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Zum Tod von José Saramago Die Welt ist veränderbar!

Sein Geheimnis: Er konnte einen literarischen Stoff mit nahezu jedem Mittel, das er zur Hand nahm, lebendig werden lassen. Mit dem Tod des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago verlieren wir einen volkstümlichen Erneuerer des Romans.

© AP Vergrößern Eine Art portugiesischer Günter Grass: Der Nobelpreisträger hielt nicht viel vom Zustand der Menschheit

Er war Maschinenschlosser, Beamter, Versicherungsangestellter, Journalist, Übersetzer, Lyriker, parteitreuer Marxist, Romanschriftsteller und noch einiges mehr, und vermutlich hätte er auf die Frage, was er denn als Erstes sei, geantwortet: ein Mensch. Das jedenfalls wäre der Satz, der zu José Saramagos literarischen Figuren passt, kleinen Leuten, denen an den simplen Widrigkeiten ihrer Alltagsexistenz die großen Fragen des Lebens aufgehen. Plötzlich halten sie inne, kommen ins Grübeln und versenken sich in philosophische Dispute, von denen sie kurz zuvor niemals gedacht hätten, dass sie zu ihnen fähig sind.

Die Welt ist veränderbar! lautet der Generalbass von Saramagos Werk, in dem fast nur liebe, keine bösen Figuren auftauchen. Denkt nach und krempelt die Ärmel hoch! Eigentlich erstaunlich, dass man das Werk eines Mannes mit so transparenter humanistischer Botschaft dennoch – streckenweise mit Begeisterung – gelesen hat. Daran erkennt man den großen Epiker. Auch Jeremias Gotthelf war ja sehr fromm und trotzdem ein Romanschriftsteller kapitalen Ausmaßes. Für Saramago gilt ähnliches, nur in anderer Himmelsrichtung.

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Der kleine José, geboren 1922 in Azinhaga in der Provinz Ribatejo, rund hundert Kilometer von Lissabon, war drei Jahre alt, als seine Familie in die Hauptstadt zog und die Elendserfahrung auf dem Lande mit jener der Metropole vertauschte. Saramago hat der Herkunft seiner Eltern zahlreiche literarische Denkmäler gesetzt und die eigenen Ursprünge nie vergessen. Als erster und bis heute einziger Literaturnobelpreisträger aus Portugal verstand er sich als literarische Stimme jener, die nicht gehört werden und in politischen oder wirtschaftlichen Machtspielen nicht zählen.

Saramago-Nobel © dpa Vergrößern Bestätigung seines Weltrangs: José Saramago 1998 bei der Verleihung des Nobelpreises in Schweden

Man tut ihm kein Unrecht, wenn man erwähnt, dass er in seinen öffentlichen Äußerungen eine Art portugiesischer Günter Grass war, also durchaus sentenziös, gelegentlich unsubtil und fast immer vorhersehbar. Seine besten Romane jedoch – darunter „Das Todesjahr des Ricardo Reis“, „Die Stadt der Blinden“, „Alle Namen“ und „Das Zentrum“ – verbinden die Einfachheit einer packenden Handlung mit der Höhenluft des avancierten europäischen Romans.

Den Leser in ein magisches Reich hineinziehen

In „Das Todesjahr des Ricardo Reis“ folgt Saramago den Reflexionen eines abgehobenen Ästheten, der 1935, im Todesjahr von Fernando Pessoa, nach Portugal zurückkehrt, den aufkommenden Faschismus erlebt und mit dem Geist des verstorbenen Dichters Gespräche führt. Vertrackt wird das Ganze dadurch, dass Ricardo Reis eines von Pessoas Pseudonymen war, Saramago also eine eigene literarische Figur mit der Maske eines wirklichen Schriftstellers verzahnt. Die Konversation zwischen „Reis“ und „Pessoa“ kann also kaum real sein, erscheint aber auf der Buchseite als literarische Realität aus eigenem Recht.

Darin liegt Saramagos eigentliche Macht, seine Gabe, sein Geheimnis: Er konnte einen Stoff mit nahezu jedem literarischen Mittel, das er zur Hand nahm, lebendig werden lassen. Er vermochte Skepsis und Zweifel aufzuheben und den Leser in ein magisches Reich hineinzuziehen, in dem weniger die exotischen Blüten von Liebe, Tod und Teufel gediehen als die hellen Abenteuer des Geistes. In diesem Sinne war er immer ein intellektueller Autor – jemand, der wissen wollte, wozu sein Buch dienen konnte und gegen welche Ideologie es sich verwenden ließ.

Er war auch ein Markenprodukt

Saramago hat eher spät zum Schreiben gefunden. In seinen Lehrjahren war er ein vielbeachteter Journalist und tagespolitischer Kommentator. Als Mitglied der Kommunistischen Partei engagierte er sich gegen das Salazar-Regime, ging aber bald nach der „Nelkenrevolution“ auf Distanz zur Politik. Der Saramago, den wir kennen, debütierte eigentlich erst mit mehr als fünfzig Jahren. Dann jedoch schrieb er ein Buch aufs andere. Manche von ihnen waren für handfeste Skandale gut, ein Umstand, der ihn immer angestachelt zu haben scheint.

Der Parabelform, der er Meisterwerke wie „Die Stadt der Blinden“ (1995) und die furiose Attacke auf einen blinden Kapitalismus („Das Zentrum“, 2000) verdankt, ist Saramago in den meisten der späten Romane treu geblieben. Auch wenn er seinen Orgelton immer beherrschte – nicht jedes dieser Bücher ist unentbehrlich. Man kann kaum genau begründen, warum es beim einen Roman klappt und beim anderen nicht; manchmal fällt ein Werk auch in ungünstige Umstände hinein, wirkt müde oder verpufft. Seine Leser haben auch ein schlichtes Spätwerk wie „Die Reise des Elefanten“, das demnächst bei Hoffmann und Campe in deutscher Übersetzung erscheint, oder seine jüngste antiklerikale Version der Kain-und-Abel-Geschichte konsumiert. Saramago war eben auch ein Markenprodukt und verkaufte sich als solches.

Den Beglückungen der Moderne misstrauend

Im Alter von siebenundachtzig Jahren ist José Saramago jetzt in Tías auf Lanzarote gestorben. Über seine Bücher hat er einmal gesagt: „Ich zeige meinen Lesern, wie man einen Roman schreiben kann, der ohne Verrat, Mord, Neid und Begierden aller Art auskommt.“ Das klingt heute noch merkwürdiger als damals, und doch ist die Rechnung im Fall des portugiesischen Weltliteraten José Saramago aufgegangen.

Dass er irdische und überirdische Autoritäten ankratzte, politische Macht untergrub, den Beglückungen der Moderne gegenüber misstrauisch blieb und sich reflexhaft auf die Seite des Einzelnen stellte, der es mit finsteren Apparaten aufnahm, mag zur Grundausstattung einer traditionellen demokratischen Linken gehören; dass er von uns als Menschen etwas forderte und uns zugleich als Leser jeden Formsinn und allen Enthusiasmus, jede Akrobatik der Phantasie zutraute, macht ihn zu einem der wenigen modernen und zugleich volkstümlichen Erneuerer des Romans.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.06.2010, 21:06 Uhr