Konrad Wünsche hat drei Bücher geschrieben, die das Zeug zum Klassiker hatten, aber nur eins davon ist ein Bestseller geworden: „Die Wirklichkeit des Hauptschülers“, das 1972 zuerst erschien. Sein Untertitel „Berichte von Kindern der Schweigenden Mehrheit“ versetzt das Buch tiefer zurück in seine Zeit, als es das verdiente. Sein Autor gehörte nie zu den Ideologen, die damals geläufig von der „schweigenden Mehrheit“ sprachen; Geläufigkeit überließ er dem Klavierspiel.
Sein Sprechen und Schreiben hingegen musste große innere Widerstände überwinden, an denen es sich kräftigte und an denen seine Prosa ihre außerordentliche Dichte gewann. Die Erfahrungen des Wirklichkeitszerfalls als Sprachzerfall, die er in diesem Buch mitteilte, hatte er sich nicht bei Hofmannsthal oder Wittgenstein angelesen, er hatte sie in einer Landschule nahe Bonn gemacht, in der er viele Jahre lang unterrichtete. Vieles davon hat sich bis heute nicht geändert, auch wenn die Wirklichkeit von damals unter den Horizont der digitalen Welt gesunken ist.
Er war und blieb der Autor seiner selbst
Der „Hauptschüler“ war Wünsches erstes Sachbuch, aber nicht der Beginn seiner Autorschaft. Als Dichter und Dramatiker hatte er in den sechziger Jahren erste Erfolge. Zu Wünsches geistigem Profil gehörte nicht nur die Herkunft aus dem lutherisch-sächsischen Bürgertum - der Vater, Mediziner, war ein großer Sammler zeitgenössischer Kunst -, sondern auch die Konversion zum Katholizismus nach dem Krieg: Ausdruck einer innerlichen Revolte und Teil einer Selbstbildung, die zu betreiben auch der Gereifte nie aufhören sollte: Wünsche war und blieb der Autor seiner selbst. Sein letztes, 2007 erschienenes Buch, „Und du verkennst dich doch“, machte das noch einmal deutlich. Es war neben der Auseinandersetzung mit den Menschenbildern der pädagogischen Anthropologie, der Wünsche den Spiegel der Groteske vorhielt, die Geschichte einer inneren, einer intimen Odyssee.
Seit seinen beiden anderen Klassikern, die er in den achtziger Jahren schrieb, seiner Studie über den „Volksschullehrer Ludwig Wittgenstein“ (1985) und dem subtilen Essay über die Kunst des Bauhauses, „Bauhaus - Versuche, das Leben zu ordnen“ (1989), war Wünsche dem Drama der Selbstreflexion auf der Spur. Wie wenige andere Autoren der Geisteswissenschaften konnte er zeigen, wie groß und weit eine Wissenschaft zu sehen vermag, die sich nicht der Innenwelt des eigenen Geistes und ihrer Dämonie entzieht. Das Scheitern vor der Sphinx, die jeder Erkennende für sich selbst ist, konnte seinen intensiven Forscherdrang nicht brechen. Das tat erst die Krankheit, an der er am vergangenen Donnerstag, vierundachtzigjährig, gestorben ist.