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Zum Tod von Dieter Wellershoff : Sein Metier war die Psyche

  • Aktualisiert am

Dieter Wellershoff, 1925 bis 2018 Bild: dpa

Dieter Wellershoff entwickelte das Konzept des „neuen Realismus“ – und setzte es anschließend selbst erfolgreich literarisch um. Jetzt ist der Schriftsteller im Alter von 92 Jahren in Köln gestorben.

          Der Schriftsteller Dieter Wellershoff ist tot. Er starb
          im Alter von 92 Jahren in Köln, wie eine Sprecherin  eines Verlags Kiepenheuer & Witsch am Freitag der  Deutschen Presse-Agentur sagte. Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren. Er schrieb Romane, Novellen, Erzählungen, Essays und autobiografische Bücher.

          Dieter Wellershoff wurde am 3. November 1925 in Neuss am Rhein geboren. Er wuchs in Grevenbroich auf, bis er 1943 zum Arbeitsdienst und anschließend als Infanterist zum Militärdienst eingezogen wurde. 1944 wurde er in Litauen verwundet und geriet später in Kriegsgefangenschaft. 1946 machte Wellershoff das Abitur für Kriegsteilnehmer. Danach studierte er Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte in Bonn, wo er 1952 mit einer vielbeachteten Arbeit über Gottfried Benn promoviert wurde.

          Nach drei Jahren als Redakteur bei der "Deutschen Studentenzeitung" arbeitete er als freier Schriftsteller. 1959 trat er als Lektor für Wissenschaft und deutsche Literatur in den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) ein. Zu Beginn der sechziger Jahre las er mehrmals bei der "Gruppe 47". Ab 1965 förderte er bei KiWi, wo er nun als Redakteur für die "Neue wissenschaftliche Bibliothek" verantwortlich zeichnete, Autoren wie Nicolas Born, Rolf D. Brinkmann und Günter Herburger. Insbesondere in seinen Schriften "Wiederherstellung der Fremdheit" (1967) und "Fiktion und Praxis" (1968) entwickelte er begleitend seine Konzeption des "neuen Realismus" oder auch der "Kölner Schule des Neuen Realismus". Darin forderte er eine "phänomenologisch orientierte Schreibweise", die, im Gegensatz zur gängigen deutschen Literatur der Zeit, das "alltägliche Leben" oder auch die "pathologische oder kriminelle Abweichung" von Individuen in den Mittelpunkt rückt.

          Vom großen Publikum entdeckt

          Wellershoffs theoretische Überlegungen leiteten sich einerseits formal von der Rezeption des französischen "Nouveau Roman" her. Andererseits waren seine inhaltlichen Vorstellungen der Anthropologie Arnold Gehlens verbunden, die den Menschen einem "diffusen Reizchaos" ausgesetzt sah, das nur durch gesellschaftliche Grundmuster im Individuum geordnet werden könne. Wellershoff beanspruchte in fiktiven Texten die Auflösung und Neuordnung dieser "Muster", um dem Leser "bisher verbannte Erfahrungen zu ermöglichen" und die soziokulturellen Schemabildungen nahezubringen.

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          Sein erster eigener Roman "Ein schöner Tag" erschien 1966. Wellershoff versuchte darin, die in der Theorie genannten Einflüsse und Ansprüche umzusetzen, wobei die Figurenzeichnung von einem stark psychologischen Interesse geprägt wurde. So schilderte er etwa in "Die Schattengrenze" (1969) die Entstehung von Verfolgungswahn beim kriminellen Protagonisten, löste dafür die chronologische Struktur des Romans und spielte mit Gedankensplittern, die in der Ausbreitung existenzieller Angstzustände kulminierten. Als beispielhaft für die strukturelle und artifizielle Qualität vieler seiner Werke gilt insbesondere "Einladung an alle" (1972), ein sowohl dokumentarischer als auch fiktiver Roman, eine Collage aus vielen verschiedenen Textsorten, ein Action-Roman, der, so der Autor, zugleich ein einziges großes Sprachspiel ist.

          Obwohl Wellershoff die Romanform für das beste Medium hielt, um psychische und gesellschaftliche Einflüsse auf potentielle Gewalttäter zu erfassen, schrieb er außerdem eine Reihe von Hörspielen und einige Fernseh-Szenarien. 1981 verließ er KiWi und war nur noch als freier Schriftsteller und Dozent tätig. 1994 veröffentlichte er den bemerkenswerten Essayband über die deutsche Nachkriegsgeschichte "Angesichts der Gegenwart" und im folgenden Jahr "Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges". Hierin beschrieb er seine Kriegserfahrungen.

          Wellerhoffs viel gelobter Roman "Der Liebeswunsch" (2000) verzeichnete innerhalb eines halben Jahres bereits die siebte Auflage und avancierte somit zum größten Bucherfolg des Autors. "In der Literaturszene längst anerkannt", wurde er nun "von einem großen Publikum entdeckt", schrieb der Tagesspiegel. In "Der Liebeswunsch" erzählen vier Wahlverwandtschaftsprotagonisten aus wechselnden Perspektiven über die Verstrickungen eines Freundschaftsbundes, der in komplizierten, schmerzhaft scheiternden Liebesbeziehungen endet. 2005 wurde das Buch unter anderem mit Jessica Schwarz und Tobias Moretti verfilmt und kam im Frühjahr 2007 in die deutschen Kinos.

          2008 überraschte Wellershoff mit seinem ersten und einzigen Lyrikband "Zwischenreich" mit Gedichten aus den sechziger und siebziger Jahren, in denen er das lyrische Schreiben zeitweise als den einzig angemessenen Ausdruck seiner Erfahrungen empfand. 2009 erschien der Roman "Der Himmel ist kein Ort" über einen Pfarrer, der in eine große Sinnkrise gerät. Ausgehend von einem Krimi entwickelt sich der Roman in eindringlicher Beschreibung zu einem großen Gesellschaftsdrama.

          Im Juni 2006 wurde in der „Zeit" bekanntgegeben, Wellershoff sei seit dem Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 an von der NSDAP als Mitglied geführt worden. Einen Monat später sowie im Juni 2009 dementierte er in einem Essay im „Spiegel“, je einen Mitgliedsantrag gestellt zu haben, was ihm das Bundesarchiv in Berlin bestätigte.

          Anlässlich des 85. Geburtstags von Wellershoff legte der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010 das vergriffene literarische Standardwerk "Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt" über die Romane der Weltliteratur neu auf. Sein Werk ist in 15 verschiedene Sprachen übersetzt.

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