Ein schriftstellernder Physiker schreibt: „Es mag subjektiv sein, aber ich habe mich nie größer gefühlt als bei der Geburt meiner Kinder.“ Gibt es eine Notwendigkeit für eine solche Mitteilung, die man so oder ähnlich bestimmt schon hundertmal gehört hat? Eine Journalistin schreibt: „Mich interessiert nicht, warum ich homosexuell bin, ob mein Begehren als genetisch vorgegeben oder sozial konditioniert gilt.“ Wenn es die Autorin schon nicht interessiert, warum sollte es die Leser interessieren?
Woher kommt dieser Hang zum Ich-Sagen? Das erste Zitat stammt aus dem Buch von Ralf Bönt „Das entehrte Geschlecht - Ein notwendiges Manifest für den Mann“ (Pantheon Verlag); das zweite aus Carolin Emckes „Wie wir begehren“ (S. Fischer Verlag), ein, so könnte man ergänzen, offenbar auch notwendiges Manifest der eigenen Homosexualität, das für den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, der an diesem Donnerstag vergeben wird.
Es ist also, wie Bönts Manifest, ein Sachbuch. Und das ist das Problem. Denn es sind beides Bücher, die in der Ich-Form geschrieben sind, „belletristische Sachbücher“, wie ein Kritiker eine Gattung treffend nannte, die es inzwischen zu prächtiger Blüte gebracht hat. Bis vor kurzem standen dabei Themen wie Krankheit und Familie hoch im Kurs; man denke an „Havemann“ von Florian Havemann, „Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe“ von Eberhard Rathgeb, „Demenz. Abschied von meinem Vater“ von Tilman Jens, „Der Tod meiner Mutter“ von Georg Diez und „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger - Bücher, in denen entweder scharf abgerechnet oder eine bemerkenswerte Skrupulosität im Hinblick auf die Legitimität des Vorhabens ausgestellt wurde, die dann aber doch niemanden davon abhielt, Belange von einer Intimität preiszugeben, die in datenschutzversessenen Zeiten erstaunlich ist.
Die Folgen für die Kritik sind nicht zu unterschätzen
Jetzt scheint man es für opportun zu halten, sich der eigenen Sexualität beziehungsweise der geschlechtlichen Rolle zu versichern, als ginge dies die Öffentlichkeit ebenfalls etwas an. Die Ich-Form markiert dabei einen persönlichen Bekenntnischarakter, hinter dem aber ganz unverkennbar der Anspruch steht, darüber hinaus etwas über diese Gesellschaft mitzuteilen, das soziologisch stichhaltig ist. Dafür wird diese Gesellschaft von Emcke wie von Bönt als nur scheinbar aufgeklärte kritisiert. Es handelt sich also um eine Art Sexual-Nachhilfe. Wenn es erlaubt ist, beide Bücher inhaltlich verkürzt wiederzugeben, so laufen sie auf Befunde hinaus, die angesichts des rhetorischen Aufwands eigentümlich banal wirken, aber endlos wiederholt werden: Es wird zu wenig über Homosexualität gesprochen (Emcke), Männer haben es schwer (Bönt).
Über so etwas kann man diskutieren und durchaus auch Bücher schreiben. Die Frage ist nur, ob die gewählte Perspektive dabei hilfreich und, in einem intellektuellen Sinne, redlich ist oder ob nicht vielmehr die Ich-Form den Leser gewissermaßen moralisch in Haftung nimmt. Der Belletristik-Leser interessiert sich in der Regel nicht nur für den Stoff, sondern auch für die Form; der Leser eines Sachbuchs aber hat angesichts realer, sehr persönlicher Begebenheiten Hemmungen zu fragen, ob deren Schilderung ästhetisch gelungen ist. Die Folgen, die das für eine unter Beißhemmungen leidende Kritik hat, die ihre Einwände manchmal vielleicht aus Pietät unterdrückt, darf man nicht unterschätzen.
Der Leser wird moralisch haftbar gemacht
Ein alter Vorwurf an die Literaturkritik lautet, dass sie sich oft darin erschöpft, Inhalte nachzuerzählen. Rezensenten belletristischer Sachbücher neigen noch stärker dazu, sich rein am Stoff zu orientieren, und machen sich das Anliegen des Autors dabei oft sogar zu eigen. Es ist eine Illusion, aber man darf von jedem Buchautor erwarten, dass er sein Material sprachlich ansprechend präsentiert und Wert auf gedankliche Stringenz legt, sonst nimmt man ihn nicht ernst. Das fällt hier oft schwer. Bönt plaudert Familiäres aus und versucht sich an dilettantischen, haarsträubenden Deutungen Rousseaus, Simone de Beauvoirs und Alice Schwarzers - und wozu? Um zu zeigen, dass der Mann in den feministischen Debatten, von denen angeblich keine einzige das Wohl der Frau befördert hat, übersehen, ja, irgendwie sogar unterdrückt wurde.
Carolin Emcke berichtet, ebenfalls keinem erkennbaren Ordnungsprinzip verpflichtet, von Schulerlebnissen, Reporterreisen in den Nahen Osten, „Bravo“-Lektüre und Fummeleien - und wozu? Um zu zeigen, wie sie ihr „Begehren“ und das Bedürfnis entdeckt hat, sich in Frauen, so die stehende Formulierung, „hineinzulieben“. Die moralische Haftung des Lesers wird noch dadurch verschärft, dass leitmotivisch der Selbstmord des mutmaßlich homosexuellen Mitschülers Daniel eingewoben ist, über dessen Motive Emcke nichts weiß, dessen Schicksal ihr aber als Beleg dafür dient, dass das Milieu mit ihm so rücksichtslos umgegangen sei. Das wäre schlimm genug. Aber was ist, wenn er sich aus ganz anderen Gründen umgebracht hat?
