disco-Tänzer.
Daily Error: Belehren
Jonas Hesselbrinck (Daily-Error.de)
- 03.07.2007, 15:10 Uhr