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Zum Tod von Harry Mulisch : Weltweiser und Privatmythologe

  • -Aktualisiert am

Harry Mulisch (1927-2010) Bild: AFP

Der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch ist am Samstagabend im Alter von 83 Jahren gestorben. Mit Büchern wie „Das Attentat“ und „Die Entdeckung des Himmels“ stieß er in die Riege der ewigen Aspiranten auf den Literaturnobelpreis vor.

          Der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch ist tot. Der Autor von Welterfolgen wie „Die Entdeckung des Himmels“ und „Das Attentat“ starb am Samstagabend im Alter von 83 Jahren in Amsterdam, wie sein Verlag am Sonntag bekanntgab. Der 1927 in Haarlem geborene Autor war international hochgeehrt und über Jahre hinweg immer wieder als Anwärter auf den Literaturnobelpreis im Gespräch.

          Seit seinem leichthändigen Debütroman „Archibald Strohalm“, der vor über 65 Jahren auf den Markt kam, gehört Mulisch zu den großen Namen der internationalen Literatur. Beide Romane umreißen das einzigartige Talent Mulischs in gültiger Weise: „Archibald Strohalm“, eine Parabel der Kreativität, erzählt trotz oder gerade wegen der frischen Schrecken des Zweiten Weltkriegs scheinbar harmlos von einem schrulligen Puppenspieler, dessen Theater am Ende in Stücken liegt.

          Eine lebenslange Obsession

          „Das Attentat“ hingegen arbeitet in genialer Adaption eines Thrillers die Gemengelage von Täter und Opfer, Gut und Böse, Kollaboration und Widerstand unter deutscher Besatzung derart aberwitzig heraus, dass bei den Lesern nach der Lektüre alle feststehenden Muster der nationalsozialistischen Zeit erschüttert sind. Dabei geht es Mulisch beileibe nicht um eine Verharmlosung; er möchte die Katastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts bloß in all ihrer Komplexität begreifen und begreifbar machen.

          Harry Mulisch im Jahr 2007, in seinem Haus in Amsterdam

          Der Grund für diese lebenslange, ungemein fruchtbare Obsession: Mulischs eigene Biographie ist irrwitzig in Weltkriege und Holocaust verwickelt. Als Sohn eines österreichischen Offiziers des Ersten Weltkriegs und einer jüdischen Bankierstochter aus Antwerpen konnte sich der kleine Harry, 1927 in Haarlem geboren, mit Fug als Geschöpf der Katastrophe von 1914-18 begreifen; Vater und Großvater mütterlicherseits kannten sich von der Front. 1936 hatten sich die Eltern bereits wieder getrennt. Harry wuchs beim Vater auf, der nach dem Überfall der Wehrmacht als „Reichsdeutscher“ schnell bei einer Amsterdamer Bank zum maßgeblichen Arisierer jüdischer Vermögen - also zum Handlanger der „Endlösung“ - avancierte. Als ranghoher Kollaborateur konnte Vater Mulisch seine getrennt lebende Frau und seinen jüdischen Sohn jedoch vor der Deportation schützen; Groß- und Urgroßmutter des Schriftstellers wurden gleichwohl vergast. Er habe den Krieg nicht nur erlebt, erzählte Harry Mulisch gerne, sondern schlimmer: „Ich bin der Zweite Weltkrieg“. Was Antisemitismus bedeutet, ging bei diesem mystischen Agnostiker, der qua Religionsgesetz Jude war, als Riss durchs eigene Herz.

          Absurdes Sterben eines westlichen Wohlstandsbürgers

          Neben dem Philosophen der historischen Ursünde von Familie und Kontinent gibt es indes einen ganz anderen Harry Mulisch: den Zauberer, Märchenerzähler, Fabulierer, der einmal im Jahr ein paar Wochen im „Des Bains“ am Lido Hof hielt und ganz licht von Sex und Liebe und Sonne erzählen konnte. In „Hoogste Tijd“, einem überbordenen Shakespeare-Roman mit dem unverwüstlichen Kompatrioten Johannes Heesters als verkapptem Prospero, fanden beide Stile - der zeithistorische und der meta-ironische - wundersam zusammen. Leider hat gerade das Meisterwerk „Höchste Zeit“ in Deutschland viel zu wenig Leser gefunden.

          Die himmlische Ironie prägt auch Werke wie „Die Elemente“, das vom absurden Sterben eines westlichen Wohlstandsbürgers erzählt, der im griechischen Badeurlaub mit den antiken Göttern konfrontiert wird und am Ende, versehentlich aufgesogen im Tank eines Löschflugzeugs eine letzte Reise durch Erde, Wasser, Luft und Feuer durchmacht. „Die Entdeckung des Himmels“, angelegt als niederländischer Epochenroman und geprägt durch die Generationenerfahrung der wilden Provo-Zeit der Amsterdamer Linken, betrachtete der Autor nicht völlig zu Recht als sein Opus magnum.

          Der niederländischen Literatur schenkte Mulisch, was sie bisher trotz des Décadence-Autors Louis Couperus, trotz des wilden, homoerotischen Katholiken Gerard Reve, trotz des zynischen Polterers Willem Frederik Hermans und erst recht trotz des gefällig-sympathischen Reiseschriftstellers Cees Nooteboom nicht kannte: einen Klassiker der Weltliteratur.

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