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Zum Tod von Ray Bradbury Der zeitlose Jahrmarktszauberer

 ·  Er schrieb zwar Science Fiction, war aber kein Freund des technischen Forschritts. Seine Vision des noch nie Dagewesenen war sowohl poetischer wie skeptischer. Zum Tod von Ray Bradbury.

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Ein Lebenswerk braucht Fundamente, Treppen, Türen, Fenster, dunkle Ecken. Manchmal wird es früher fertig als sein Bauplan. Für die Reinzeichnung einer Skizze des Gesamtentwurfs hat der Schriftsteller Ray Bradbury, der selten unter Schreibblockaden litt, fünfundfünzig Jahre gebraucht: Erst im Jahr 2000 erschien der schlanke Roman „From the Dust Returned“, dessen Idee seit 1945 reifte und den sein Urheber immer wieder überarbeiten musste, wie unter sanftem Zwang, bis er damit zufrieden war.

In den Textleib dieses Buches fand, als wäre es Bradbury dabei tatsächlich darauf angekommen, persönlich die Summe seines Schaffens im Querschnitt zu ziehen, an der sich in seiner Nachwelt jetzt viele versuchen werden, das Material aus Kurzgeschichten Aufnahme, die allen Phasen seines vielseitigen und hochproduktiven Arbeitslebens entstammen: Eine erschien schon 1945 im unheimlichen Magazin „Weird Tales“, eine im Jahr darauf in der Frauenzeitschrift „Mademoiselle“, eine weitere 1952 im Leib- und Magenblatt des neugierigen amerikanischen Kleinbürgertums, der „Saturday Evening Post“, die beiden jüngsten veröffentlichte er erstmals in den späten achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Ein einzigartiger Klangfarbenkosmos

„From the Dust Returned“ versammelt eine Familie unwirklicher Gestalten – Hexengesichter, unsterbliche Obdachlose, Elfenstimmen, schurkische Schattenmänner und ein Mädchen namens Cecy, das nicht in der Wirklichkeit, sondern im Land „Schlaf“ zuhause ist – in einem uralten Haus im Staat Illinois. Das Zeitlose der Figuren, die natürlich für Bradburys Musenkinder stehen, für seine Romane, Novellen, Vignetten, Denkbilder, ausufernden Zyklen, Visionen und Visiönchen, ist so fest verankert im Herzland der Vereinigten Staaten, wie der Sehergabe ihres Erfinders immer etwas von der autosuggestiven Trance des den mittleren Westen bereisenden Jahrmarktszauberers anhaftete.

Das Wunderliche, Bedrohliche, aber auch Verlockende, das den in jener ländlichen Umgebung aufgewachsenen Raymond Douglas Bradbury aus den Zelten umherschweifender Schausteller, aber auch aus den Geschichten um den Weltraumhelden Buck Rogers oder den vom Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs erdachten bombastischen Bürgerkriegsfantasien vom Planeten Barsoom (lies: Mars) ansprach, verwandelte sich unter der Hand des Jungen, der bei Genre-Größen wie Leigh Brackett und Robert A. Heinlein in die lesende wie die persönliche Lehre ging, in einen einzigartigen Klangfarbenkosmos singender Raketen, orangeroter Windwirbel auf dem Nachbarplaneten, lebendiger Tätowierungen, Sommeraufbruchsstimmung, Turnschuhlebhaftigkeit und manchmal leicht süßlicher, nicht immer kitschferner nostalgischer Sehnsucht nach einer harmonisch-sozialnaturalistischen Welt unschuldiger Americana, die gleichsam den taghellen Kontrast zu Edgar Allan Poes schwarzer amerikanischer Gotik spendierte, wie er bei Norman Rockwell zu Malerei gerann oder bei Gershwin zu musikalischer Majestät auskomponiert ist.

