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Zum Tod von Seamus Heaney Im milden Licht der Hagebuttenlaterne

Er war profund gebildet und musste es nicht ausstellen, spontan und von ansteckender Jugendlichkeit im Denken, unfähig zu Tändelei oder Verstellung: Zum Tod des irischen Nobelpreisträgers Seamus Heaney.

© REUTERS Vergrößern Seamus Heaney (1939 bis 2013) als Gastprofessor in Harvard

Seamus Heaney war schon ein berühmter Mann, wenngleich noch kein Literaturnobelpreisträger, da lud er uns Mitte der neunziger Jahre in sein Haus außerhalb Dublins ein, ganz in der Nähe des Strandes von Sandymount, auf dem in Joyces „Ulysses“ der junge Stephen Dedalus mit allerhand schweren Gedanken über das Verstehen des Universums entlangmarschiert. Heaney gefiel die literarische Nachbarschaft mit dem jungen Grübler, sie war eine ständige Ermahnung zum Zweifel und zur Unruhe, vielleicht sogar zum Exil, doch er selbst, der Mann mit dem geröteten Gesicht, den hellen, klaren Augen und dem schlohweißen Haarkranz, war herzlich und kein Freund großer Umstände. An jenem Sommertag wurde gegessen, erzählt, mit dem Auto herumgefahren und Lyrik rezitiert, einmal gegen den Lärm eines Flugzeugs, das die Stimme des Dichters zu übertönen drohte. Da hielt er inne, lachte, ließ die Maschine vorbeisausen und fing noch einmal von vorn an, als wäre das Einbrechen der modernen Technologie nichts anderes als das Heulen des Windes oder das Klatschen der Wellen.

Seamus Heaney, geboren 1939 auf einer Farm in der nordirischen Grafschaft Derry, das älteste von neun Kindern, wie es sich für die irische Großfamilie gehört, hat von Anfang an mit den Geräuschen von Handwerk und Landarbeit gelebt. Wie bei kaum einem anderen Dicher seiner Generation ist harte physische Arbeit nicht nur zum Beiklang seiner Wortmusik, sondern zur Metapher für Schöpfertum selbst geworden. „Digging“ - Graben - heißt ein Gedicht aus dem frühen Band „Tod eines Naturalisten“, in welchem Heaney in einem generationenübergreifenden Bild die Torfstecherarbeit seiner Vorfahren in das forschende Graben und In-die-Tiefe-Gehen mit dem Stift des Dichters münden lässt. Kurz darauf wurde seine Lyrik expliziter, er bezog Position im Nordirland-Konflikt, schrieb über die Angst und die Zwischenräume des Bewusstseins, die von der Propaganda weder der einen noch der anderen Seite erreicht wurden.

Es gibt einen zweiten Heaney

Eine Straßensperre beim Grenzübertritt von Nord nach Süd, damit setzt das Gedicht „Von der Grenze des Schreibens“ aus dem Band „Die Hagebuttenlaterne“ (Englisch 1987) ein. Das Misstrauen und die Gewehrläufe der Ordnungsmacht lassen den Reisenden „ein bisschen leerer und ein bisschen lahm“ zurück, „wie stets von diesem Zittern in der Seele, / übermannt, ja untertänig zahm“. Ein paar Zeilen weiter, das Herz pocht immer noch lauter, verwandelt sich die Grenzkontrolle mit MGs auf Ständern in ein Bild für die Linie, die beim Schreiben zu überqueren ist, und der Dichter, als den Heaney sich porträtiert, ist unausweichlich dies: „angeklagt, doch freigesetzt“. In einer Vorlesung von 1984 (enthalten in „Verteidigung der Poesie“, deutsch 1996) erklingt der Titel ebenfalls, „Grenzen des Schreibens“. Dort erzählt Heaney von dem inneren Konflikt eines friedlichen Menschen, der 1981 Empörung über Margaret Thatchers harte Hand gegen die im Hungerstreik befindlichen IRA-Kämpfer empfand, doch ebenso klarstellen wollte, dass er die Mittel des Terrorismus ablehnte und sich vor niemandes Karren spannen ließ: Verfassungstreue Nationalisten, wie er nun einmal einer sei, „werden fortwährend ins Unrecht gesetzt oder sind gezwungen, sich selbst ins Unrecht zu setzen“. Ebendeshalb, wegen der überall bereitstehenden Karren, angeschoben von Leuten mit Sendungsauftrag, war Heaney schon 1972, nach kurzer Lehrtätigkeit an der Queen’s University von Belfast, vom Norden in den Süden Irlands gezogen, distanzierter als zuvor: angeklagt, doch freigesetzt.

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Veröffentlicht: 30.08.2013, 16:19 Uhr