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Zum Tod von Ray Bradbury : Die Mars-Chroniken warten im All auf ihre Leser

In seinem Genie sind sich alle einig: Der Tod von Science-Fiction-Autor Ray Bradbury führt die tief gespaltene Gesellschaft der Vereinigten Staaten für einen Augenblick zusammen.

          Aus dem Weißen Haus ließ Präsident Barack Obama mitteilen, dass „für viele Amerikaner die Nachricht vom Tod Ray Bradburys sogleich Bilder aus seinen Büchern in Erinnerung gerufen hat, die dort seit jungen Jahren eingeschrieben waren“. Bradbury sei sich bewusst gewesen, dass „unsere Einbildungskraft dazu genutzt werden kann, Dinge besser zu verstehen, sie zu verändern und unsere tiefsten Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen“. Seine Werke würden „ohne Zweifel noch viele Generationen inspirieren“, schreibt Obama. Mit dieser Einschätzung weiß der Präsident selbst im extrem polarisierten Polit-Kosmos des Wahljahres 2012 eine geeinte Nation hinter sich.

          Matthias Rüb

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Der Regisseur Stephen Spielberg bezeichnete Bradbury als „die Muse der meisten meiner Science-Fiction-Filme“. In der Welt von Fantasy und Science-Fiction sei Bradbury längst unsterblich, schrieb Spielberg in einer kurzen Würdigung. Die französisch-britische Schriftstellerin Joanne Harris, Autorin des mit Juliette Binoche und Johnny Depp verfilmten Romans „Chocolat“, wird Bradbury als „unglaublich jungen Geist“ in Erinnerung behalten, der bis in sein Spätwerk hinein den „Sinn für Entdeckung und Abenteuer“ bewahrt habe.

          „Die Kids lesen und lieben ihn“

          Der britische Science-Fiction-Autor Brian Aldiss erkannte sogar in Bradburys „Mars-Chroniken“, die dem Schriftsteller einst zum Durchbruch verholfen hatten, dessen Herkunft vom Land: „Er hat die amerikanische Dorflandschaft auf einen anderen Planeten versetzt.“ Auch der amerikanische Schriftsteller Luis J. Rodriguez, Spross einer aus Mexiko eingewanderten Familie und Verfasser des Chicano-Dokuromans „Always Running“, sieht in Bradburys stetigem Rückgriff auf einen überschaubaren Kosmos das Geheimnis für dessen bleibenden Erfolg, vor allem bei jungen Lesern. „Die Kids lesen und lieben ihn. Schriftsteller kommen und gehen, aber er fasziniert die jungen Leute bis heute.“

          Salman Rushdie führt die Twittergemeinde an mit dem Kurznachruf: „Ruhe in Frieden Ray Bradbury. Er lebt fort in Regalen mit seinen Büchern. Und in dem Drehbuch zu John Hustons ,Moby Dick‘.“ Der Schauspieler Rainn Wilson, vor allem aus der NBC-Fernsehserie „The Office“ bekannt, twittert an den verstorbenen Schriftsteller: „Du hast den Planeten Mars und die Zeitreise für mich als Vierzehnjährigen wirklicher gemacht als meine damalige Wirklichkeit.“ Für den Drehbuchautor und Filmkritiker Roger Ebert ist „Der Fußgänger“ ausweislich seines Twitternachrufs „eine der berühmtesten Kurzgeschichten überhaupt“. Der Rocksänger Rob Thomas weiß: „Sie können versuchen, Deine Bücher zu verbieten. Aber es ist zu spät. Die Saat ist längst ausgebracht.“ Thomas’ Sängerkollege Flea von der Rockband Red Hot Chili Peppers aus Los Angeles erinnert sich in seinem Twitterbeitag an Bradbury als „erstaunlichen Teil meiner Kindheit“. Der amerikanische Fantasy-Autor Lev Grossman erinnert in seinem Tweet an ein Zitat Bradburys, in dem dieser seine herzliche Verachtung für die Präzeptoren des literarischen Betriebs zum Ausdruck gebracht hatte: „Wenn ich erfahren hätte, dass Norman Mailer mich mag, hätte ich mich umgebracht.“

          Beeinflusste Künstler, Schriftsteller und Lehrer

          Ray Bradburys Enkel, der Schauspieler Danny Karapetian, zeigte sich in Gesprächen mit amerikanischen und britischen Radio- und Fernsehsendern bewegt von der Anteilnahme, die die Familie nach dem Tod seines Großvaters erfahren habe: „Er hat so viele Künstler, Schriftsteller, Lehrer, Wissenschaftler beeinflusst. Es ist anrührend und tröstend, ihre Erinnerungen zu hören.“ Die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa hatte Bradbury schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Als die Marssonde „Phoenix“ vor fünf Jahren zum roten Nachbarplaneten startete, hatte sie neben allerlei wissenschaftlichen Dokumenten auch eine digitale Kopie von Bradburys „Mars-Chroniken“ an Bord. Kurz nach der Landung der Sonde im Jahre 2008 wurde die DVD mit den „Mars-Chroniken“ sowie anderer Literatur und Musik zum Thema Mars in der Nähe des Nordpols des Planeten abgelegt - nebst einer amerikanischen Flagge.

          Von Spielzeug und Schätzen umgeben: Ray Bradbury Anfang 1986 in seinem Büro
          Von Spielzeug und Schätzen umgeben: Ray Bradbury Anfang 1986 in seinem Büro : Bild: DOUG PIZAC/AP/dapd

          Seit „Phoenix“ nach fünf Monaten Einsatz im Mars-Winter einfror und mithin keine Fotos mehr zur Erde funkt, weiß hienieden niemand um das Schicksal der DVD. Der letzte Eintrag in Bradburys „Mars-Chroniken“ ist auf „Oktober 2057“ datiert und trägt den Titel „Das Millionen-Jahre-Picknick“. Ray Bradbury hat schon vor mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Mars das Tischtuch für uns Erdlinge ausgebreitet: „The Martian Chronicles“ erschienen erstmals 1950. Seither ist unser Wissen über den Nachbarplaneten nicht gewachsen.

          Quelle: F.A.Z.

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