Die beschränkte Perspektive ignoriert das Diskretionsgebot
In Zeiten, in denen aus zufälligen Beobachtungen wie etwa der von Vätern auf Spielplätzen irgendwo in Prenzlauer Berg oder absolut normalen Vorgängen wie der Geburt eines Kindes schon Buchprojekte entstehen, ist es ein altmodisches Kriterium; aber man darf vielleicht doch an so etwas wie literarische Satisfaktionsfähigkeit erinnern. Um einen vielleicht zu strengen Maßstab zu formulieren: Autoren sollten entweder Außerordentliches erlebt haben, das nur ihnen zugänglich ist, oder vorher schon als Künstler in Erscheinung getreten sein, so dass irgendwann auch ihre persönlichen Belange interessant werden, wobei eine Prise Selbstironie nicht schaden könnte. Abgesehen davon, böte eine Fiktionalisierung eher die Möglichkeit, zu originellen oder zumindest abweichenden Meinungen durchzudringen.
Schließlich kommt noch etwas hinzu: das Diskretionsgebot. Kaum ein Schriftsteller kommt darum herum, seine Umgebung, oft sogar seine Nächsten literarisch auszubeuten. Es ist merkwürdig, dass belletristische Sachbücher, die ihr Personal in der Regel weniger literarisch verfremden als Romane, in einer Zeit so erfolgreich sind, der die Klagen gegen Schlüsselromane noch in den Knochen stecken. Beschwert sich denn nie einer der Dar- und oft auch Bloßgestellten? Manche, wie Walter Jens oder Arno Geigers ebenfalls dementer Vater, können sich freilich nicht dagegen wehren.
Statt zur Beschränktheit ihrer Perspektive, die in Rezensionen gerne „radikal subjektiv“ genannt wird, zu stehen, erheben die Autoren mit essayistischen Passagen, die eine große These nicht scheuen, den Anspruch, etwas Allgemeingültiges auszusagen und das eigene Ich als eine repräsentative Größe zu setzen. Das ist ein klassisches Motiv der Romanliteratur und, wenn es funktionieren soll, an Sprachgewalt gebunden. Während Bönt aber immer wieder unfreiwillig komisch wird - „Es lohnt sich, der Vagina eingehende Aufmerksamkeit zu schenken“ -, gleitet Carolin Emcke gelegentlich in den Sozialkitsch und einen softpornographischen Duktus ab, den man einer weniger renommierten Journalistin wohl kaum durchgehen ließe: „und doch schien eine Verwundbarkeit durch, der Schmerz von etwas, das sich nicht benennen ließ, das aber nicht zu leugnen war, ihn umgab so eine Aura von Exil“ oder: „überließ ich mich mehr dem willenlosen Wollen, dem Begehren als dieser Kraft, die alles verschlingt“. Man hat den Verdacht, dass solche Themen einfach nicht abendfüllend sind.
Mit Emphase, aber leider unaufgeräumt
Es ist eben doch alles eine Frage der Fallhöhe. Große Autoren haben sich über das Ich Gedanken gemacht, die für die Mehrheit wenig schmeichelhaft waren. Gottfried Benn nannte das Ich einen „Bluff für den Mittelstand“, Goethe bezeichnete in großartiger Naivität die Liebe zu sich selbst als Voraussetzung autobiographischer Befassung, und was Adorno über die meisten Menschen, die „ich“ sagen, dachte, ist ebenfalls bekannt.
Andreas Maier hat seine Frankfurter Poetikvorlesung unter dem Titel „Ich“ veröffentlicht, ein hochdifferenziertes Selbstgespräch mit ebenfalls elitären Zügen, aus dem man über Literatur und Autorschaft sehr viel lernen kann: „Wenn ich heute die Literatur um mich herum lese, lese ich interessante Gespräche intelligenter Leute über ausgefallene Dinge. Das ist, was die Leute interessiert, aber für mich ist es eine Verschönerung. Dass man sich quasi eine Welt erschreibt, wie man sie gern hätte, auch im Negativen. Das ist ja Kitsch. Das spielen Kinder vor dem Spiegel.“
Am Ende ist es so: Viele dieser belletristischen Sachbücher zu lesen, das ist, als erzählten einem wildfremde Menschen ihre persönliche Geschichte - mit Emphase, aber so unaufgeräumt, wie solche Erzählungen nun einmal sind. Und man denkt, ohne es freilich zu sagen: Was geht mich das an?
Erst kamen sie uns?
Raul Regenzwei (regenz)
- 16.03.2012, 14:18 Uhr
Absolut keine Zustimmung
Wolfgang Schlage (20thStreet)
- 15.03.2012, 13:46 Uhr
Toll. Danke. Wunderbarer Artikel.
Anette Wörner (Brel1)
- 15.03.2012, 12:03 Uhr
Wo die Geschichte sich selber erzählt
Herold Binsack (Devin08)
- 15.03.2012, 11:49 Uhr
It´s only Rock´n´Roll BUT WE LIKE IT
Gerhard Sperling (gsperling)
- 15.03.2012, 11:44 Uhr