Keiner Vorwegnahme plausibler Zukunft

Die Unschuld, sein Lebensthema, wird bei Bradbury – das allein macht sein Vermögen aus, den Unglauben des Publikums ans Phantastische zu überwinden – stets ihrem Gegenteil abgerungen, vor dem seine Landsleute bis heute Angst haben: Der bösen Intellektualität von Technokraten, der Unberechenbarkeit der Zukunft, dem Verfall, der Unverständlichkeit dessen, was außerhalb des Gewohnten liegt, und den modernen Lügen der eben nicht mehr, wie bei Bradbury, handgemachten, sondern kommerziell berechneten Magie, zu der es gerade die glitzerndsten, ambivalentesten, sinnlichsten Titel in Bradburys Werk unwiderstehlich hinzieht, vom buchstäblich jahrmarktsverwunschenen „Something Wicked This Way Comes“ (1962) bis zur bösen Hollywood-Satire „A Graveyard for Lunatics“ (1990).

„Dark Carnival“ hieß, ganz in diesem Sinne, schon die erste Buchveröffentlichung, mit der sich der Siebenundzwanzigjährige, der zuvor in auf grobem Papier gedruckten Schundheftchen und seinem eigenen hektographierten Journal „Future Fantasia“ publiziert hatte, Zutritt zur von Kritik und Buchhandel überwachten literarischen Respektabilität verschaffte. Ein Ende der uferlosen Welt, die Bücher für ihn waren – nicht nur die eigenen – konnte er sich nur als gewaltsam herbeigeführtes Ende von Kultur und Zivilisation überhaupt vorstellen, wie es sein 1951 in „Galaxy“ erschienenes Schreckbild „The Fireman“ malt, aus dem in mehreren Fassungen zwischen 1953 und 1982 der weltberühmte, 1966 von François Truffaut mit Oskar Werner und Julie Christie verfilmte Roman „Fahrenheit 451“ werden sollte. Mit der Vorwegnahme irgendeiner Sorte plausibler Zukunft hat seine Literatur auch dann nichts zu tun, wenn sie von Reisen ins All handelt.

Ein Ingenieur war er niemals – „The Rocket“ im für viele Science-Fiction-Schaffende gleichwohl stilprägenden Bändchen „The Illustrated Man“ von 1951 verrät seine Haltung zur technischen Machbarkeit des Phantastischen mit einem einzigen Satz übers Vorbeifliegen am Erdtrabanten, in dem der ganze Bradbury sich duckt und listig zwinkert: „The moon dreamed by“.

Politisch konservativ bis zur Sturheit, sozial dem Umbruch und der Auflösung des Vertrauten zutiefst abhold, war Bradbury ein Phantast, der noch in seinen der von interplanetarischen Abenteuern, dem rationalen Problemlösen und der exakten Wissenschaft nächststehenden Arbeiten, etwa den „Martian Chronicles“ von 1950, eine skeptische Haltung Wort werden ließ, die von der Zukunft zu flüstern schien, sie sei am besten schon in dem Augenblick vorüber, in dem wir uns nach ihr strecken, weil uns die Anstrengung der Selbstverwandlung sonst zerbricht.

Zuhören

Als die Science Fiction in den Sechziger Jahren ihre Foren und Hinterzimmer, ihre Zeitschriften und Buchreihen den Stimmen derer öffnen musste, die im technokratischen, von kompetenten, weißen, männlichen Hauptfiguren geprägten Erobererkanon des Genres zuvor zum Schweigen angehalten waren – Leuten wie dem schwarzen Homosexuellen Samuel R. Delany, Frauen wie Joanna Russ und dem Dichter der Verlierer des Fortschritts Barry Malzberg – hatte Bradbury, der mit Kulturrevolutionen nichts zu schaffen haben wollte, die Vorarbeit der Prägung eines anderen als des triumphalistischen, kompetenten, unbezwingbaren Tonfalls für den Traum vom Unwirklichen im Zwanzigsten Jahrhundert schon geleistet.

„From the Dust Returned“ endet, nach getaner Arbeit, mit einer Aufforderung, mit der alle seine Texte wie mit einer unendlich vieldeutigen Einladung überschrieben sein könnten: „Far off, near the temple of Karnak, the desert winds sighed. Far off, between the paws of a great lion, the dust settled. ‘Listen’, said Timothy.”

Am 5. Juni ist Ray Bradbury im Alter von 91 Jahren in Los Angeles gestorben.

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