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Axel Scheffler im Bilderbuchmuseum : Der hinterhältige Populist

Nicht immer so knuffig, wie wir es kennen: das Grüffelo im Skizzenstadium Bild: Axel Scheffler

Die Bilderbuchmuseum hat aus den Atelierschubladen dieses Künstlers eine Fülle überraschender Wieder- und Neuentdeckungen hervorgezogen: In Troisdorf wird das großartige Werk von Axel Scheffler gezeigt.

          Meine Güte, sitzt diesem Mann sein Erfolg im Nacken! Auf den Zeichnungen für Faxbriefe (so etwas gab es in den neunziger Jahren noch), mit denen Axel Scheffler von seinem Wohnort London aus Kontakt mit deutschen Illustratorenfreunden hielt, sieht man den Künstler zu allen Tageszeiten, und immer ist der Grüffelo dabei: am Schreibtisch, in der Küche, selbst im Bett. „Ich werd’ des Lebens nicht mehr froh . . . / Denn mich bedrückt ein Gruffalo“, reimte Scheffler dazu.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die englische Schreibweise seines Monsters beweist, dass dieser Faxbrief noch vor der deutschen Übersetzung aus dem Jahr 2002 entstand, mutmaßlich 1998, als Scheffler gerade dabei war, das gereimte Manuskript der schottischen Schriftstellerin Julia Donaldson zu illustrieren. Hätte er da geahnt, wie viele Grüffelos in seinem Leben noch folgen sollten, wäre die Klage wohl lautstärker geführt worden.

          Wohl der weltweit populärste lebende deutsche Künstler

          An diesem Sonntag war wieder so ein Grüffelo-Tag: In Troisdorf eröffnete das dortige Bilderbuchmuseum eine Ausstellung zu Axel Schefflers Werk, und der Zeichner persönlich war angereist, um seine beliebteste Figur in Wort, Bild und auch Tat dem unersättlichen Publikum vorzuführen. Das Bekannteste ist paradoxerweise ja das, was man immer wieder sehen will, und so gibt es längst Fortsetzungen zum ersten „Grüffelo“-Buch, eine Trickverfilmung, die für den Oscar nominiert war, und zahllose Grüffelos auf Produkten aller Art - und das Ganze beruht auf den Zeichnungen eines 1957 in Hamburg geborenen und seit 1984 in England lebenden, stillen Illustrators, der sich permanent fragt, ob Ruhm so viel Unbeweglichkeit lohnt: Immer nur Grüffelo, das macht zwar den Lesern Spaß, aber nicht dem Zeichner.

          Doch dann schreitet man die Ausstellung ab, und die Augen gehen einem über. Es ist die erste große Präsentation des Werks von Axel Scheffler in Deutschland; mehr als dreihundert Bilder sind zu sehen. Wer glaubt, das sei viel, der sollte die Schau besuchen, und danach dürfte das Bedauern groß sein, dass nicht noch mehr ausgestellt ist. Im Erdgeschoss des Museums findet man Illustrationen aus den Bilderbüchern, die Scheffler seit 1992 gezeichnet hat: von „He Duda“ bis zum gerade erschienenen „Räuber Ratte“. Natürlich ist auch der Grüffelo dabei, jenes unheimliche Waldwesen, das von einer schlauen Maus ausgetrickst wird. Allein in englischer Sprache hat sich dieses Buch mehr als fünf Millionen Mal verkauft. Scheffler dürfte damit der weltweit populärste lebende deutsche Künstler sein.

          Seine Leuchtkraft macht ihn so ergiebig

          Wie verdient das ist, zeigt sich im Obergeschoss der Ausstellung. Die Troisdorfer Museumsdirektorin Maria Linssmann hat tief in Schefflers Londoner Atelierschubladen wühlen dürfen und dabei eine Fülle überraschender Wieder- und Neuentdeckungen gemacht: freie Skizzen, abgebrochene Projekte, selbst zwei Radierungen des Grafikstudenten. Oder die Zeichnungen zu „Über das Halten von Eichhörnchen“, einem Zyklus, den Scheffler zum Text eines alten Nachschlagewerks angefertigt hat: „How to Keep a Pet Squirrel“. In einer Vitrine liegt das kleine Skizzenbuch, das den Keim dieses Projekts darstellte. Im Jahr 2002 zeichnete Scheffler dann eine erste Buchversion in Buntstift, und 2009 fertigte er für eine Neuausgabe alle Zeichnungen noch einmal neu an - diesmal mit seinem unverwechselbaren Kolorit, das er mittels einer Mischtechnik aus Bleistift- und Wasserfarben erzeugt und abschließend mit Tuschestift noch einmal nachkonturiert.

          Scheffler malt meist in dem Format, das später auch die gedruckte Version haben wird - und er liebt Vignetten. Was dann also in winzigen Tableaus etwa zu einer bislang noch nicht auf Deutsch erschienenen Bilderbuchversion von „Mother Goose’s Nursery Rhymes“ vor einem hängt, das erinnert nicht nur im Format, sondern auch in Farbintensität wie -subtilität an die Bilder illuminierter Handschriften. Der Begriff passt auch deshalb, weil Scheffler die Zeichnungen buchstäblich erstrahlen lässt, seine Leuchtkraft macht ihn so ergiebig: In den minutiös gestalteten Sonnenuntergängen, Sternennächten in der Wüste oder ungepflasterten Hofböden steckt ein solches Farbspektrum, dass jedes Druckverfahren überfordert sein muss. Wie sollte man etwa das blassgelbe, sich auflösende Streulicht einer Laterne reproduzieren, das Scheffler wie einen Schemen anzulegen weiß?

          Das ist das Ende des Grüffelo

          All das wirkt durch die Niedlichkeit der Figuren und die oberflächlich kunterbunte Farbenpracht, die sich erst unter der Lupe als meisterhafte Abstufung unzähliger Schattierungen erweist, eher wie naive Malerei. Das macht Scheffler bei Kindern so beliebt. Doch er ist ein hinterhältiger Populist, weil er dem unschuldigen Betrachter ein schleichendes Qualitätsbewusstsein vermittelt. Wer diese Bücher liest, lernt sehen.

          Und „Der Grüffelo“? Nun, auch das ist ein höchst geschickt inszeniertes Bilderbuch. Aber in einer Vitrine liegt noch eine Zeichnung, auf der die schlaue Maus auf einem abgenagten Grüffelo-Skelett sitzt. Da zeigen sich die zwei Herzen des Axel Scheffler für seine beliebteste Kreatur auf witzigste Weise: Sie ernährt ihn, und manchmal wünscht er sich wohl doch ein Ende.

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