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Zum Tod von Miguel Delibes : Stolz und Würde Kastiliens

  • -Aktualisiert am

Miguel Delibes (1920-2010) Bild: dpa

Er war kein Mann der lautstarken Opposition, aber in allen wichtigen Fragen stellte er sich gegen die Diktatur: Der spanische Schriftsteller Miguel Delibes ist am Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben. Als Vertreter eines sozialen Realismus wurde er zu einem der bedeutendsten Autoren seines Landes.

          Miguel Delibes war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schon einer der bekanntesten Schriftsteller Spaniens. In seiner Geburtsstadt, dem altkastilischen Valladolid, wo er sein ganzen Leben verbrachte und in der Morgenfrühe des gestrigen Freitags im Alter von neunzig Jahren starb, galt es einst als eine besondere Ehre, der „tertulia“, der nachmittäglichen Gesprächs- und Diskussionsrunde von Delibes in einem Café, anzugehören. Professoren, Intellektuelle und Journalisten der großen kastilischen Provinzstadt unterhielten sich dort über Politik und Kultur. Delibes sprach damals wenig; doch was er sagte, wurde stets als bündiges Ergebnis der Diskussionen akzeptiert und von (fast) allen gern mit nach Hause genommen.

          Delibes war eine Zeitlang auch Chefredakteur des „Norte de Castilla“ und machte das Regionalblatt mit seinen kritischen Kommentaren zu einer der meistbeachteten Zeitungen unter der Franco-Diktatur. Er wurde schließlich abgesetzt, nachdem er eine telefonische Intervention des damaligen Informationsministers Fraga Iribarne mit klaren und scharfen Worten zurückgewiesen hatte. Delibes war kein Mann der lautstarken Opposition, doch in allen wichtigen Fragen stellte er sich gegen die Diktatur und forderte ein demokratisches Spanien. Schon für seinen ersten Roman „Der Schatten der Zypresse verlängert sich“ hatte er 1947 den angesehenen Premio Nadal erhalten. Später bezeichnete er selbst dieses Buch als noch unreif.

          Er schuf eine eigene, bilderreiche Literatursprache

          Seine frühen Romane sind eine realistische Darstellung der von Hunger und Unfreiheit gekennzeichneten Nachbürgerkriegszeit. Delibes gehört damit in die Reihe der sozialrealistischen Literatur mit Autoren wie Carmen Laforet, Ana Maria Matute, Juan Goytisolo und zeitweise auch dem Nobelpreisträger Camilo José Cela. Vor allem sprachlich ragt sein früher Roman „El Camino“ („Der Weg“, 1950) heraus. Erst viel später, vor allem in den achtziger und neunziger Jahren, sind dann auch andere Werke Delibes' auf Deutsch veröffentlicht worden.Sein Roman „Fünf Stunden mit Mario“ (1966) ist eine Auseinandersetzung über die „zwei Spanien“, die gesellschaftliche und ideologische Spaltung des Landes innerhalb einer Ehe und gleichzeitig eine liebevolle Erinnerung an seine früh verstorbene Frau. Werke wie „Die Ratten“ (1962, deutsch 1992) und „Die Kriege unserer Vorfahren“ (1978) wurden während der neuen Demokratie in allen Volksschichten Spaniens viel gelesen. „Die heiligen Narren“ (1981, deutsch 1989) wurde verfilmt und gilt als eine deutliche Abrechnung mit den südspanischen Großgrundbesitzern und deren Misshandlung der Landarbeiter.

          Der literarische Rang von Delibes gründet sich aber vor allem auf seine Sprache. Delibes schreibt in dem bilderreichen und klaren Spanisch der bäuerlichen Kastilier, bevor dieses vom Fernsehen und von anderen Massenmedien verdorben wurde. Auf der Grundlage einer traditionsreichen Dorfsprache gelingt es Delibes, mit seinen originellen Metaphern eine experimentelle und ausdrucksstarke spanische Literatursprache zu schaffen, was 1993 auch mit dem Cervantes-Preis gewürdigt wurde. Mit dem Tod von Miguel Delibes hat Spanien nicht nur einen seiner großen Schriftsteller, sondern auch eine moralische Autorität verloren.

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