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Veröffentlicht: 06.06.2012, 18:38 Uhr

Zum Tod von Ray Bradbury Der zeitlose Jahrmarktszauberer

Er schrieb zwar Science Fiction, war aber kein Freund des technischen Forschritts. Seine Vision des noch nie Dagewesenen war sowohl poetischer wie skeptischer. Zum Tod von Ray Bradbury.

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© DOUG PIZAC/AP/dapd Von Spielzeug und Schätzen umgeben: Ray Bradbury Anfang 1986 in seinem Büro

Ein Lebenswerk braucht Fundamente, Treppen, Türen, Fenster, dunkle Ecken. Manchmal wird es früher fertig als sein Bauplan. Für die Reinzeichnung einer Skizze des Gesamtentwurfs hat der Schriftsteller Ray Bradbury, der selten unter Schreibblockaden litt, fünfundfünzig Jahre gebraucht: Erst im Jahr 2000 erschien der schlanke Roman „From the Dust Returned“, dessen Idee seit 1945 reifte und den sein Urheber immer wieder überarbeiten musste, wie unter sanftem Zwang, bis er damit zufrieden war.

Dietmar Dath Folgen:

In den Textleib dieses Buches fand, als wäre es Bradbury dabei tatsächlich darauf angekommen, persönlich die Summe seines Schaffens im Querschnitt zu ziehen, an der sich in seiner Nachwelt jetzt viele versuchen werden, das Material aus Kurzgeschichten Aufnahme, die allen Phasen seines vielseitigen und hochproduktiven Arbeitslebens entstammen: Eine erschien schon 1945 im unheimlichen Magazin „Weird Tales“, eine im Jahr darauf in der Frauenzeitschrift „Mademoiselle“, eine weitere 1952 im Leib- und Magenblatt des neugierigen amerikanischen Kleinbürgertums, der „Saturday Evening Post“, die beiden jüngsten veröffentlichte er erstmals in den späten achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Ein einzigartiger Klangfarbenkosmos

„From the Dust Returned“ versammelt eine Familie unwirklicher Gestalten – Hexengesichter, unsterbliche Obdachlose, Elfenstimmen, schurkische Schattenmänner und ein Mädchen namens Cecy, das nicht in der Wirklichkeit, sondern im Land „Schlaf“ zuhause ist – in einem uralten Haus im Staat Illinois. Das Zeitlose der Figuren, die natürlich für Bradburys Musenkinder stehen, für seine Romane, Novellen, Vignetten, Denkbilder, ausufernden Zyklen, Visionen und Visiönchen, ist so fest verankert im Herzland der Vereinigten Staaten, wie der Sehergabe ihres Erfinders immer etwas von der autosuggestiven Trance des den mittleren Westen bereisenden Jahrmarktszauberers anhaftete.

Das Wunderliche, Bedrohliche, aber auch Verlockende, das den in jener ländlichen Umgebung aufgewachsenen Raymond Douglas Bradbury aus den Zelten umherschweifender Schausteller, aber auch aus den Geschichten um den Weltraumhelden Buck Rogers oder den vom Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs erdachten bombastischen Bürgerkriegsfantasien vom Planeten Barsoom (lies: Mars) ansprach, verwandelte sich unter der Hand des Jungen, der bei Genre-Größen wie Leigh Brackett und Robert A. Heinlein in die lesende wie die persönliche Lehre ging, in einen einzigartigen Klangfarbenkosmos singender Raketen, orangeroter Windwirbel auf dem Nachbarplaneten, lebendiger Tätowierungen, Sommeraufbruchsstimmung, Turnschuhlebhaftigkeit und manchmal leicht süßlicher, nicht immer kitschferner nostalgischer Sehnsucht nach einer harmonisch-sozialnaturalistischen Welt unschuldiger Americana, die gleichsam den taghellen Kontrast zu Edgar Allan Poes schwarzer amerikanischer Gotik spendierte, wie er bei Norman Rockwell zu Malerei gerann oder bei Gershwin zu musikalischer Majestät auskomponiert ist.

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